Magazin Landtechnik

VDI-MEG :

Unterwegs auf dem digitalen Feld

Wie sich das Zusammenwachsen der virtuellen und der realen Welt auf die Landwirtschaft und Arbeit der Landwirte auswirkt, diskutierte auf der Agritechnica eine Expertenrunde beim VDI-Pressegespräch anlässlich der 73. Internationalen Tagung LAND.TECHNIK in Hannover.

VDI-MEG: Unterwegs auf dem digitalen Feld

Diese Expertenrunde diskutierte mit Journalisten (von links): Dr. Andreas Herrmann, VDI-MEG, Hubertus Paetow, Dr. Eberhard Nacke, Dr. Daniel Herd und Prof. Dr.-Ing. Peter Pickel.

Future Farming – ein Netz mit Lücken ...

... meint Hubertus Paetow, Vizepräsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), Vorsitzender des Testzentrums Landwirtschaft der DLG und Landwirt in Finkenthal, Mecklenburg-Vorpommern.

Hubertus Paetow.

Hubertus Paetow.

Schon seit längerer Zeit nutzt die Landtechnik die rechnergestützte Steuerung und Überwachung von Einzelsystemen, erweitert um die Funktionen, die das Positionsbestimmungssystem (GPS) bietet. Dazu gehören Lenksysteme, automa- tische Teilbreitenschaltungen und teilflächenspezifische Verfah- ren zur Betriebsmittelausbringung.

Diese Systeme sind inzwischen in vielen Betrieben im Einsatz. Sie verbessern die Effizienz durch weniger Doppelbearbeitungen, ermöglichen planbare Fahrwege und den bedarfsgerechteren Einsatz von Betriebsmitteln.

Diese Verfahren setzen allerdings eine ständige Verbindung aller beteiligten Einheiten, entweder direkt per Leitung oder über Mobilfunk, voraus. Die Kommunikation zwischen Maschinen muss außerdem standardisiert erfolgen, da diese Maschinen gewöhnlich von unterschiedlichen Herstellern kommen. Diese Voraussetzungen sind allerdings noch nicht überall vollständig gegeben, so dass diese Verfahren noch nicht in großer Zahl Anwendung finden.

Zumindest in Europa sind auf einem Betrieb fast immer Maschinen unterschiedlicher Hersteller im Einsatz. Ohne Schnittstellen, die einen Austausch von Daten unterschiedlichster Quellen und Anwendungen ermöglichen, wird die weitere Vernetzung nicht funktionieren.

Großes Potential bietet die Digitalisierung im Bereich des Betriebsmanagements. Der Umfang der Informationen, die für betriebliche Entscheidungen betrachtet werden müssen, nimmt stetig zu. Damit der Betriebsleiter diese Abläufe handhaben kann, braucht es Plattformen, die die Informationen und Dienste zusammenfassen und verbinden. Die Entwicklung dieser Plattformen steht erst am Anfang, auch wenn es bereits eine größere Anzahl von Anbietern, vor allem aus dem Bereich der großen Maschinenhersteller, gibt.

Auch der physische Datentransport über Mobilfunknetze ist eine Grundvoraussetzung für diese Systeme und ist bei Weitem noch nicht überall mit der nötigen Zuverlässigkeit verfügbar. Hier könnten in Zukunft auch Kommunikationssatelliten eine Rolle spielen, zumindest als Ergänzung für Mobilfunk.

Aber auch die Frage nach Wert und Sicherheit der betrieblichen Daten ist Gegenstand von Diskussionen. Im Bereich der privaten Nutzung können wir sehen, dass Daten zunehmend auch einen Wert haben, der demjenigen, der sie zur Verfügung stellt, auch entgolten wird – entweder monetär oder durch Dienste, die im Gegenzug bereitgestellt werden.

Ein Landwirt, der in Zukunft seine Daten auf einem Portal verarbeitet, wird sehr genau darauf achten müssen, wer Zugriff auf seine Daten haben könnte und was dieser dafür im Gegenzug zu leisten bereit ist.

