Magazin Nachwachsende Rohstoffe

Miscanthus :

Der Experte in der Nische

Bei Anton Sieverdingbeck aus Velen bei Borken (Westfalen) dreht sich alles um den Rohstoff Miscanthus: Von der Beratung über Pflanzung und Ernte bis zur Vermarktung bietet der Landwirt die komplette Dienstleistung an.

Miscanthus: Der Experte in der Nische

Die Miscanthus-Ernte erfolgt mit herkömmlichen Maishäckslern.

Auf dem Hof stehen 30  prall gefüllte Big Packs.   Anton Sieverdingbeck (25) gibt einem Mitarbeiter letzte Anweisungen: „Erst wässerst du die Säcke, dann lädst du sie mit dem Gabelstapler auf den Lkw.“ Da klingelt sein Handy: „Nein, als nächstes sind die Flächen hinter dem Reitstall dran“, beschreibt er einem Häckslerfahrer. Es ist Mitte April und der junge Betriebsleiter hat alle Hände voll zu tun: Das Pflanzmaterial muss zu den Kunden gefahren werden. Gleichzeitig läuft die Ernte auf Hochtouren. Gerade im Frühjahr dreht sich auf dem Betrieb im westfälischen Velen bei Borken fast alles um die Pflanze Miscanthus. Sieverdingbeck kümmert sich nicht nur um die Vermehrung und Pflanzung, sondern auch um Ernte und Vermarktung.

Sein Vater Bernhard Sieverdingbeck hatte schon seit einigen Jahren neben der Bullen- und Schweinemast ein Lohnunternehmen aufgebaut. Sieverdingbecks übernehmen typische Arbeiten wie Bodenbearbeitung, Pflanzenschutz, Dreschen und Pressen. Seit dem Jahr 2001 jedoch haben sich Vater und Sohn immer stärker für Miscanthus oder Chinaschilf interessiert. „Damals waren die Lebensmittelpreise extrem niedrig. Wir haben nach Alternativen gesucht und sind so auf diesen nachwachsenden Rohstoff gekommen“, blickt der Junior zurück. Das Faszinierende daran für ihn ist: Die Dauerkultur wird einmal gepflanzt und dann ohne viel Einsatz mindestens 20 Jahre lang einmal jährlich geerntet.

Thema im Studium weiterverfolgt

Nach dem Abitur im Jahr 2005 studierte er in Bonn Agrarwissenschaften – nicht ohne Grund: Denn an der Uni lehrt unter anderem Prof. Dr. Ralf Pude, der in Deutschland als langjähriger Experte für Miscanthus gilt.

Das Thema ließ Sieverdingbeck auch während des Studiums nicht los. So verwundert es nicht, dass er im Jahr 2010 sogar seine Diplomarbeit über die „Ökonomische Bewertung unterschiedlicher in der Praxis angewandter Anbau- und Verwertungsverfahren von Miscanthus“ schrieb. Seit dem Jahr 2010 ist er wieder zurück auf dem Betrieb und baut seitdem die Nische Miscanthus weiter aus.

Miscanthus ist in Deutschland immer noch eine Nische, ist aber nicht neu. Denn schon in den neunziger Jahren hatte die Pflanze bereits für einen großen Boom gesorgt. Doch die geringe Erfahrung in punkto Pflanzgutauswahl, Pflanzung, Bestandespflege und Erntezeitpunkt hat dazu geführt, dass etliche Schläge ausgewintert oder schlicht vom Unkraut überwuchert wurden. So wendeten sich viele Landwirte enttäuscht ab.

Mittlerweile gibt es deutschlandweit rund 2000 ha Anbaufläche, Tendenz steigend.

Denn die Technik hat sich fortentwickelt. Das Chinaschilf wird mit mehrreihigen Pflanzmaschinen ähnlich wie Kartoffeln im April gepflanzt. Im ersten Jahr ähnelt der Pflanzenschutz dem vom Mais. Wenn sich die Pflanzen etabliert haben, beschatten sie den Boden sehr schnell, so dass kaum Beikräuter wachsen.

