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Stoll :

Neues Werk in alten Mauern

Hamburger Deutsche Mittelstand Beteiligungen (DMB) investiert Millionen in ihre Tochtergesellschaft – Als derzeitiger Bauabschnitt ist die Vorfertigung an der Reihe – Modernisierte Lackieranlage für praktisch alle Traktorfarben

Stoll: Neues Werk in alten Mauern

Stoll baut Frontlader für Traktoren von 10 bis über 250 PS.

Der Maschinenführer schiebt die eben von der 500-Tonnen-Presse um 90 Grad gebogene Stahlplatte in ein ungewöhnlich geformtes Werkzeug. Mit Hilfe einer Schubeinrichtung geht das Ganze jetzt noch einmal unter die Presse, die eine weitere 90-Grad-Längsbiegung erzeugt. Damit ist ein Arm der Frontladerschwinge vorgeformt. Fotografieren ist hier streng verboten.

Wir sind auf einem Betriebsrundgang durch die Werkhallen des Frontladerspezialisten Stoll in Lengede bei Salzgitter. „Wir sind einer der wenigen Frontladerhersteller weltweit, die die Schwinge nur einmal längs schweißen müssen. Mitbewerber fügen durch zweimaliges Schweißen zwei Halbschalen zusammen. Stoll erreicht hierdurch Stabilitätsvorteile bei geringerem Gewicht des Schwingenarms“, erklärt Maschinenbauingenieur Dr. Jens Willenbockel. Er ist ebenso wie Guido Marenbach seit dem 1. Juli 2015 Geschäftsführer der Wilhelm Stoll Maschinenfabrik GmbH.

Die Stoll-Gruppe.

Die Stoll-Gruppe.

Das Umfeld hier in der Vorfertigung, wo sämtliche Metall-Rohteile der Frontlader entstehen, sieht noch sehr rustikal aus. Hier trifft der Industriebau der 1950er Jahre mit altem Mauerwerk und Schlaglöchern im Zementfußboden auf die Moderne: Alle Werkzeugmaschinen, wie mehrere schwere Pressen, Stanzen, Schweißroboter und sämtliche andere Arbeitsplätze sind auf neuestem technischen Stand. Die Fertigungstiefe der Stoll-typischen Metallteile und -komponenten liegt praktisch bei 100 Prozent.

Anfang 2013 hat Stoll mit der Deutschen Mittelstand Beteiligungen GmbH (DMB), Hamburg, einen neuen Eigentümer und damit einen investitionsfreudigen Kapitalgeber. Das dürfte den modernen Maschinenpark erklären. „Weitere Bausanierungspläne für diesen Fertigungsbereich sind bereits abgesegnet“, so Marenbach fast entschuldigend. „Die ersten Handwerksbetriebe nehmen in diesem Winter ihre Arbeit auf. Danach ist die komplette Fabrik dann im Inneren praktisch neu.“

Weiter geht es in die beiden nächsten wichtigen Fertigungsstationen, die Lackiererei und die Endmontage. Diese Gebäude sind bereits gründlich durchsaniert. Helle Wände, moderner Industriefußboden, LED-Beleuchtung und Klimatisierungsgeräte sorgen für ein angenehmes Arbeitsklima.

Endmontage: Moderne Fertigungsinseln. Die Halle ist im Inneren praktisch neu.

Endmontage: Moderne Fertigungsinseln. Die Halle ist im Inneren praktisch neu.

Jeder Lader wird auf dem Teststand komplett durchgeprüft.

Jeder Lader wird auf dem Teststand komplett durchgeprüft.

Nach dem Sandstrahlen durchläuft jedes Stahlteil die ebenfalls in Modernisierung befindliche Lackieranlage. „Mit unserer Lackqualität nähern wir uns den Automobilstandards“, so Marenbach stolz. Beeindruckend ist die Vielzahl der Farben. Von Fendt-Grün über New Holland-Blau, Case IH-Rot, Deutz-Fahr- und John Deere-Grün und McCormick-Rot sind eigentlich fast alle Farben vertreten, die auf europäischen Feldern fahren. „Nur Saatengrün dürfen wir nicht, aber schließlich stehen unsere Hausfarben Schwarz und Dunkelgrau jedem Schlepper gut“, schmunzelt Vertriebs- und Marketingleiter Armin Walter. Die gleich benachbarte Endmontage erfolgt – wie alle anderen Fertigungsschritte auch – auftragsbezogen auf speziell eingerichteten Montageinseln. Abschließend geht jeder Frontlader auf einen Prüfstand, wo alle Funktionalitäten unter Volllast gründlich getestet werden.