Was wir aber aus anderen Bereichen der Wirtschaft und vor allem der privaten Nutzung lernen können, ist, dass der Nutzen der Digitalisierung und Vernetzung so groß sein kann, dass er die Risiken und Bedenken bei Weitem überwiegt.

Können Landwirtschaft und Landtechnik Industrie 4.0?

Für Evolution statt Revolution plädiert Dr. Eberhard Nacke, Leiter Produktstrategie Claas KGaA

Dr. Eberhard Nacke.

Dr. Eberhard Nacke.

Industrie 4.0 und das „Internet der Dinge“ versprechen durch Digitalisierung und Vernetzung aller Prozessglieder in eine neue Dimension der Optimierung von Produktionsprozessen und der damit zusammenhängenden Wertschöpfungsketten vorzustoßen.

Digitalisierung und Vernetzung kann man somit letztlich als die moderne Ausprägung von Idealen wie „Ganzheitliches Denken“ oder „Denken in Prozessketten“ begreifen. Der Garant für nachhaltig erfolgreiche Landwirtschaft war immer eher das „Denken in Prozessketten“ als die Optimierung eines einzelnen knappen Produktionsfaktors. Es liegt im Wesen der Landwirtschaft, sich am gesamten Produktionssystem über das Jahr und sogar mehrjährigen Fruchtfolgen auszurichten.

Ganzheitliches Denken ist eine uralte Tugend unserer Großväter, doch sie dürfte durch die Digitalisierung der Landwirtschaft völlig neu umgesetzt werden können. Bereits vor 20 Jahren haben Wissenschaft und Industrie begonnen, dem Landwirt in einer Karte die Unterschiede im Weizen- oder Kartoffelertrag in verschiedenen Bereichen desselben Feldes zu visualisieren. Mit dieser Information konnte er besser entscheiden, an welcher Stelle die Pflanzen mehr oder weniger Dünger brauchten, an welcher Stelle Wasser fehlte oder sich Problemunkräuter besonders stark ausbreiteten. Die Idee des „Precision Farming“ war geboren.

Die besondere Herausforderung der Landwirtschaft, die sie von der Industrie unterscheidet und die das „Farming 4.0“ noch spannender erscheinen lässt, liegt darin: Landwirtschaft findet in der Natur statt und die lässt sich nicht standardisieren. Regen, Wärme, zu nasse oder zu trockene Böden, plötzlich massenhaft auftretende Schadinsekten oder Problemunkräuter – nichts ist standardisierbar und ein Landwirt muss sich jeden Tag aufs Neue den Veränderungen anpassen.

Farming 4.0, die Digitalisierung aller Prozesselemente und ihrer Einflussfaktoren, wird es ermöglichen, Daten und Informationen aus unterschiedlichsten Quellen zu vernetzen und daraus Wirkungszusammenhänge zu identifizieren. Diese werden uns mitunter zu völlig neuen Problemlösungsansätzen führen. Neue Sensoren und direkte Kommunikation zwischen Prozessgliedern bieten die Chance, Prozesse neu und anders zu gestalten.

Landwirtschaft und Landtechnik sind nicht nur Mitläufer der Industrie 4.0, sondern können durchaus zu den Vorreitern gezählt werden. Farming 4.0 ist in Teilen bereits Realität und wird weiterhelfen, neue, verbesserte und gesellschaftlich akzeptable Prozesse zu entwickeln.

Milchvieh-Herden effizient in der Cloud managen

Dr. Daniel Herd, Leiter Farm Management Support Lely Deutschland GmbH, sieht Innen- und Außenwirtschaft mit zunehmendem Datenaustausch und den spezifischen Algorithmen zusammenwachsen

Dr. Daniel Herd.

Dr. Daniel Herd.

Bereits 2009 legte Lely den Grundstein für die heutige Roboter- und Herdenmanagementsoftware Lely T4C. Auf einen Blick können die wesentlichen Leistungsparameter analysiert, Änderungen erfasst und Maßnahmen eingeleitet werden. Das Managementprogramm vernetzt alle Maschinen auf dem Betrieb und bildet gleichzeitig die zentrale Schnittstelle zum Internet.

