Magazin Grünfutter- und Weidetechnik

Weidewirtschaft :

Ein Profizaun gegen den Wolf schützt Schafe

Martin Holm von Highland Stall & Weide erstellt professionelle Zäune, um Mutterkuhherden gegen Wolfsangriffe zu sichern. Wir haben den Dienstleister bei der Arbeit begleitet.

Weidewirtschaft: Ein Profizaun gegen den Wolf schützt Schafe

Das Team von Highland Stall & Weide transportiert das ATV Mule auf der Pritsche eines Transporters.

Knurrend steht der Wolf mit gebleckten Zähnen sprungbereit vor dem Zaun. In wenigen Sekunden könnte es zum Angriff kommen – könnte man meinen. Doch nichts passiert. Denn die lebensgroße Attrappe besteht nur aus Kunststoff. „Mit ihr kann man schön zeigen, in welcher Höhe der Draht verlaufen muss“, sagt Martin Holm, Geschäftsführer von Highland Stall & Weide. Holm und sein Team baut professionelle Zäune für Landwirte, die Rinder, Pferde, Schafe, Ziegen und andere Tiere halten. Früher dienten die Zäune nur dazu, die Tiere am Ausbrechen zu hindern. Seit einigen Jahren sollen die Zäune aber auch verhindern, dass Wölfe eindringen.

In Deutschland wird der Wolf wieder heimisch. Im Jahr 2000 wurden die ersten Welpen in Sachsen in freier Wildbahn geboren. Seit dem breitet sich das Raubtier Richtung Nordwesten aus. Inzwischen gibt es bundesweit zwischen 300 und 500 Tiere, Tendenz stark zunehmend. Seit dem Jahr 2012 ist der Wolf auch in Niedersachsen angekommen. Hier gibt es mindestens fünf offiziell bestätigte Rudel und insgesamt über 70 Wölfe. Gerade im eng besiedelten Agrarland Niedersachsen ist das besonders brisant. Hier stehen allein auf 60.000 ha Mutterkühe. Dazu kommen nach Holms Schätzung weitere 130.000 ha Weiden für Ziegen, Pferde, Damm- und Gatterwild. Wie die offzielle Rissstatistik des Umweltministeriums zeigt, stehen alle diese Weidetiere auf dem Speiseplan des Wolfs.

Die meisten Weiden in Niedersachsen sind mit Stacheldraht oder ein oder zwei stromführenden Drähten in ca. 60 und 100 cm Höhe eingezäunt. Doch wie bestätigte Risse bei Mutterkühen in Niedersachsen zeigen, hält diese Einzäunung die Tiere zwar auf der Weide, den Wolf aber nicht vor dem Eindringen ab.

Die Mitarbeiter befestigen zwei zusätzliche Drahtspulen an dem Abrollgerät auf der Ladefläche des ATV.

Die Mitarbeiter befestigen zwei zusätzliche Drahtspulen an dem Abrollgerät auf der Ladefläche des ATV.

Bei einem neuen Zaun werden zu Beginn erst die Eckpfosten gesetzt.

Bei einem neuen Zaun werden zu Beginn erst die Eckpfosten gesetzt.

Fünf Drahtreihen

„Wir arbeiten bei Mutterkühen üblicherweise mit drei Drahtreihen, Wolfszäune haben dagegen fünf Drähte“, beschreibt Holm. Sie werden in einer Höhe von 20, 40, 60, 80 und 105 cm gespannt. „Rein technisch ist der Wolf relativ einfach auszuzäunen“, sagt er. Denn als Pfotengänger ist er – anders als Huf- und Klauentiere oder wir Menschen – perfekt geerdet. Ein Stromschlag ist also sehr schmerzhaft. Der untere Draht auf 20 cm Höhe verhindert, dass sich der Wolf unter dem Zaun hindurchwühlt. Ein aufwändiger Unterwühlschutz ist also nicht nötigt. Ein weiteres Problem ist das Überspringen. In Niedersachsen hat eine Wölfin Maschendraht in Höhe von 1,50 bis 1,60 m überwunden. Auch wenn das die Ausnahme ist, zeigt es doch, dass eine Zaunhöhe von unter einem Meter kein Hindernis darstellt. „Je besser der Wolf den Zaun sieht, um so leichter wird er ihn überspringen“, ist Holm überzeugt. Das ist beispielsweise bei mobilen Elektronetzen der Fall.