Auch Sieverdingbeck hat in den vergangenen Jahren viel Wissen und Erfahrung zum Anbau gesammelt. Er berät immer häufiger Landwirte, die sich auch für die Dauerkultur interessieren. Außerdem kümmert er sich um den Internetauftritt des Betriebes. „Wir haben dafür auch Videos von der Pflanzung oder Ernte erstellen lassen, um das Verfahren anschaulicher zu machen“, ergänzt er.

In dem Betrieb gibt es aber auch sonst viel zu organisieren: Immerhin arbeiten dort zwei Festangestellte, ein Lehrling und bei Bedarf bis zu zehn Aushilfskräfte.

Pflanzen werden über Rhizome vermehrt

Die Miscanthussaison beginnt für Sieverdingbeck mit der Rhizomvermehrung. Miscanthus wird vegetativ vermehrt, d.h. durch Teilung von unterirdischen Pflanzenteilen, den Rhizomen. Nach der Ernte im April werden diese von Aushilfskräften von Hand vereinzelt. Zur Auswahl der richtigen Pflanzenteile gehört einige Erfahrung. Sieverdingbeck garantiert seinen Kunden eine Auflaufrate von 85 %. Darum ist rund die Hälfte der mit einem ungerüsteten Kartoffelroder geernteten Rhizome Ausschuss. Anschließend werden die Pflanzen in einem Kühlhaus bis zur Pflanzung gelagert. „Wichtig ist, dass man sie regelmäßig bewässert, damit sie nicht austrocknen“, weiß er aus Erfahrung. In diesem Jahr hat er Bestellungen zum Pflanzen von 100 ha Miscanthus. Mittlerweile hat der Landwirt die Vermehrung so optimiert, dass er die Rhizome für 16 Cent das Stück anbieten kann. Pro ha kostet das Pflanzgut dann einmalig rund 1600 bis 2000 Euro.

Der Anbau erfolgt meistens auf Standorten, die auch für Mais gut geeignet sind. Die Landwirte übernehmen die Pflanzung teilweise selbst, nutzen aber auch gern die Dienstleistung von Sieverdingbeck. Miscanthus lässt sich auch auf Böden anbauen, die im Herbst wegen Nässe schwer zu beernten sind. Denn die stark verzweigten Wurzeln tragen die Erntemaschinen schon im zweiten Jahr.

Der große Vorteil an Miscanthus als nachwachsender Rohstoff ist die einfache Ernte. Viele andere Pflanzen wie beispielsweise Hanf sind daran gescheitert, dass es keine geeigneten Ernteverfahren gab. Miscanthus dagegen lässt sich mit einem herkömmlichen Maishäcksler ernten. Sieverdingbeck setzt dafür einen Krone Bix X mit zehnreihigem Maisgebiss (Easycollect 7500) ein. Der Ertrag pro Hektar liegt zwischen 15 und 20 Tonnen. „Da die Pflanze bis auf die Pflanzung kaum Kosten verursacht, ist der Ertrag nicht so entscheidend. Daher ist sie auch für Grenzstandorte gut geeignet“, macht Sieverdingbeck aufmerksam.

Die Häckselkosten liegen höher als die vom Mais. „Wir kalkulieren mit 200 Euro je Hek-tar plus Dieselkosten“, erläutert er. Grund: Der Verschleiß am Häcksler ist höher. Der Vorteil aber: Miscanthus wird im April geerntet, also zu einer Zeit, wo die Maschinen sonst nicht im Einsatz sind. Zu der Zeit sind Blätter abgefallen, die auf dem Boden zur Nährstoffrückführung dienen.

Pressen und Pelletieren sind zu teuer

Allerdings ist die Häckselkette nicht das einzige Ernteverfahren. Mittlerweile gibt es auch Landwirte, die mit einem Häckselvorsatz am Traktor fahren und die Häcksel über die Kabine hinweg direkt in einen Trichter auf einer hinterher gezogenen Quaderballenpresse blasen. Die Landwirte versprechen sich davon eine höhere Transportdichte des Materials. Denn die Schüttdichte von Miscanthushäcksel ist mit 110 kg je m3 sehr gering. „Auf einen Ladewagen mit 38 m3 Volumen passen normalerweise nur 4,5 t“, beschreibt Sieverdingbeck. Daher ist Miscanthus eigentlich ein Produkt, das vorwiegend regional und mit geringen Transportentfernungen vermarktet werden kann.

