Schweinehaltung:

Strukturwandel ist ungebremst

Eine Umfrage zeigt, dass aktuell jeder sechste Betrieb den Ausstieg plant beziehungsweise bereits eingeleitet hat

Schweinehaltung: Strukturwandel ist ungebremst

Schlechte Preise, fehlender politischer Rückhalt und mangelnde Perspektiven lassen viele Sauenhalter aufgeben.

Die Schweine-Branche befindet sich in einem massiven Wandlungsprozess. Einer Umfrage der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V. (ISN) zufolge wollen 60 Prozent der Sauenhalter und 40 Prozent Schweinemäster ihre Produktion innerhalb der nächsten zehn Jahren einstellen. Jeder sechste Betrieb plant den Ausstieg schon sehr konkret beziehungsweise hat diesen Ausstieg bereits eingeleitet oder innerhalb der kommenden zwei Jahre vorgesehen. Sicherlich ist der Strukturwandel in der Landwirtschaft nichts Neues, dennoch kracht es derzeit mächtig im Gebälk der Schweinehalter. Experten gehen davon aus, dass dies auch für den vorgelagerten Bereich und den ländlichen Raum insgesamt Folgen haben wird.

Afrikanische Schweinepest

Das Auftreten der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland im September 2020 dürfte der Startschuss in das derzeitige Tal der Tränen gewesen sein. In der Folge brachen dem Netto-Exporteur die wichtigen EU-Auslandsmärkte faktisch weg. Ware konnte nur noch innerhalb der EU unter der Hinnahme kräftiger Preiszugeständnisse vermarktet werden. Diese Situation hat sich weiter verschärft, nachdem der Hauptkunde China seine Importpolitik für Schweinefleisch überarbeitet hat. Insgesamt ist diese Entwicklung aber kalkulierbar.

Corona und kein Ende

Mit dem Verlauf in der Corona-Krise tut sich die Branche dagegen schon schwerer. Drohende Lockdown-Maßnahmen könnten die Gastronomie als wichtigen Absatzkanal für Schweinefleisch für die kommenden Monate deutlich einschränken. Es wird sich zeigen, in welchem Maße Ware, die üblicherweise über Restaurants, Kantinen und Mensen vermarktet wird, über den Lebensmitteleinzelhandel zum Endverbraucher gelangen wird. Im vorigen Corona-Winter konnte die Branche bereits Erfahrungen sammeln, dass über diesen Absatzkanal eine gewisse Entlastung stattgefunden hat. Derzeit sorgt eine verstärkte Nachfrage im Vorweihnachtsgeschäft für weitere Entlastung, Mäster sorgen sich vor allem vor der weiteren Entwicklung zu Beginn des kommenden Jahres.

Flaschenhals Schlachtbank und Transport

Corona hinterlässt seine Spuren aber auch in der Logistik und Verarbeitung. An den Schlacht- und Zerlegebändern fehlt es den Schlachtunternehmen an Personal. „Bei uns sind viele Mitarbeiter zu Paketlieferdiensten und zu Amazon gewechselt“, berichtet der Mitarbeiter eines Schlachtunternehmens im Raum Weser-Ems, „das ist sauberer und berechenbarer“. Zudem fallen auch im zweiten Corona-Winter immer wieder Schichten aus, weil einzelne Mitarbeiter positiv auf Corona getestet werden – „das ist betrüblich, aber das haben wir mittlerweile im Griff“. Klagen sind hingegen auch weiterhin über fehlende Lkw und Fahrer zu hören. „Für das tägliche Routinegeschäft haben wir die Lage im Griff, leider können wir momentan aber nur noch recht unflexibel auf kurzfristige Veränderungen und Zusatzaufträge reagieren“, so der Mitarbeiter.

Angesichts der aktuellen Schweinepreise im Bereich von 1,20 Euro/kg (VEZG-Notierung) und Ferkelpreise im Raum von 20 Euro arbeitet die Schweine-Branche mit Verlust. „1,70 Euro“ wären nach Aussage von Beratern für eine kostendeckende Produktion notwendig, meinen Berater.

„Nur 1,20 Euro statt 1,70 Euro“

Von daher ist es nur vernünftig, dass sich Schweinehalter über ihre berufliche Zukunft Gedanken machen und ernsthaft den Ausstieg aus der Produktion ins Auge fassen. Gerade bei anstehenden Generationswechseln bietet sich ein Ausstieg aus der Produktion an, vor allem dann, wenn sich auf den Arbeitsmärkten besser bezahlte und zukunftssichere Positionen mit gesicherter Freizeit anbieten.

Vertrauensverlust und Perspektivlosigkeit

Vor diesem Hintergrund ist es verwunderlich, dass die ökonomische Lage auf den Schweinemärkten letztlich nicht als vorrangiger Grund für den Ausstieg aus der Produktion genannt wird. Laut der Befragung der ISN sind es vor allem die allgemeinen Rahmenbedingungen, die Schweinebauern zum Ausstieg aus der Produktion drängen. Es fehle an politischem Rückhalt, an Perspektiven und Planungssicherheit. Schweinehalter verweisen dabei unter anderem auf die Ergebnisse des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung, die unter Federführung des ehemaligen Landwirtschaftsministers Jochen Borchert erarbeitet und der Politik vorgelegt worden waren. Diese seien kaum gewürdigt und nicht in der aktuellen Agrarpolitik berücksichtigt worden. Zudem enge das Korsett aus Auflagen und Bestimmungen den betrieblichen Spielraum so ein, dass ein echtes unternehmerisches Handeln kaum noch möglich sei. Mit vorsichtigem Optimismus werden die derzeitigen Entwicklungen im Lebensmitteleinzelhandel beobachtet. So haben sich die Discounter Aldi und Lidl dazu entschlossen, künftig nur noch Schweinefleisch zu verkaufen, welches die 5D-Kriterien – Geburt, Aufzucht, Mast, Schlachtung und Zerlegung/Verarbeitung in Deutschland – erfüllt. Ob dies für den deutschen Schweinesektor ein zukunftsweisender Weg sein kann, wird sich am Markt erst noch beweisen müssen. Immerhin ist es den Discounter-Riesen einen ernsthaften Versuch wert. Und vielleicht gelingt es dem Markt ja, eine Lösung zu finden, die auf politischem Wege wohl nicht zu realisieren war: eine Standortsicherung für die deutsche Schweineproduktion.

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