Holms Team verwendet dagegen Draht mit einem Durchmesser von 2,5 mm. Dieser lässt sich gegen das Licht nur schwer erkennen. Ein Wolf kann also nicht abschätzen, in welchem Abstand er abspringen muss, was abschreckend wirkt.

Die Drähte beim Wolfszaun werden in Abständen von 20 cm gespannt.

Die Drähte beim Wolfszaun werden in Abständen von 20 cm gespannt.

Zunächst werden die Isolatoren an den Eckpfosten angebracht, dann werden die fünf Drähte mit dem ATV auf einmal abgerollt.

Zunächst werden die Isolatoren an den Eckpfosten angebracht, dann werden die fünf Drähte mit dem ATV auf einmal abgerollt.

Eckpfosten aus Robinie

Der Zaun wird so errichtet: Zunächst werden die Eckpfosten gesetzt. Holm verwendet dafür Robinienholz, das noch härter und haltbarer als Eiche ist. Zum Einschlagen der 2,50 m langen Pfähle verwendet das Team eine Ramme mit einer Schlagkraft von 50 t. Diese ist am Traktor des Landwirtes montiert, der beim Zaunziehen Maschine und Arbeitskraft zur Verfügung stellt. „Ist kein Traktor verfügbar, können wir auch einen über den Maschinenring organisieren“, sagt Holm. Mit einer Spezialramme mit Volleisendorn kann er sogar in Felsen oder Straßen ein Loch stanzen, in das dann der Pfahl ca. 1,15 m tief gerammt wird.

Stehen die Eckpfosten, legt ein Mitarbeiter zunächst fünf Drahtschlingen in der entsprechenden Höhe um den Pfahl. An diesen Schlingen wird dann der stromführende Draht an glasfaserverstärkten Zugisolatoren befestigt. Er ist 2,5 mm stark und hält einem Zug von über 300 kg stand.

Für effizientes Abrollen der fünf Drahtreihen ist auf einem ATV, Modell Mule von Kawasaki, eine Rolle mit je fünf Drahtspulen montiert. Diese Abrolleinrichtung kommt von dem französischen Hersteller Roland. Je nach gewünschter Anzahl der Drahtreihen lassen sich bis zu fünf Drahtspulen befestigen. „Früher haben wir das mit einem Kompakttraktor gemacht. Aber die Mule fährt 40 km/h schnell und ist das perfekte Baustellenfahrzeug, um Werkzeug und Personal schnell von A nach B zu transportieren“, lautet Holms Erfahrung.

Der Mitarbeiter fährt mit dem ATV von Eckpfosten zu Eckpfosten, sodass fünf Drähte auf einmal abgerollt werden. Am letzten Eckpfosten befestigt er fünf Drahtschlingen, an die jeweils eine starke Stahlfeder befestigt wird. An diesen fünf Federn werden wiederum die fünf Drahtenden geknotet. Anschließend spannt der Mitarbeiter jede einzelne Draht-reihe, in dem er den Draht auf einer speziellen Drahtspule aufrollt und befestigt. Jeder Draht ist mit ca. 100 kg gespannt. Die Feder sorgt dafür, dass der Zaun auch bei Witterungs- und Temperaturschwankungen immer gespannt bleibt.

Anschließend rammt der zweite Mitarbeiter zusammen mit dem Landwirt die Zwischenzaunpfähle im Abstand von 7 m ein. Der gespannte Draht dient dabei als Richtschnur. Zum Schluss werden die Drähte mit Isolatoren an den Pfählen befestigt, die per Gasdruck-pistole an den Zaunpfahl geschlagen werden.

Nach dem Abrollen werden die fünf Drähte an einer Feder befestigt, dann auf eine kleine Spule gerollt und mit einer Zugkraft von 100 kg abgespannt.

Nach dem Abrollen werden die fünf Drähte an einer Feder befestigt, dann auf eine kleine Spule gerollt und mit einer Zugkraft von 100 kg abgespannt.

Auch die Eingangstore sollten oben und unten mit einer stromführenden Litze gesichert werden.

Auch die Eingangstore sollten oben und unten mit einer stromführenden Litze gesichert werden.

Zaun immer unter Strom

Seit mehreren Jahren ziehen Holm und seine Kollegen Zäune auch in Wolfsregionen. Pro Tag lassen sich 800 m Zaun ziehen, was ungefähr 2 ha entspricht. Die Zäune haben sich bislang als praxistauglich erwiesen „Uns ist kein Fall bekannt, bei dem ein Wolf eingedrungen ist“, sagt Holm.