Stoll/KMW – Globale strategische Allianz

Die Wilhelm Stoll Maschinenfabrik GmbH hat mit der KMW Ltd. mit Sitz in Kansas (USA) eine Allianz gebildet, die Stolls Präsenz im US-Markt entscheidend stärken wird.

KMW bietet für Stoll aufgrund seiner Frontlader-Kompetenzen im Bereich der Kompakt- und Universaltraktoren eine ideale Basis im US-Markt, heißt es in einer Stoll-Pressemitteilung. US-Traktorenhersteller könnten dabei insbesondere von den neu hinzugewonnenen Produktionsstandorten in Kansas sowie von den Dienstleistungen der KMW im Bereich Montageservice und Endkontrolle profitieren.

Umgekehrt würden die KMW Kunden durch die Erweiterung des Frontladerprogramms profitieren. Durch die Kombination der Entwicklung, des Vertriebs sowie des technischen Supports werde die Position beider Unternehmen auf den internationalen Märkten deutlich gestärkt.

Die KMW wurde 1997 von Mike und Diane Bender gegründet. Das Unternehmen hat sich auf dem schnell wachsenden Markt von Kompakt- und Universaltraktoren als einer der führenden US-Hersteller von Frontladern und Heckbaggern positioniert. KMW beschäftigt 130 Mitarbeiter an drei Standorten im Kansas.

Mike Bender wird die KMW Ltd. als Präsident und Geschäftsführer weiterhin leiten.

Interview mit der Stoll-Geschäftsführung

„Bei Frontladern den Traktorenherstellern immer zwei Nasenlängen voraus“

Eigentümer DMB Deutsche Mittelstand Beteiligung „sehr glücklich“ mit der Übernahme – Neue Steuerung hat auch Fronthydraulik und -zapfwelle „im Griff“

Das Stoll-Management vor dem Verwaltungssitz.

Das Stoll-Management vor dem Verwaltungssitz.

Die Wilhelm Stoll Maschinenfabrik wurde 1878 in Luckenwalde bei Berlin gegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann 1945 der Neuanfang in einer ehemaligen Zuckerfabrik in Lengede bei Braunschweig. Hauptprodukte waren zunächst Grünlandgeräte und Rübenroder. Die Frontladerproduktion startete 1965 und bestimmt heute das Produktionsprogramm. Mit rund 20.000 produzierten Frontladern in der Stoll Gruppe pro Jahr sieht man sich heute als der weltweit zweitgrößte Hersteller.

Wir sprachen mit den beiden neuen Geschäftsführern Guido Marenbach und Dr. Jens Willenbockel (OEM-Vertrieb), die erst seit Juli im Unternehmen aktiv sind, sowie Armin Walter (Vertriebs- und Marketingleiter) und Frank Selent (Verkaufsleiter D/A/CH) über die aktuelle Entwicklung des Unternehmens. Stoll war bis Ende 2012 eine Tochtergesellschaft der in Schieflage geratenen dänischen Landmaschinenfabrik JF, Sonderborg, und wurde Anfang 2013 von der DMB Deutsche Mittelstand Beteiligungen GmbH, Hamburg, komplett übernommen.

eilbote: Seit knapp drei Jahren hat Stoll mit der DMB einen neuen Eigentümer, der mit Sicherheit ein jährliches Return of Investment erwartet. Wie lang ist die Leine, an der Sie hier in Lengede geführt werden?

Guido Marenbach: Zunächst einmal sehr lang. Herr Dr. Willenbockel und ich waren bereits zuvor für DMB-Beteiligungen tätig. Hieraus ergibt sich ein bereits seit mehreren Jahren gewachsenes Vertrauensverhältnis mit den entsprechenden Handlungsspielräumen. Jedoch müssen auch wir in den üblichen Planungs- und Freigabeprozessen, die jeder Investor voraussetzt, überzeugen.

