Magazin Wirtschaft

Russlands Landtechnik :

Ausbau mit Hindernissen

Es tobt viel Streit in den letzten Monaten zwischen Moskau und Vladivostok. Dabei geht es auch um Corona, im Landmaschinenbau aber vor allem um den besten Weg zur Versorgung der russischen Bauern mit günstiger Technik. Hintergrund ist ein Systemwechsel in der staatlichen Förderung.

Russlands Landtechnik: Ausbau mit Hindernissen

Kleinere Landtechnikhersteller profitieren in Russland deutlich weniger von staatlicher Landtechnikförderung als die großen Drei.

Rostselmash hat sein Sortiment an Traktoren und Mähdreschern in den letzten Jahren zielstrebig erweitert und knüpft qualitativ an internationale Standards an.

Rostselmash hat sein Sortiment an Traktoren und Mähdreschern in den letzten Jahren zielstrebig erweitert und knüpft qualitativ an internationale Standards an.

Es waren in den letzten Jahren eigentlich ganz gute Zeiten für den russischen Landmaschinenbau. Im Rahmen der seit 2013 geltenden Förderrichtlinie Nr. 1432 der Regierung wurden den Werken erhebliche Finanzmittel zugesprochen: Zuerst gab es 15 % Zuschuss für jede Maschine inländischer Herkunft, seit 2018 dann 25 %. In Sibirien, auf der Krim und im Fernen Osten betrug der staatliche Zuschuss sogar 30 %. Damit kann man etwas anfangen als Landmaschinenwerker. Progressive und findige Hersteller wie Rostselmash oder das Traktorenwerk Petersburg nahmen die Förderung denn auch reichlich in Anspruch. Doch dann, im Frühsommer 2019, brach aus heiterem Himmel ein Gewitter herein – die Regierung kündigte das Ende der Förderrichtlinie 1432 und stattdessen ein gefördertes Leasingprogramm an: Anzahlung 20 %, dann fünf Jahre weder Zins noch Tilgung, dann den Rest. Das klingt erst mal gut, ist aber nichts Geringeres als ein Systemwechsel: Ging das Staatsgeld bisher an die Werke, sollte es nun an die Bauern gehen. Die fanden das gut, die Landtechniker weniger. Der Streit ging durch alle Etagen. Die Branche protestierte heftig, die großen Werke drohten mit Produktionsstopps. Im November erst knickte die Regierung ein: Aktueller Stand ist, dass das Programm 1432 unter Ausschluss von Leasingmodellen und Konzentration auf Direktverkäufe erst einmal bis 2022 weitergeführt wird. Parallel dazu ist im Januar tatsächlich das Leasingprogramm angelaufen, in dem für etwa 1 Milliarde Rubel Landtechnik gefördert werden kann. Das hört sich nach Friedensschluss an. Beendet sind die Diskussionen damit aber noch lange nicht.

Hintergrund der Regierungsbestrebungen zur Abschaffung des „1432“ dürfte sein, dass das Programm einigermaßen aus dem Ruder gelaufen ist. Analysen zeigen, dass sich der Finanzierungsbedarf seit 2013 auf mehr als das 30-fache erhöht hat: Man war einmal mit 430 Millionen Rubeln gestartet, und 2019 wurden 14,5 Mrd. Rubel an die Werke ausgezahlt. Dessen nicht genug, beziffert die Branchenvereinigung „Rosspezmasch“ den nach Richtlinie zu bewilligenden Förderbedarf für 2019 auf 18,8 Mrd. Rubel, und der zu erwartende Finanzbedarf bis 2025 wird auf bis zu 39 Mrd. Rubel geschätzt. Dabei ist aus Sicht der Regierung der wünschenswerte Effekt nicht da: Der Versorgungsgrad mit Traktoren habe sich in den letzten fünf Jahren um 20 % verringert, meldet das Staatliche Statistikkomitee „Rosstat“. Zweiter Kritikpunkt der Regierung: Die Breitenwirksamkeit ist zu gering. Kleinere Betriebe bekommen nur gut 20 % aus dem Programm, knapp 80 % teilen sich die Werke in Rostow, St. Petersburg und Samara.

Dabei kann man die Wirkung der staatlichen Förderung durchaus auch positiv sehen, denn es gibt zähl- und sichtbare Fortschritte. Über das Programm 1432 sind allein im Jahr 2019 gut 24.000 Einheiten Technik verkauft worden. Offiziellen Angaben zufolge hat sich die Zahl der im Land hergestellten Landmaschinen seit 2013 versechsfacht, wobei hier Einschränkungen gelten (vgl. eilbote 11/2020, S. 6–7). Der Marktanteil der einheimischen Agrartechnik ist nach Angaben von „Rosspezmash“ von 24 % im Jahr 2013 auf 60 % aktuell gestiegen, wobei das nicht nur eine Folge der Förderung, sondern auch der Unterdrückung von Importen ist. Erkennbare Fortschritte gibt es auch im Bereich der Antriebstechnik: Wie Konstantin Babkin, Vorsitzender der Branchenvereinigung „Rosspezmasch“, unlängst mitteilte, konnte das Sortiment an im Land hergestellten Motoren in letzter Zeit im Bereich 140 bis 280 PS ergänzt werden. Bislang waren lediglich Motoren in den Größenklassen um 90 PS (Traktorenwerk Tscheboksary) und 350 bis 420 PS (Traktorenwerk Petersburg) aus inländischer Produktion verfügbar. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass aktuell in Russland immer noch weder kleine Traktorenmotoren im Bereich von 20 bis 80 PS hergestellt werden noch Motoren in den begehrten Mittelsegmenten von 100 bis 140 und 200 bis 400 PS. Auch Großaggregate über 420 PS fehlen weiterhin. Das soll sich Planungen der beteiligten Unternehmen zufolge nun aber bald ändern. Für kleine Traktorenmotoren gibt es Projekte in Tscheboksary, Kasan, Samara und St. Petersburg, die Mittelklasse und die Oberklasse werden voraussichtlich Rostselmash in Rostow am Don und das Petersburger Traktorenwerk besetzen.

Die Traktoren von Agromash Tscheboksary basieren überwiegend auf bewährten Konstruktionen, sind in den letzten Jahren aber erheblich modernisiert worden.

Die Traktoren von Agromash Tscheboksary basieren überwiegend auf bewährten Konstruktionen, sind in den letzten Jahren aber erheblich modernisiert worden.

Wer das weiß, versteht die zum Teil sehr entschlossenen Diskussionen um die staatliche Landtechnikförderung sehr schnell ein Stück besser: Die neuen Pläne kosten Geld, viel Geld! Für Entwicklung und Aufnahme der Motorenproduktionen werden schnell Millionenbeträge erforderlich, die die Investoren natürlich nicht allein aufbringen wollen. Also wird es noch viele Verhandlungen um die Unterstützung der russischen Landtechnikindustrie geben. Und am Ende vielleicht sowohl das Leasingprogramm als auch die Direktförderung nach „1432“.


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