Kurze Zeit nach der Einführung wurde ein online basiertes Betriebsvergleich-System vorgestellt. Aktuell werden auf dieser Plattform die wichtigsten Kennzahlen der Betriebe bzw. Roboter gespeichert und ausgewertet.

2013 erfolgte die Weiterentwicklung des Managementprogramms T4C zu einem mobilen Managementsystem. Neun Apps (Applications) ermöglichen dem Landwirt ein komplettes Roboter- und Herdenmanagementsystem über Smartphone oder Tablet zu steuern.

Der Service „WEB-Beratung“ bietet zudem ein online basiertes Dienstleistungsangebot für Roboterkunden. Auf Knopfdruck werden die aktuellen Leistungs- und Roboterdaten des Betriebs analysiert und mit den jeweiligen Länder-Durchschnittswerten der Leistungsparameter für Milchkuhherden verglichen. Darauf basierend gibt dieses System betriebsindividuelle Empfehlungen für jeden Landwirt ab.

Die Vernetzung von Anlagen, Maschinen und Systemen im Internet und damit die Einführung des Cloud Computings bietet viele Vorteile. Die Chance besteht darin, die großen Datenmengen automatisiert aufzubereiten und den Nutzern für Entscheidungen zur Verfügung zu stellen, bis hin zur Automatisierung ganzer Prozesse/Arbeitsabläufe. Weitere Geräte aus anderen Betriebszweigen sind in ein Gesamtsystem zu integrieren. Die Vernetzung der Außen- und Innenwirtschaft wird möglich.

Die Zukunft wird mobiler, vernetzter und automatisierter und mehr und mehr Service-Applikationen wandern in die Cloud. Das Wettrennen um den besten Service und die nutzerfreundlichsten Apps am Markt hat begonnen.

VDI-Mitgliederumfrage: Für drei Viertel der Befragten sind Feldroboter in zehn Jahren Routine

Prof. Dr.-Ing. Peter Pickel, Vorsitzender des VDI-Fachbereichs Max-Eyth-Gesellschaft (VDI-MEG) Agrartechnik, Deputy Director John Deere European Technology Innovation Center, präsentiert die Ergebnisse der VDI-MEG Umfrage zum Thema Future Farming

Prof. Dr.-Ing. Peter Pickel.

Prof. Dr.-Ing. Peter Pickel.

Der Vorstand des VDI-Fachbereichs Max-Eyth-Gesellschaft Agrartechnik (VDI-MEG) hat mithilfe einer Umfrage in Erfahrung gebracht, wie die Mitglieder des Fachbereichs den als Future Farming bezeichneten Prozess einschätzen und bewerten. Teilgenommen haben 170 Personen, was in etwa zehn Prozent der angeschriebenen VDI-MEG-Mitglieder entspricht.

Grundsätzlich stehen die Befragten dem Zusammenwachsen von virtueller und realer Welt im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion positiv gegenüber. 87 Prozent sehen darin eine Chance für ein effizienteres und kostengünstigeres Wirtschaften. Dass dieser Prozess zusätzlich die gesellschaftliche Akzeptanz der Landwirtschaft verbessert, sehen lediglich elf Prozent der Befragten. 48 Prozent erwarten hingegen eher keine Imageverbesserung in der Bevölkerung durch Future Farming. Dass die deutsche Landmaschinenindustrie ein wichtiger Treiber der Digitalisierung der Landwirtschaft ist, bejahen 73 Prozent der Befragten.

Ein erstes Zwischenfazit der Umfrage lautet an dieser Stelle: Eine durch Technik und Vernetzung präziser und umweltfreundlicher arbeitende Landwirtschaft führt nicht automatisch zu einer positiveren Sichtweise der Öffentlichkeit auf die Branche. Daher sind Vereine und Verbände wie die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und der VDI weiterhin in der Pflicht, in ihren Kommunikationsmaßnahmen auf die positiven Entwicklungen durch Future Farming mit fundierten Argumentationen hinzuweisen.

