Magazin Landtechnik

VDI Bezirksverein Köln :

Die Firmenfarben gibt man an der Garderobe ab

Der Arbeitskreis Landtechnik im VDI Bezirksverein Köln feierte mit einer Festveranstaltung sein 40-jähriges Bestehen – In Köln hat der fachliche Austausch unter Landtechnikkollegen Tradition

VDI Bezirksverein Köln: Die Firmenfarben gibt man an der Garderobe ab

Sie gestalteten die Festveranstaltung mit ihren Beiträgen (v.l.): Horst Behr, Dr. Bernard Krone, Clemens Nienhaus, Frau Dr. Ljuba Woppowa, Prof. Till Meinel, Prof. Hermann Auernkammer und Michael Flanhardt.

„Kabinenentwicklung für Traktoren – eine Sackgasse?“ Clemens Nienhaus erinnert sich noch genau an die erste Podiumsdiskussion im ganz jungen Arbeitskreis Landtechnik im Kölner VDI Bezirksverein am 6. April 1978. Der damals zum Fachgespräch eingeladene Landwirt wiegelte ab: „Ich brauche einen ordentlichen Arbeitsplatz und kein Wohnzimmer auf meinem Traktor“, so sein Standpunkt. Dass die Entwicklung hier in eine andere Richtung ging, ist bekannt. Über 130 Veranstaltungen zu Themen wie Hydraulik, Gelenkwellen, Elektronik bis hin zur Digitalisierung in unserer Branche hat der Kölner Arbeitskreis seit der Gründung durch Prof. Dr. Erhard Schilling am 22. November 1977 bis heute ausgerichtet.

Clemens Nienhaus hat den Arbeitskreis 20 Jahre geleitet. Aktuell steht Michael Flanhardt im Ehrenamt an der Spitze des Arbeitskreises und führte durch das knapp dreistündige Programm der 40-jährigen Geburtstagsfeier am 5. Dezember. Da der große Hörsaal in der TH Köln, sonst Ort für die Treffen, besetzt war, lud man die Gäste in den repräsentativen Konferenzbereich des nahegelegenen TÜV-Rheinland. Neben Flanhardt stellten auch die Geschäftsführerin des VDI-Bereichs Technologies of Life Sciences (TLS), hier ist die Landtechnik zugeordnet, Frau Dr. rer. nat. Ljuba Woppowa sowie die ehrenamtlichen Repräsentanten des VDI-Bezirksvereins Köln, Prof. Till Meinel und Horst Behr, die Vorteile der Wissenschafts-Community VDI und besonders der Max Eyth Gesellschaft (MEG) – hier sind die Landtechnikingenieure beheimatet – heraus. Prof. Meinel hob die fachlich kollegialen bis zu freundschaftlichen Beziehungen in dieser Gemeinschaft hervor: „Bei unseren Treffen werden die Firmenfarben an der Garderobe abgegeben“, charakterisiert Prof. Meinel die Atmosphäre bei den Treffen des Arbeitskreises Landtechnik in Köln. Bei einem Glas Kölsch und Schmalzbrot besteht hier nach Vortrag und Diskussion die Gelegenheit, Kontakte zu pflegen und neue zu knüpfen. Auch auf Bundesebene sei die Zusammenarbeit der Landtechnik-Community im VDI-MEG sehr effektiv und somit einer der Gründe für den weltweiten Erfolg der deutschen Landmaschinenhersteller.

„In unseren Fachausschüssen zur Forschung und Lehre tauschen sich Universitäts- und Fachhochschulprofessoren untereinander aus, entwickeln sogar Projekte zu gemeinsamen Promotionen. Für diese pragmatische Zusammenarbeit in der Landtechnik beneiden uns andere Fachbereiche “, berichtet Prof. Meinel. Die Nachwuchsförderung im VDI-MEG hebt er besonders hervor. Er lädt die auch bei dieser Arbeitskreis-Veranstaltung anwesenden Studierenden ein, die VDI-MEG-Angebote intensiv für ihre berufliche Karriere nutzen.

Meilensteine und Visionen der Landtechnik – Prof. Dr. Hermann Auernhammer gab mit dem einen und anderen Augenzwinkern einen Rückblick, der über die letzten 40 Jahre hinausreichte und formulierte seine Erwartungen, was die Landtechnik der Zukunft betrifft. „Innovationen in der Landtechnik brauchen 30 Jahre bis zu ihrer breiten Akzeptanz in der Praxis“, so seine These. „Das trifft auch für die Agrarelektronik zu!“ Prof. Auernhammer gilt als einer der Pioniere des „Precision Farming“. Er schilderte seine Versuche im Jahr 1990, als in Freising erstmals ein Serienmähdrescher mit einer GPS-gestützten Ertragserfassung Ergebnisse liefern sollte. „Doch auf meiner Ertragskarte gab es leider viele weiße Flecken. Es herrschte der Irak-Krieg und die Amerikaner lenkten ihre Satelliten über den Irak, so dass es für uns während des Versuchs sehr schwierig war, für die korrekte Position von mindestens vier Satelliten Signale zu erhalten.“ Übrigens brauchte man 1990 bei dem Versuch mehr Zeit für die Datensicherung als für das Dreschen.

Die Agrartechnik habe, was ihre Größe angeht, laut Prof. Auernhammer heute ihr Maximum erreicht. Die Technik mache heute eine erosionsmindernde und landschaftserhaltende Landwirtschaft mit Bezug auf die Einzelpflanze möglich. „Daher werden biologische und konventionelle Landwirtschaft keine Dogmen mehr bleiben, sondern zusammenwachsen“, so Prof. Auernkammer.