Trotzdem stellt er immer wieder Fehler fest, die die Landwirte machen und die sich vermeiden ließen:

■ Einige Zaunanbieter empfehlen Isolatoren mit Abstandshaltern in 20 cm Höhe angebracht als „Wolfsschutz“. Sie kosten aber nicht nur das Vierfache von herkömmlichen Isolatoren, sie sind für einen stabilen Zaun auch untauglich, da sich der Draht mit ihnen nicht spannen lässt. Denn dann verbiegen sie sich oder brechen sogar ab.

■ Auch lässt sich der Draht schlecht per Freischneider von Bewuchs freihalten. Da er sich wegen der langen Isolatoren nicht spannen lässt, wächst das Gras schnell ein. Eine Arbeit mit dem Freischneider ist so nicht möglich.

■ Ein Elektrozaun sollte ganzjährig unter Strom stehen. Dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass umherziehende Wölfe damit Kontakt bekommen und so merken, dass ein Zaun unangenehm ist.

■ Wichtiger ist ein ausreichend langer Erdungsstab am mobilen Weidezaungerät, der 1 m und länger sein kann. „Der in der Praxis anzutreffende alte Heuwenderzinken reicht nicht aus“, warnt Holm.

■ Der Stab sollte im feuchten Untergrund stecken, damit der Strom bei Zaunberührung fließt. „Bei Sandböden sind Speziallösungen möglich, z.B. den Erdungsstab in ein Gemisch aus Salzen und Bentonit einzulassen“, rät Holm.

■ Je dicker der Draht, desto mehr Strom leitet er auch. Daher muss die Drahtdicke an die Zaunlänge angepasst sein.

■ Der wolfssichere Elektrozaun sollte laut AID-Heft „Sichere Weidezäune“ eine Spannung von mindestens 2000 Volt haben und eine Entladeenergie von mindestens 1 Joule möglich machen.

■ Weidetore sollten mit Stromlitzen oben und unten gesichert werden.

Am Ende werden die Isolatoren an den Zwischenpfosten befestigt.

Am Ende werden die Isolatoren an den Zwischenpfosten befestigt.

Kosten hängen von der Größe ab

Offiziell gibt es für die Zaunkosten Unterstützung vom Land Niedersachsen. Ähnliches gilt für andere Bundesländer. Das Umweltministerium fördert Schutzmaßnahmen gegen den Wolf mit insgesamt 100.000 Euro. Allerdings ist die Förderrichtlinie für Schaf-, Ziegen- und Gatterwildhalter gemacht, Rinder- und Pferdehalter erhalten die Gelder nur im Ausnahmefall und auch nur, wenn der Betrieb in einer amtlich bestätigten Wolfsregion liegt. Da jeder Betrieb maximal 15.000 Euro in einem Zeitraum von drei Jahren erhält, reicht das Geld also höchstens für 6 bis 7 Betriebe. Damit könnte jeder Betrieb etwa 7500 m Zaun gefördert bekommen.

Geht man von 400 m Zaunlänge pro ha aus, könnten mit 15.000 Euro also maximal 18 ha eingezäunt werden. Dazu kommt, dass das Land aus dem Fördertopf auch Entschädigungen für Risse bezahlt, was die Fördersumme für die Zäune weiter verringert. Die Kosten für den professionellen Wolfszaun hängen von der Zaunlänge, dem Zuschnitt der Weide und der Bodenbeschaffenheit ab. Ein kompletter Zaun mit fünf Drahtreihen einschließlich vier Eckpfosten, Metalltor und zehnjähriger Garantie auf Montage und Material kostet bei einem Hektar Mutterkuh- oder Jungviehweide etwa 2.024 Euro bzw. 5,11 Euro pro laufenden Meter. Bei 4 ha liegen sie bei 3,84 Euro/m, bei 25 ha nur noch bei 3,08 Euro/m. Dazukommen die Kosten für Schlepper und Arbeitskraft, die der Landwirt für ein paar Stunden zur Verfügung stellen muss. „Da ein Zaun für Mutterkühe schon aus drei Drähten besteht, kann man aber nicht die kompletten Kosten dem Wolf anrechnen“, sagt Holm.

Der Wolf wird seiner Meinung nach noch länger ein Thema für die Landwirte bleiben – und damit auch der Zaunbau. Wie Sichtungen in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern zeigen, breitet er sich weiter in Richtung Westen und Süden aus. Darum hofft Holm genau wie die Landwirte, dass auch ein lebender, knurrender Wolf wie Holms Attrappe auf der anderen Seite des Zauns bleibt und keine Schäden verursacht.


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