Wie ist die Einschätzung der VDI-MEG-Mitglieder bezüglich technischer Entwicklungen in der Landwirtschaft in zehn Jahren? Den größten Vertrauensvorschuss erhält der Einsatz von Feldrobotern. 74 Prozent sehen diese Technik in der landwirtschaftlichen Praxis zukünftig im Einsatz. Nur leicht zurückhaltender sind die Antwortenden beim Thema sensorische Einzelpflanzenerkennung (z.B. Mais, Zuckerrüben). 70 Prozent gehen davon aus, dass eine individuelle Versorgung der Einzelpflanze mit Nährstoffen erfolgen kann. Eine wirksame und ökonomisch sinnvolle Bekämpfung von Unkräutern ohne Herbizideinsatz auf Grundlage sensorischer Unkrauterkennung sehen 64 Prozent als realistische Option in zehn Jahren an.

Zurückhaltender sind die Befragten mit ihrer Einschätzung gegenüber Elektromobilität (elektrische Speicher) bei Traktoren und dem Einsatz autonomer (fahrerloser) Landmaschinen. Jeweils 43 Prozent räumen diesen Technologien eine Chance für den Einsatz in einem Jahrzehnt ein. Nur 14 Prozent denken, dass eine effiziente Nutzung von elektrischen Speichern bei Traktoren eine sichere Anwendungsoption sein wird. Beim autonomen (fahrerlosen) Fahren von Landmaschinen glauben sogar nur zehn Prozent, dass diese Entwicklung in zehn Jahren auf unseren Feldern zu sehen ist. Wesentlich optimistischer sind die Befragten, dass elektrische Antriebstechnik ein wesentlicher Bestandteil von Traktoren und Landmaschinen sein wird. Eine Mehrheit von 60 Prozent spricht sich dafür aus.

Im letzten Teil der Umfrage konnten die Mitglieder einen freien Text zu den Herausforderungen von Future Farming und den Besonderheiten im Vergleich zu Industrie 4.0 formulieren. Ein Thema, das viele der Antwortenden bewegt, ist der Umgang mit Daten: von der Sinnhaftigkeit der Speicherung großer Datenmengen über die Schnittstellenproblematik bis hin zur Kompatibilität der Systeme. Zudem greifen viele Befragte das Thema Datensicherheit auf. Die Frage, die sich hier stellt: Wem gehören die erhobenen Daten und welche wirklich sinnvollen Informationen kann ich daraus für mich ableiten?

Einige Teilnehmer weisen zudem darauf hin, dass Entwicklungen auf dem Gebiet Future Farming vom Landwirt her gedacht werden sollten. Ihre Erfahrung, Kompetenz und Kreativität dürfe nicht gegen Algorithmen ausgespielt werden. Beim Thema Future Farming und Industrie 4.0 sehen die Mitglieder viele Parallelen. Die Herausforderungen, die durch die zunehmende Digitalisierung in der Landwirtschaft entstehen, scheinen durch zusätzliche Einflüsse – Arbeit mit lebenden Organismen, Spezifika des Bodens und Witterungseinflüsse – eher größer als bei Industrie 4.0 zu sein.

Schon seit längerer Zeit nutzt die Landtechnik die rechnergestützte Steuerung und Überwachung von Einzelsystemen, erweitert um die Funktionen, die das Positionsbestimmungssystem (GPS) bietet. Dazu gehören Lenksysteme, automa- tische Teilbreitenschaltungen und teilflächenspezifische Verfah- ren zur Betriebsmittelausbringung.

Diese Systeme sind inzwischen in vielen Betrieben im Einsatz. Sie verbessern die Effizienz durch weniger Doppelbearbeitungen, ermöglichen planbare Fahrwege und den bedarfsgerechteren Einsatz von Betriebsmitteln.

Diese Verfahren setzen allerdings eine ständige Verbindung aller beteiligten Einheiten, entweder direkt per Leitung oder über Mobilfunk, voraus. Die Kommunikation zwischen Maschinen muss außerdem standardisiert erfolgen, da diese Maschinen gewöhnlich von unterschiedlichen Herstellern kommen. Diese Voraussetzungen sind allerdings noch nicht überall vollständig gegeben, so dass diese Verfahren noch nicht in großer Zahl Anwendung finden.