Enge Fruchtfolgen und Chemieeinsatz, der zu resistenten „Superkräutern“ führen kann, müssten passé sein. Die Pflege der Pflanzen mit Kleintechnik werde technisch machbar, Roboter ermöglichten hier neue Verfahren. „Stellen wir uns darauf ein, dass in Zukunft immer mehr Menschen in Städten leben und diese „Urbans“ die Leitlinien unserer künftigen Wirtschaftsweise vorgeben. Landwirtschaft muss sich zur umweltfreundlichen Landbewirtschaftung entwickeln“, so seine Forderung. Als Energiequelle der Zukunft sieht Prof. Auernhammer durch Strom aus Solarzellen synthetisierte flüssige Kraftstoffe. Die gespeicherte Energie eines Sonnentages reiche aus, um die gesamte Welt ein Jahr zu versorgen, so das Plädoyer des Wissenschaftlers für die Solarenergienutzung im sogenannten „Power to Liquid“-Verfahren.

Um die weltweit wachsende Menschheit zu ernähren, will der Professor zwei wesentliche Ressourcen nutzen. Erstens: Die weltweiten Ernte- und Lagerungsverluste von aktuell bis zu 30 Prozent gelte es mithilfe digitaler Systeme für Logistik und Lagerung zu minimieren. Die zweite: „In der westlichen Welt landet fast ein Drittel der fertigen Lebensmittel in der Mülltonne!“ Auch hier könnte Datentechnik helfen, die Verschwendung einzudämmen.

Prof. Hermann Auernkammern ...

Prof. Hermann Auernkammern ...

... und Dr. Bernard Krone (oben) bei ihren Festvorträgen.

... und Dr. Bernard Krone (oben) bei ihren Festvorträgen.

Ingenieure müssen Teamplayer sein

Der zweite Festredner der von gut 180 Gästen besuchten Veranstaltung, Dr.-Ing. E. h. Bernard Krone, absolvierte 1962 sein Landtechnikexamen in Köln. Übrigens im zweiten Anlauf: Beim ersten Mal ließ ihn, wie er freimütig bekannte, die höhere Mathematik straucheln. Dr. Krone: „Ich habe in Köln viel Selbstbewusstsein getankt. Wieder in unserer Firma, wusste ich dann als Studierter natürlich alles besser als mein Vater, der nur über eine Ausbildung zum Schmied verfügte.“ Daraufhin schickte sein Vater den Jungingenieur aus Spelle erstmal in die Welt hinaus, wo er eigene Erfahrungen sammeln sollte. Dieses für ihn sehr wichtige Jahr führte Dr. Krone nach England und Irland. Seine Erkenntnis dieser Reise in die Praxis: Studieren ist doch nicht alles!

Nach Rückkehr in das Emsland arbeiteten Vater und Junior Krone auch in der Konstruktion gut zusammen. „Wir haben alles Mögliche konstruiert – vom Pflug bis zum Gummiwagen“, so Dr. Krone rückblickend. Nach dem Tod des Vaters übernahm Dr. Krone mit 29 Jahren als Alleinerbe das Unternehmen. „Ich hatte aber große Unterstützung von meinen Vettern Heinz und Walter.“

„Ein Ingenieur muss Teamplayer sein – als Alleinkämpfer kann man die komplexen Aufgaben von Hydraulik, Elektronik und Mechanik heute nicht bewältigen“, so Dr. Krone. Der Ingenieur müsse die Themen zur richtigen Zeit erkennen und besetzen. Oft seien auch diplomatische Fähigkeiten Voraussetzung, um Entwicklungen voranzutreiben. „Als Ingenieur müssen Sie in Ihrem Unternehmen die unterschiedlichen Abteilungen wie z.B. Einkauf, Produktion, Marketing und Verkauf unter einen Hut bringen. Da ist Kompromissfähigkeit gefragt!“.

Aber was sind nun die besonderen Herausforderungen in der Landtechnik? „Sie entwickeln Fabriken auf Rädern: Nehmen Sie z.B. einen Maishäcksler oder eine Strohpresse – Maispflanzen oder auch Stroh sind aus Sicht des Maschinenbauers biogene, biegeschlaffe Materialien – durch Sorte, Wetter, Boden, Abreife ist das Material und damit das Verfahren aber tausendfach variiert. Das ist die Herausforderung!“ Dr. Krone gab ein Beispiel aus der eigenen Firma: „Während der Entwicklung unseres Big X-Maishäckslers warnten uns die Spezialisten: Der Mais hat 1.000 Gesichter. Bei unseren ersten Versuchen im Bestand stellten wir dann selbst fest, die Zahl muss noch um den Faktor hundert höher sein!“.

Ingenieure sollten kooperativ arbeiten und in Zusammenhängen denken. Kooperativ und herstellerübergreifend sollte daher auch die Datenübertragung in der Landtechnik gestaltet sein. „Es nutzt unseren Kunden nicht, wenn jeder Hersteller sein eigenes Süppchen kocht.“ Mit Blick in Richtung der Studierenden auf der Festveranstaltung schloss Dr. Krone seinen Vortrag: „Sie sind im richtigen Teil unserer Volkswirtschaft engagiert. Glauben Sie mir, die besten Jahre liegen noch vor uns!“

Rund 175 Gäste kamen zur 40-Jahr-Feier des Arbeitskreises in den Saal des TÜV Rheinland.

Rund 175 Gäste kamen zur 40-Jahr-Feier des Arbeitskreises in den Saal des TÜV Rheinland.


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