Trotzdem kommt für ihn das Pressen nicht in Frage: Die Kosten sind einfach zu hoch. Außerdem müssen die Ballen auch auf- und wieder abgeladen werden. Ebenfalls teuer ist das Pelletieren: Hier liegen die Kosten zwischen 80 und 100 Euro je Tonne.

Daher wählt er eine kostengünstige Alternative: Für längere Strecken z.B. zu einem Spanplattenwerk lässt der Unternehmer das Material auf etwa 1 cm Länge häckseln. Damit passen 6 t auf einen Transportwagen.

Erlös hängt von Verwertung ab

Der Erlös hängt von dem Preis des Produktes ab, das Miscanthus ersetzt. Der durchschnittliche Verkaufspreis liegt derzeit bei 75 bis 100 Euro je t. Das entspricht nach Sieverdingbecks Berechnung einem Weizenpreis von 21 Euro. Im Unterschied zu Getreide gibt es aber keinen Landhandel, den Absatzweg muss man sich selbst aufbauen. Sieverdingbeck rät jedem Interessenten, sich nicht nur von einem Abnehmer abhängig zu machen. Das ist bei dem vielseitigen Produkt allerdings weniger ein Problem:

– Miscanthus wird – anders als Kurzumtriebsholz wie Pappeln oder Weiden – mit einem Feuchtigkeitsgehalt von 15 % geerntet und eignet sich daher sehr gut als Brennstoff in speziellen Hackschnitzelheizungen. Allerdings muss die Heizung für diesen Brennstoff geeignet sein, da der Ascheschmelzpunkt von Miscanthus niedriger ist als bei Holz. Schmilzt die Asche bei zu hohen Verbrennungstemperaturen, bildet sich beim Abkühlen feste Schlacke, die die Heizung beschädigen kann. „Der Brennstoff lässt sich eher mit Stroh als mit Holz vergleichen, hat jedoch einen niedrigen Chlorgehalt“, berichtet Sieverdingbeck. Chlor im Rauchgas kann in Verbindung mit Kondenswasser Salzsäure bilden und das Metall im Kessel beschädigen.

– Wegen des Trockengehaltes hat das Material eine hohe Saugfähigkeit. Da es auch keine Schimmelpilze enthält, ist es bei Pferdebesitzern, aber auch bei Kleintierhaltern als Einstreumaterial sehr beliebt. Ein weiterer Vorteil von Miscanthus: Der Mist lässt sich anders als bei Sägespäne-Einstreu auf den Acker fahren. Auch preislich ist das Material sehr interessant für die Tierhalter, da Stroh genauso wie Sägespäne stark nachgefragt und dementsprechend teuer ist. „Bei uns wird gutes Stroh bereits für 100 Euro je Tonne gehandelt, Sägespäne kosten 200 Euro“, macht er aufmerksam.

– Ähnlich wie Sägespäne eignet sich Miscanthus auch zur Herstellung von Spanplatten.

– Auch als Abdeckmaterial für Beete sind die Hackschnitzel gefragt, da es ein günstiges Produkt ist.

– Miscanthus kann man auch in Beton einmischen und so als Baustoff z.B. beim Hausbau verwenden. Denn das Material hat gute Dämmwerte.

– Einige Jäger teilen sich mit Landwirten die Anbaukosten für Miscanthus, weil die Pflanze auch als Aufwuchs auf einem Wildacker geeignet ist und den Tieren im Winter Deckung gibt, wenn alle anderen Kulturen abgeerntet sind.

Die Spezialisierung auf den Rohstoff Miscanthus war für Sieverdingbeck bislang ein lohnendes Geschäft. Aus seiner Sicht hat es sich bewährt, die komplette Dienstleistung anzubieten. Mittlerweile ist er als Experte bundesweit gefragt und wird immer häufiger auch als Referent für Vorträge eingeladen. Dem Rohstoff Miscanthus steht jedenfalls eine glänzende Zukunft bevor: Bei jedem Anstieg des Ölpreises steigt die Nachfrage nach Alternativen. Und mit zunehmender Anbaufläche fassen die Landwirte immer mehr Vertrauen in die robuste Dauerkultur.

Hinrich Neumann


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