Zumindest in Europa sind auf einem Betrieb fast immer Maschinen unterschiedlicher Hersteller im Einsatz. Ohne Schnittstellen, die einen Austausch von Daten unterschiedlichster Quellen und Anwendungen ermöglichen, wird die weitere Vernetzung nicht funktionieren.

Großes Potential bietet die Digitalisierung im Bereich des Betriebsmanagements. Der Umfang der Informationen, die für betriebliche Entscheidungen betrachtet werden müssen, nimmt stetig zu. Damit der Betriebsleiter diese Abläufe handhaben kann, braucht es Plattformen, die die Informationen und Dienste zusammenfassen und verbinden. Die Entwicklung dieser Plattformen steht erst am Anfang, auch wenn es bereits eine größere Anzahl von Anbietern, vor allem aus dem Bereich der großen Maschinenhersteller, gibt.

Auch der physische Datentransport über Mobilfunknetze ist eine Grundvoraussetzung für diese Systeme und ist bei Weitem noch nicht überall mit der nötigen Zuverlässigkeit verfügbar. Hier könnten in Zukunft auch Kommunikationssatelliten eine Rolle spielen, zumindest als Ergänzung für Mobilfunk.

Aber auch die Frage nach Wert und Sicherheit der betrieblichen Daten ist Gegenstand von Diskussionen. Im Bereich der privaten Nutzung können wir sehen, dass Daten zunehmend auch einen Wert haben, der demjenigen, der sie zur Verfügung stellt, auch entgolten wird – entweder monetär oder durch Dienste, die im Gegenzug bereitgestellt werden.

Ein Landwirt, der in Zukunft seine Daten auf einem Portal verarbeitet, wird sehr genau darauf achten müssen, wer Zugriff auf seine Daten haben könnte und was dieser dafür im Gegenzug zu leisten bereit ist.

Was wir aber aus anderen Bereichen der Wirtschaft und vor allem der privaten Nutzung lernen können, ist, dass der Nutzen der Digitalisierung und Vernetzung so groß sein kann, dass er die Risiken und Bedenken bei Weitem überwiegt.

Industrie 4.0 und das „Internet der Dinge“ versprechen durch Digitalisierung und Vernetzung aller Prozessglieder in eine neue Dimension der Optimierung von Produktionsprozessen und der damit zusammenhängenden Wertschöpfungsketten vorzustoßen.

Digitalisierung und Vernetzung kann man somit letztlich als die moderne Ausprägung von Idealen wie „Ganzheitliches Denken“ oder „Denken in Prozessketten“ begreifen. Der Garant für nachhaltig erfolgreiche Landwirtschaft war immer eher das „Denken in Prozessketten“ als die Optimierung eines einzelnen knappen Produktionsfaktors. Es liegt im Wesen der Landwirtschaft, sich am gesamten Produktionssystem über das Jahr und sogar mehrjährigen Fruchtfolgen auszurichten.

Ganzheitliches Denken ist eine uralte Tugend unserer Großväter, doch sie dürfte durch die Digitalisierung der Landwirtschaft völlig neu umgesetzt werden können. Bereits vor 20 Jahren haben Wissenschaft und Industrie begonnen, dem Landwirt in einer Karte die Unterschiede im Weizen- oder Kartoffelertrag in verschiedenen Bereichen desselben Feldes zu visualisieren. Mit dieser Information konnte er besser entscheiden, an welcher Stelle die Pflanzen mehr oder weniger Dünger brauchten, an welcher Stelle Wasser fehlte oder sich Problemunkräuter besonders stark ausbreiteten. Die Idee des „Precision Farming“ war geboren.

