Biokraftstoffe - „Teller oder Tank“-Diskussion neu entfacht

Mit dem Ukraine-Krieg droht ein weltweiter Versorgungsengpass bei Nahrungsmitteln. Die Bundesregierung will daher Biokraftstoffe aus Raps oder Getreide weiter zurückdrängen. Branchenvertreter erklären, warum das mit Blick auf die Selbstversorgung die falsche Lösungsstrategie ist.

Biokraftstoffe: „Teller oder Tank“-Diskussion neu entfacht

Windstrom statt Rapsöl: Nach den Plänen der Bundesregierung soll die Elektromobilität massiv ausgeweitet werden.

In Deutschland ist die Teller-Tank-Debatte neu entfacht: Dürfen wir auf landwirtschaftlichen Feldern Rohstoffe für Biokraftstoffe anbauen und uns damit unabhängiger von russischen Energieimporten machen? Oder befeuern wir damit die weltweite Hungersnot?

Bundesumweltministerin Steffi Lemke ist jedenfalls klar der Meinung, dass der Anteil an Biokraftstoffen aus Nahrungs- und Futtermittelpflanzen weiter gesenkt werden muss, um den Druck auf die globalen Märkte, insbesondere für Nahrungspflanzen, zu verringern.

Gleichzeitig zweifelt das BUMV die Klimaschutzwirkung von Biokraftstoffen aus Nahrungs- und Futtermittelpflanzen stark an. Der Anbau von Energiepflanzen würde die Produktion von Nahrungsmitteln in andere Länder verlagern und dort Landnutzungsänderungen mit hohen CO₂-Emissionen verursachen, wie zum Beispiel das Roden von Regenwald.

Wie aus Regierungskreisen bekannt wurde, will das Ministerium daher deutlich weniger Nahrungs- und Futtermittelpflanzen in die energetische Verwendung im Verkehr lenken, so die Rohstoffverfügbarkeit erhöhen und den Druck auf Preise, insbesondere für Nahrungsmittel und Agrarflächen, verringern.

Bis 2030 keine Anbaubiomasse mehr in den Tank

Hierfür will das Ministerium die Obergrenze für Biokraftstoffe absenken, die auf die Treibhausgasminderungs-Quote angerechnet werden können. Biokraftstoffe werden in Deutschland durch die Treibhausgasminderungs-Quote (THG-Quote) des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (BImSchG) gefördert. Die THG-Quote verpflichtet die Kraftstoff- anbieter dazu, den CO₂-Ausstoß von Benzin oder Diesel durch verschiedene Erfüllungsoptionen um einen gewissen Prozentsatz zu senken. Dieser liegt im Jahr 2023 bei sechs Prozent.

Einen Teil dieser Quote können die Verpflichteten aktuell bis zu einem energetischen Anteil von 4,4 Prozent (Obergrenze) durch Biokraftstoffe aus Nahrungs- und Futtermittelpflanzen erfüllen. 2023 sind zum Erfüllen dieser Quote 9,8 Mio. t Nahrungs- und Futtermittel (entspricht 2,5 Mio. ha Anbaufläche) nötig. Eine Absenkung dieser Obergrenze würde bewirken, dass der Anteil an Biokraftstoffen aus Nahrungs- und Futtermittelpflanzen sinkt. Denn Kraftstoffanbieter hätten keinen ökonomischen Anreiz mehr, diese Biokraftstoffe einzusetzen.

Wie es aus Regierungskreisen weiter hießt, soll die Obergrenze im Jahr 2023 zunächst auf 2,5 Prozent abgesenkt und bis 2030 schrittweise weiter bis auf null gesenkt werden. Dies entspräche einer sofortigen Rohstoffeinsparung von 4,2 Mio. t an Nahrungs- und Futtermitteln beziehungsweise 1,1 Mio. ha Anbaufläche in 2023.

Um den Verzicht auf Biokraftstoffe aus Nahrungs- und Futtermitteln in der THG-Quote auszugleichen, sollen andere Erfüllungsoptionen gestärkt werden, wie eine höhere Anrechnung von Strom für Elektrofahrzeuge, von Wasserstoff und synthetischen Kraftstoffen, oder ein verstärkter Einsatz von Biokraftstoffen aus Altspeiseölen und tierischen Fetten. Zudem soll es eine Verlängerung der umstrittenen Anrechnung von Upstream-Emissionsminderung um zwei Jahre geben. Gemeint ist das unterlassene Abfackeln von Begleitgasen, die bei der Gewinnung von Erdöl entstehen.

