Magazin Berglandwirtschaft

Steilhangmechanisierung :

Der schafft fast jeden Hang

Seit 2012 arbeitet die Carl Hoffmann GmbH am Steillagenvollernter – Unterstützung durch Förderprogramm Innotop – Nun steht das interessante Projekt vor der Markteinführung

Steilhangmechanisierung: Der schafft fast jeden Hang

Das Ein-Mann-System des Steillagenvollernters besteht aus Raupe, Schlepper mit Funkfernsteuerung und Anhänger.

Wer beim Carl Hoffmann GmbH Landmaschinen-Fachbetrieb einen Pflug oder eine Drillmaschine erwerben will, macht den Weg nach Piesport an der Mosel vergebens. Dort sind ja auch keine Äcker zu finden. Rund um das beschauliche Weindorf sieht man nichts als Weinberge, soweit das Auge reicht. Mal steil, mal weniger steil, mal sehr steil an den sonnenverwöhnten Südhängen, wo das berühmte Piesporter Goldtröpfchen heranreift.

Der Hoffmann Landmaschinen Fachbetrieb vertreibt hier schon seit 1925 Geräte und Maschinen, die den Moselwinzern das Leben leichter machen sollen. „Vieles geht da schon“, erläutert Peter Hoffmann, der zusammen mit seinem Bruder Marcus das Geschäft inzwischen in der dritten Generation führt. „Der Seilzug in Verbindung mit dem Schlepper erlaubte erste Mechanisierungen auch in Lagen, in denen früher ausschließlich Handarbeit möglich war.“ Inzwischen haben Raupenfahrzeuge Einzug in den Weinbau gehalten, mit denen die Winzer eine Vielzahl von Pflegearbeiten durchführen können. „Bei der Weinlese jedoch hilft nach wie vor nur Manpower“, sagt Hoffmann. „Das werden wir mit unserem weltweit ersten Traubenvollernter für Steillagen ändern“.

Das Projekt der Hoffmann-Brüder ist schon weit gediehen. Marcus Hoffmann, studierter Landmaschinenbauer und technischer Projektleiter, liefert die Entwicklungs- und Konstruktionspläne für das Hoffmannsche Raupenmechanisierungssystem, kurz RMS, Bruder Peter knüpft als Diplom-Wirtschaftsingenieur die geschäftlichen Kontakte und kümmert sich ums Marketing. Das Unternehmen hat schon jede Menge Kapital in das Projekt gesteckt, rund 600.000 Euro haben die Hoffmanns in die Entwicklung des RMS investiert. Der Betrieb machte erste Erfahrungen mit einem Olivenschüttler, 2011 folgte eine Machbarkeitsstudie für den Steillagenvollernter und bereits 2012 startete das Projekt, mit 192.000 Euro Unterstützung vom rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium im Rahmen des Förderprogramms Innotop. Ende 2014 sagt Peter Hoffmann: „Die Ernte im Steilhang ist gelöst“.

Erste Verkäufe für 2016 geplant

Erste Verkäufe sind für 2016 geplant, dann wollen die Hoffmanns ihren Vollernter auch auf der Intervitis vorstellen. Der Markt ist jungfräulich, noch gibt es nirgendwo eine vergleichbare Erntemaschine. „Ich gehe von 20 Maschinen für Deutschland aus“, schätzt Peter Hoffmann. „Die Abnehmer sitzen hier an der Mosel, am Mittelrhein und rund um Würzburg. Dazu kommen die Terrassenanbaugebiete in der Ortenau und im Elsass. Ich erwarte mir aber auch ein großes Interesse in vielen Weinbauregionen in der ganzen Welt.“ Portugal und Österreich hat er schon fest im Visier.

Wenn es nach ihm geht, gehören Menschenkolonnen, die sich mühsam Reihe für Reihe durch die Rebstöcke arbeiten, bald der Vergangenheit an. Für die Winzer wäre das ein großer Fortschritt. Schon heute ist es extrem schwierig, Arbeiter für die Lese zu gewinnen, denn das ist in den extremen Steillagen ein echter Knochenjob. Zudem werden die Lohnkosten mit der Einführung des Mindestlohnes weiter steigen. Aber was schwerer wiegt: Die Qualitätsanforderungen, die jeder Winzer an sein Lesegut stellt, wachsen. Eine Ernte just in time, das ist nicht nur bei der Getreideernte oberstes Gebot. „Die Erntefenster für Qualitätswein werden immer enger“, weiß Hoffmann. „Schlagkraft ist gefragt und eine Ernte rund um die Uhr.“ Das RMS schafft einen Hektar in 4,5 Stunden bei einer Hangneigung bis 65 Prozent und ersetzt somit 30 bis 40 Ernte- helfer. Das Dienstleistungszentrum für Landwirtschaft DLR hat gerechnet: 3.500 bis 4.500 Euro kostet die Handlese je Hektar. Hoffmann will seinen Steillagen-Vollernter für 1.800 bis 2.000 Euro je Hektar als Dienstleister anbieten. Zwei Maschinen stehen für die praktische Testphase ab 2015 zur Verfügung. An einer Auslastung zweifelt Peter Hoffmann nicht. „Allein rund um Piesport haben wir rund 60 bis 70 Hektar Steillagen, auf denen wir die Vollernter einsetzen könnten“.