Die besondere Herausforderung der Landwirtschaft, die sie von der Industrie unterscheidet und die das „Farming 4.0“ noch spannender erscheinen lässt, liegt darin: Landwirtschaft findet in der Natur statt und die lässt sich nicht standardisieren. Regen, Wärme, zu nasse oder zu trockene Böden, plötzlich massenhaft auftretende Schadinsekten oder Problemunkräuter – nichts ist standardisierbar und ein Landwirt muss sich jeden Tag aufs Neue den Veränderungen anpassen.

Farming 4.0, die Digitalisierung aller Prozesselemente und ihrer Einflussfaktoren, wird es ermöglichen, Daten und Informationen aus unterschiedlichsten Quellen zu vernetzen und daraus Wirkungszusammenhänge zu identifizieren. Diese werden uns mitunter zu völlig neuen Problemlösungsansätzen führen. Neue Sensoren und direkte Kommunikation zwischen Prozessgliedern bieten die Chance, Prozesse neu und anders zu gestalten.

Landwirtschaft und Landtechnik sind nicht nur Mitläufer der Industrie 4.0, sondern können durchaus zu den Vorreitern gezählt werden. Farming 4.0 ist in Teilen bereits Realität und wird weiterhelfen, neue, verbesserte und gesellschaftlich akzeptable Prozesse zu entwickeln.

Bereits 2009 legte Lely den Grundstein für die heutige Roboter- und Herdenmanagementsoftware Lely T4C. Auf einen Blick können die wesentlichen Leistungsparameter analysiert, Änderungen erfasst und Maßnahmen eingeleitet werden. Das Managementprogramm vernetzt alle Maschinen auf dem Betrieb und bildet gleichzeitig die zentrale Schnittstelle zum Internet.

Kurze Zeit nach der Einführung wurde ein online basiertes Betriebsvergleich-System vorgestellt. Aktuell werden auf dieser Plattform die wichtigsten Kennzahlen der Betriebe bzw. Roboter gespeichert und ausgewertet.

2013 erfolgte die Weiterentwicklung des Managementprogramms T4C zu einem mobilen Managementsystem. Neun Apps (Applications) ermöglichen dem Landwirt ein komplettes Roboter- und Herdenmanagementsystem über Smartphone oder Tablet zu steuern.

Der Service „WEB-Beratung“ bietet zudem ein online basiertes Dienstleistungsangebot für Roboterkunden. Auf Knopfdruck werden die aktuellen Leistungs- und Roboterdaten des Betriebs analysiert und mit den jeweiligen Länder-Durchschnittswerten der Leistungsparameter für Milchkuhherden verglichen. Darauf basierend gibt dieses System betriebsindividuelle Empfehlungen für jeden Landwirt ab.

Die Vernetzung von Anlagen, Maschinen und Systemen im Internet und damit die Einführung des Cloud Computings bietet viele Vorteile. Die Chance besteht darin, die großen Datenmengen automatisiert aufzubereiten und den Nutzern für Entscheidungen zur Verfügung zu stellen, bis hin zur Automatisierung ganzer Prozesse/Arbeitsabläufe. Weitere Geräte aus anderen Betriebszweigen sind in ein Gesamtsystem zu integrieren. Die Vernetzung der Außen- und Innenwirtschaft wird möglich.

Die Zukunft wird mobiler, vernetzter und automatisierter und mehr und mehr Service-Applikationen wandern in die Cloud. Das Wettrennen um den besten Service und die nutzerfreundlichsten Apps am Markt hat begonnen.

Der Vorstand des VDI-Fachbereichs Max-Eyth-Gesellschaft Agrartechnik (VDI-MEG) hat mithilfe einer Umfrage in Erfahrung gebracht, wie die Mitglieder des Fachbereichs den als Future Farming bezeichneten Prozess einschätzen und bewerten. Teilgenommen haben 170 Personen, was in etwa zehn Prozent der angeschriebenen VDI-MEG-Mitglieder entspricht.