Rückenwind von den Bundesländern

Rückenwind bekommt das BUMV von den Umweltministern der Bundesländer: „Teller statt Tank ist mehr denn je die Devise der Stunde“, sagte der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies nach Abschluss der jüngsten Umweltministerkonferenz am 16. Mai. In Deutschland würden derzeit jährlich 2,4 Mio. t Getreide für Bioethanol, also für die Beimischung für Fahrzeugkraftstoffe, genutzt. Weltweit würden 175 Mio. t Getreide im Tank landen. Das entspräche neun Prozent der Weltgetreideernte. „Spätestens angesichts des Krieges in der Ukraine müssen wir dringend umdenken. Jetzt ist die Zeit für mehr Sparsamkeit und einen sorgsamen Umgang mit unseren Ressourcen“, fordert Lies.

Biokraftstoffe: „Teller oder Tank“-Diskussion neu entfacht

Bei der Biodieselproduktion fallen verschiedene Nebenprodukte an, die als Nahrungsmittel oder Industrierohstoff verwendet werden.

Kritik der Biokraftstoffindustrie

Die Biokraftstoffverbände warnen dagegen vor einer Abkehr der bisherigen Politik. „Wenn die Umweltminister Biokraftstoffe weiter deckeln wollen, müssen sie auch sagen, wie sie die Klimaziele erreichen wollen“, sagt Elmar Baumann, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Biokraftstoffindustrie. Bei den derzeit hohen Agrarpreisen sei die Herstellung von Biodiesel längst von den Produzenten zurückgefahren worden. Für Ethanol werde zudem meistens Getreide verwendet, das nicht nahrungsmitteltauglich ist. „Mit den jetzt angedachten Maßnahmen betreiben die Umweltpolitiker nutzlose Symbolpolitik. Aufgrund der Marktentwicklungen, die sowieso stattfinden, würden sie den Nahrungsmittelmarkt in keiner Weise entlasten“, sagte Baumann.

Er verwies zudem darauf, dass bei der Biokraftstoffproduktion gleichzeitig eiweißreiches Tierfuttermittel entsteht. „Aus 60 Prozent der Rapsernte wird Rapsschrot zur Tierfütterung, lediglich 40 Prozent werden zu Pflanzenöl, aus dem Biodiesel gewonnen werden kann. Das Proteinfuttermittel kommt der Lebensmittelherstellung zugute, indem es an Hühner, Kühe und Schweine verfüttert wird und Futter aus Soja ersetzt, das aus Übersee importiert werden müsste“, sagte Baumann.

Ein gravierendes Problem sei auch die Verfügbarkeit von Glycerin: „Als Koppelprodukt von Rapsbiodiesel hat Glycerin als unverzichtbarer Bestandteil von Lebensmitteln, Kosmetika und Arzneimitteln sein fossiles Äquivalent in den vergangenen Jahren praktisch vollständig ersetzt. Drosselt man die Biodieselproduktion, verknappt man auch diesen wichtigen Rohstoff. Die Industrie müsste wieder fossiles Glycerin einsetzen – das ist nicht nur klima- und umweltpolitisch eine absurde Idee“, so der Verbandsgeschäftsführer weiter.

Die Umweltminister wollten offenbar ohne Nutzen für die Lebensmittelversorgung mehr fossile Kraftstoffe verbrennen und mehr Soja importieren. Damit würden sie nicht nur den Biokraftstoffproduzenten, sondern auch der deutschen Landwirtschaft schaden.

Schon unter den EU-Vorgaben

Die Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen (UFOP) verweist darauf, dass die Kappungsgrenze für Biokraftstoffe aus Anbaubiomasse in Höhe von 4,4 Prozent am Endenergieverbrauch weit unter dem Limit von sieben Prozent liege, was im europäischen Regelwerk möglich wäre.

Biokraftstoffe: „Teller oder Tank“-Diskussion neu entfacht

Rapsanlieferung an ein Biodieselwerk in Mannheim: Das BMUV will, dass weniger Biomasse im Tank landet.