Eine Besonderheit des Raupenmechanisierungssystems sind seine flexiblen Einsatzmöglichkeiten Das Ein-Mann-System besteht aus einer Raupe, einem Schlepper mit Funkfernsteuerung und einem Anhänger. Das Ernteaggregat wird auf der Raupe aufgebaut. Mit einem Seilzug gesichert kann das Gerät an Hängen mit bis zu 78 Prozent arbeiten. „Mit solchen Werten werden wir den Vollernter aber nicht in die Zulassung bringen“, erläutert Hoffmann.

„Eine Absicherung ausschließlich über den Seilzug ist zu gefährlich. 65 bis 70 Prozent Steigung aber sind sehr realistisch, das schafft die Raupe theoretisch sogar ohne jede Absicherung. Die Raupe kann bei solch einem Gefälle zwar nicht mehr selbsttätig fahren, rutscht aber auch nicht ab.“ Eine Kombination in dieser Ausführung einschl. Schlepper wird laut Hoffmanns Kalkulation 250.000 Euro kosten. Als weitere Anbaugeräte stehen neben dem Ernteaggregat die üblichen Spezialmaschinen wie Laubschneider oder Bodenbearbeitungsgeräte verschiedener Hersteller zur Verfügung. Als eigene Entwicklung bietet Hoffmann Landmaschinen zudem eine selbst entwickelte Überzeilenspritze an, eine interessante Alternative zur Hubschrauberspritzung, die zunehmend in die Kritik gerät. Somit ist das RMS ein echter Allrounder für die Steillagenbewirtschaftung.

Das Unternehmen

Der Hoffmann Landmaschinenbetrieb bietet die gesamte Gerätepalette für den Weinbau und die Kellerwirtschaft an.

Peter Hoffmann ist als Wirtschaftsingenieur verantwortlich für das operative Geschäft.

Peter Hoffmann ist als Wirtschaftsingenieur verantwortlich für das operative Geschäft.

Ein zweites wichtiges Standbein ist der Gebrauchtmaschinenhandel mit internationaler Vermarktung. Das Unternehmen beschäftigt 56 Mitarbeiter an den vier Standorten Piesport, Nittel, Kröv und Saulheim. Beim Vertrieb von Traubenvollerntern für flache Lagen arbeitet Hoffmann mit dem zweiten rheinland-pfälzischen Weinbaugerätespezialisten, der Firma Ero, eng zusammen.

Technik – Das Raupenfahrzeug Andreoli UT 100

Als Raupenfahrzeug wird die Andreoli UT 100 mit einem 95 PS starken VM Motor eingesetzt. Die Maschinen mit einstufigem Hydrostatantrieb werden mit sechs doppelwirkenden Steuergeräten und einem einfachwirkenden Steuergerät mit Mengenteiler ausgestattet.

Der Kraftheber hat eine Hubleistung von 2,5 t am Unterlenker-Auge. Die Seilwinde lässt sich in ihrer Zugleistung stufenlos von 0 bis 1.500 kg einstellen. Eine höhere Leistung wäre möglich, das ist aber vom Hersteller nicht gewünscht, weil der RMS Anhänger sonst möglicherweise keinen ausreichenden Stand mehr bietet.

Die Steuerungskomponenten sind von Bosch Rexroth. Die Kraft am Seil wird über einen Messbolzen ermittelt und in ein digitales Signal umgewandelt. Der in der Raupe verbaute Computer vergleicht die Seilspannung mit dem vom Bediener eingestellten Vorgabewert und regelt über ein sogenanntes „Mooring Ventil“ die Verstell Pumpen aus. Daraus wiederum ergibt sich die vom Bediener gewünschte Seilspannung, die er je nach Hanglage und der zu verrichtenden Arbeit wählt.

Das klingt simpler als es in Wirklichkeit ist. Die Winde muss erkennen, ob sich das Fahrzeug in Bergauf- oder in Bergabfahrt befindet. Je nachdem treten die Wirkungsgradverluste in umgekehrter Richtung auf und müssen durch den Computer eliminiert werden. Die Raupe ist auch ohne Winde erhältlich.


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