Grundsätzlich stehen die Befragten dem Zusammenwachsen von virtueller und realer Welt im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion positiv gegenüber. 87 Prozent sehen darin eine Chance für ein effizienteres und kostengünstigeres Wirtschaften. Dass dieser Prozess zusätzlich die gesellschaftliche Akzeptanz der Landwirtschaft verbessert, sehen lediglich elf Prozent der Befragten. 48 Prozent erwarten hingegen eher keine Imageverbesserung in der Bevölkerung durch Future Farming. Dass die deutsche Landmaschinenindustrie ein wichtiger Treiber der Digitalisierung der Landwirtschaft ist, bejahen 73 Prozent der Befragten.

Ein erstes Zwischenfazit der Umfrage lautet an dieser Stelle: Eine durch Technik und Vernetzung präziser und umweltfreundlicher arbeitende Landwirtschaft führt nicht automatisch zu einer positiveren Sichtweise der Öffentlichkeit auf die Branche. Daher sind Vereine und Verbände wie die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und der VDI weiterhin in der Pflicht, in ihren Kommunikationsmaßnahmen auf die positiven Entwicklungen durch Future Farming mit fundierten Argumentationen hinzuweisen.

Wie ist die Einschätzung der VDI-MEG-Mitglieder bezüglich technischer Entwicklungen in der Landwirtschaft in zehn Jahren? Den größten Vertrauensvorschuss erhält der Einsatz von Feldrobotern. 74 Prozent sehen diese Technik in der landwirtschaftlichen Praxis zukünftig im Einsatz. Nur leicht zurückhaltender sind die Antwortenden beim Thema sensorische Einzelpflanzenerkennung (z.B. Mais, Zuckerrüben). 70 Prozent gehen davon aus, dass eine individuelle Versorgung der Einzelpflanze mit Nährstoffen erfolgen kann. Eine wirksame und ökonomisch sinnvolle Bekämpfung von Unkräutern ohne Herbizideinsatz auf Grundlage sensorischer Unkrauterkennung sehen 64 Prozent als realistische Option in zehn Jahren an.

Zurückhaltender sind die Befragten mit ihrer Einschätzung gegenüber Elektromobilität (elektrische Speicher) bei Traktoren und dem Einsatz autonomer (fahrerloser) Landmaschinen. Jeweils 43 Prozent räumen diesen Technologien eine Chance für den Einsatz in einem Jahrzehnt ein. Nur 14 Prozent denken, dass eine effiziente Nutzung von elektrischen Speichern bei Traktoren eine sichere Anwendungsoption sein wird. Beim autonomen (fahrerlosen) Fahren von Landmaschinen glauben sogar nur zehn Prozent, dass diese Entwicklung in zehn Jahren auf unseren Feldern zu sehen ist. Wesentlich optimistischer sind die Befragten, dass elektrische Antriebstechnik ein wesentlicher Bestandteil von Traktoren und Landmaschinen sein wird. Eine Mehrheit von 60 Prozent spricht sich dafür aus.

Im letzten Teil der Umfrage konnten die Mitglieder einen freien Text zu den Herausforderungen von Future Farming und den Besonderheiten im Vergleich zu Industrie 4.0 formulieren. Ein Thema, das viele der Antwortenden bewegt, ist der Umgang mit Daten: von der Sinnhaftigkeit der Speicherung großer Datenmengen über die Schnittstellenproblematik bis hin zur Kompatibilität der Systeme. Zudem greifen viele Befragte das Thema Datensicherheit auf. Die Frage, die sich hier stellt: Wem gehören die erhobenen Daten und welche wirklich sinnvollen Informationen kann ich daraus für mich ableiten?

Einige Teilnehmer weisen zudem darauf hin, dass Entwicklungen auf dem Gebiet Future Farming vom Landwirt her gedacht werden sollten. Ihre Erfahrung, Kompetenz und Kreativität dürfe nicht gegen Algorithmen ausgespielt werden. Beim Thema Future Farming und Industrie 4.0 sehen die Mitglieder viele Parallelen. Die Herausforderungen, die durch die zunehmende Digitalisierung in der Landwirtschaft entstehen, scheinen durch zusätzliche Einflüsse – Arbeit mit lebenden Organismen, Spezifika des Bodens und Witterungseinflüsse – eher größer als bei Industrie 4.0 zu sein.


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