Die aktuelle „Tank oder Teller“- Diskussion berücksichtige weder die Vorreiterrolle der Biokraftstoffe in der auch in Drittstaaten umzusetzenden Nachhaltigkeitszertifizierung noch deren Beitrag zur Versorgungssicherheit: In Deutschland seien im Jahr 2020 insgesamt 4,5 Mio. t Biokraftstoffe anstelle von fossilen Importen eingesetzt worden. Hierzulande werden laut UFOP jährlich circa 9 Mio. t Rapssaat zu circa 4 Mio. t Rapsöl verarbeitet, davon werden etwa 0,85 Mio. t zu Speisezwecken verwendet. Das bei der Verarbeitung anfallende Rapsschrot entspricht einer vermiedenen Anbaufläche von circa 2 Mio. ha Soja in anderen Regionen der Erde. Die UFOP kritisiert zudem, dass die Bundesregierung trotz der knapp versorgten Agrarmärkte weitere Flächen brachlegen will. Hier werde beim Bedarf zur Nahrungsmittelversorgung offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen.

Faktencheck mit Gegenargumenten

Auf die massive Kritik an Biokraftstoffen haben der VDB, die UFOP, der Bundesverband Bioenergie, der Bundesverband der Deutschen Bioethanolwirtschaft (BDBe) und der Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (OVID) mit einem „Faktencheck“ reagiert. Darin erläutern sie, dass die Herstellung nachhaltiger Biokraftstoffe aus Ölsaaten und Getreide mit der Erzeugung von Koppelprodukten für Lebens- und Futtermittel ein wichtiges Element der gesamten Ernährungskette ist. Pro Liter Bioethanol fallen 1,8 kg hochverdauliche Trockenschlempe und pro Liter Biodiesel 1,5 kg hochverdauliches Rapsschrot an. Diese Koppelprodukte tragen damit signifikant zur Verbesserung der Selbstversorgung mit Lebensmitteln bei und nutzen landwirtschaftliche Standorte und zudem Rohstoffqualitäten, die für die menschliche Ernährung nicht direkt nutzbar wären.

Zudem unterstreichen die Verbände den Beitrag zur Energieversorgungssicherheit und für den Klimaschutz. So haben Bioethanol und Biodiesel als Beimischung zu fossilen Kraftstoffen allein in Deutschland im Jahr 2020 mit rund 4,5 Mio. t Kraftstoff zur Energieversorgung im Verkehrssektor beigetragen beziehungweise den entsprechenden Importbedarf von Rohöl oder fossilen Kraftstoffmengen aus oftmals instabilen Weltregionen sowie autokratischen Ländern reduziert.

Die Verbände heben hervor, dass Biokraftstoffe gegenüber fossilen Kraftstoffen die Treibhausgasemissionen um bis zu 90 Prozent verringern und damit jährlich für die Einsparung von über 10 Mio. t CO2 stünden. Die Verbände warnen deshalb davor, dass Einschränkungen für die Biokraftstoffproduktion nicht nur zu einer Erhöhung des Importbedarfs an Futtermitteln und Flächendruck in Drittstaaten führen, sondern zugleich die tragende Säule zur Erfüllung der Klimaziele für den Verkehrssektor wegbrechen würde.

Der Faktencheck steht auf der Webseite des Bundesverband Bioenergie zum Download zur Verfügung (www.bioenergie.de).

Keine drohende Hungersnot

Die Annahme, Biokraftstoffe würden zum weltweiten Hunger beitragen, ist auch nach Ansicht von Claus Sauter ein Trugschluss. Sauter, Gründer und Vorstandsvorsitzender des Biokraftstoffherstellers Verbio AG, sagt dazu: „Die aktuelle Debatte suggeriert, man müsse sich entscheiden, ob man im Sinne der Klimastrategie weiter auf klimafreundliche Mobilität und nachhaltige Energiegewinnung setzt oder Lebensmittel produziert. Aber: Nahrungsmittelsicherheit und der Einsatz von Biomasse für den Klimaschutz sind kein Entweder-Oder! Gravierender noch: Auf Basis falscher Annahmen gefährdet das Bundesumweltministerium notwendige Investitionen zur Erreichung der Klimaziele.“ Der Verbio-Gründer macht auf ein weiteres Dilemma aufmerksam: „Ohne Biokraftstoffe gibt es keine Unabhängigkeit von russischem Öl und Gas. Die Transformation im Energiesektor gelingt nur mit heimischen erneuerbaren Energien aus heimischen Agrarroh- und -reststoffen.“

Biokraftstoffe: „Teller oder Tank“-Diskussion neu entfacht

Die Verbio AG produziert in Schwedt u.a. Biodiesel, Bioethanol und Biomethan.

Fortschrittliche Biokraftstoffe, wie das Biomethan aus Stroh der Verbio AG, nutzen landwirtschaftliche Reststoffe als Rohstoff, die bisher vielfach ungenutzt bleiben. Karin Naumann vom Deutschen Biomasseforschungszentrum DBFZ sieht deren Verfügbarkeit unkritisch: „Es sind umfangreiche Abfall- und Reststoffe vorhanden. Ihr Einsatz für die Produktion von kostengünstigen, nachhaltigen Biokraftstoffen ist nicht nur aus rohstoffwirtschaftlicher Sicht sinnvoll, sondern kann auch einen wertvollen Beitrag zur CO-Reduktion im Verkehr leisten – einem der zentralen Hebel zur Erreichung der Klimaziele der Bundesregierung.“

Agravis: „Keine Konkurrenz“

Dr. Dirk Köckler, Vorstandsvorsitzender des Agrarhändlers Agravis Raiffeisen AG, gibt zu bedenken, dass die EU in vielen Punkten die maßgebliche Instanz ist: „Eine künstlich herbeigeredete Konkurrenz zwischen Energieversorgung und Ernährungssicherheit ist nicht gegeben, vielmehr gehen beide Hand in Hand. Bioenergie ist ein wichtiger Teil der Landwirtschaft, sie verwertet minderwertiges Getreide und stellt Futter- und Düngemittel bereit.“ Unternehmen wie Verbio würden schon aus Kostengründen kein Brotgetreide für die Produktion nutzen. Der Verbio-Standort Schwedt liegt in einer Region mit schwachen Böden. Dort können laut Köckler lediglich die Futtergetreidearten Roggen und Triticale angebaut werden, die nicht für die Humannahrung geeignet sind.

Zudem sei der Einsatz von Agrarprodukten im Biokraftstoffbereich auf EU-Ebene gesetzlich geregelt: 60 Prozent der angebauten Rapsölpflanzen gehen in die Proteinfuttermittel-Produktion, nicht in den Tank. Die Landwirte müssten sich an eine durch die EU vorgegebene mehrjährige Fruchtfolge halten, Änderungen können nicht eigenmächtig und nicht kurzfristig vorgenommen werden.

Bericht zur Ernährungssituation

Bereits im vergangenen Jahr hat der dritte UFOP-Bericht zur globalen Marktversorgung verdeutlicht, dass nur ein Bruchteil der weltweiten Getreide- und Ölsaatenbestände zu Biokraftstoffen verarbeitet wird. Die globale Getreidemenge von 2,8 Mrd. t reicht rechnerisch aus, um die Weltbevölkerung mit 350 kg Getreide und 27 kg Öl pro Kopf zu versorgen. Damit müsste niemand hungern. Aber die Versorgung ist sehr heterogen, es gibt eine sehr ungleichmäßige Verteilung. So kommt Afrika lediglich auf 145 kg Getreide und 6 kg Pflanzenöl je Einwohner.

Von den weltweit erzeugten rund 2,8 Mrd. t Getreide werden nur 165 Mio. t zu Biokraftstoffen verarbeitet. Das sind acht Prozent der weltweiten Getreideernte. Der Großteil (1 Mrd. t) geht in die Futtermittelindustrie, 0,7 Mrd. t werden zu Nahrungszwecken verwendet. Die USA sind demnach mit 60 Mio. t der größte Produzent des Biokraftstoffs Ethanol aus Getreide. Rohstoffbasis ist hier allerdings Mais. Während in der Nordhalbkugel neben Getreide und Mais auch Zuckerrüben für die Bioethanolproduktion verwendet werden, kommt in Ländern wie Brasilien, Thailand oder den Philipinen Zuckerrohr zum Einsatz. Der Bericht zeigt, dass vielfach eine verantwortungslose Regierungsführung und regional auch witterungsbedingte Einflüsse wie Trockenheit oder zu viel Regen die Versorgung mit Nahrungsmitteln gefährde.

Noch sind die Vorschläge der Bundesregierung nicht umgesetzt. Widerstand könnte es unter anderem beim Bundesverkehrsministerium geben: Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) sieht den Vorstoß von Umweltministerin Steffi Lemke kritisch. Wie er der Presseagentur dpa sagte, führe die Initiative zu einem höheren Ausstoß von Treibhausgasen im Verkehr. Die Pläne des Ministeriums seien auch innerhalb der Bundesregierung nicht abgestimmt.

 

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