Dr. Jens Willenbockel: Ich kann bestätigen, die DMB ist bisher sehr glücklich mit dieser Übernahme, man sieht hier besonderes Wachstumspotenzial. Sonst wäre DMB auch nicht eingestiegen. Hier war schon vor der Übernahme durch Umstrukturierungen ein praktisch neuer Betrieb entstanden – durchaus auch mit Herausforderungen an die Belegschaft.

Guido Marenbach: Besonders die Fertigstellung der neuen Endmontage mit der neuen Farbgebung im Juli 2014 ließ einen deutlichen Ruck durch die Mannschaft gehen. Heute liegt unsere Kapazität bei 65 Ladern pro Tag im Zweischichtbetrieb. Mit 11.700 in Lengede produzierten Einheiten konnten wir im Jahr 2014 einen Umsatz von 72 Millionen Euro realisieren. Im Schnitt fakturieren wir pro Lader 6.500 Euro, in Deutschland sogar 8.000 Euro, da hier anspruchsvolle Technik mit mehr Werkzeugen geordert wird.

Aber nicht nur hier, sondern auch in den anderen Fertigungen in Irxleben und in Polen ist kräftig investiert worden.

eilbote: Hier in Lengede und mit der Übernahme des US-amerikanischen Frontladerherstellers KMW ist also erheblich investiert worden. Alle Aktivitäten beschränken sich dabei aber ausschließlich auf Ihr Kernprodukt. Wird auch über Diversifikation nachgedacht?

Armin Walter: Stoll ist zunächst einmal der Frontladerspezialist. Natürlich entwickeln wir auch das Werkzeugprogramm immer weiter. Aber definieren wir Diversifikation einfach mal auf ein breiteres Feld der Kernkompetenz: Früher haben wir, wie andere Hersteller auch, einfach Ventile von der Stange zugekauft. Heute entwickeln wir unsere Ventile selbst und lassen diese von Spezialisten fertigen. Die Einbauräume für Ventile und Frontladerbedienung sind bei den heutigen Traktoren sehr beengt, deshalb brauchen wir kompakte Lösungen. Unser selbst entwickelter Joystick bietet die richtige Mischung aus „Gefühl und Härte“ und hat ein bauraumoptimiertes Gehäuse. Wir liefern den übrigens auch schon an Traktorenhersteller für die Erstausrüstung. So verstehen wir Diversifikation.

eilbote: Wir hatten bei unserer Frage natürlich eher die Fronthydraulik und -zapfwelle im Blick.

Frank Selent: Ein schwieriges Thema, das auch von unseren OEM-Partnern kontrovers diskutiert wird. Für die Fronthydraulik ist wichtig, dass man die Schnittstellen beherrscht, dann kann jede mit unseren Frontladern konfiguriert werden. Die Ansteuerung von Fronthydraulik und -zapfwelle über unser neues Ventil ist jetzt der nächste Schritt. Die technischen Voraussetzungen sind geschaffen. In einigen Märkten, z.B. in Russland, arbeiten wir mit der Firma Stemplinger zusammen. Unsere Importeure in den meisten Ländern haben allerdings Zuidberg im Programm. Das beweist die Offenheit unseres Systems.

Bei der Konfiguration Frontlader/Fronthydraulik ist die Steuerung der schwierigste Part. Da gibt es noch einiges zu tun. Wir wollen im Sinne des Anwenders eine perfekt abgestimmte Lösung und bieten den Herstellern von Fronthydrauliken sowie den OEMs totale Systemoffenheit. Wir wollen unsere hydraulischen Steuerungen natürlich möglichst schnell nach vorn bringen.

eilbote: Neben OEM-Lieferungen ist das Nachrüstgeschäft ein wichtiges Standbein für Stoll. Wie hoch ist dieser Anteil aktuell und wohin geht der Trend? Was bieten Sie dem Händler, damit er dieses Geschäft forcieren kann?

Armin Walter: Bisher ist der Anteil unserer Frontlader-Auslieferungen an Traktorenhersteller mit 15 Prozent noch eher gering, 85 Prozent gehen an den Handel. Die größte Stückzahl dort ist für die Nachrüstung von Neutraktoren bestimmt, oft in Zusammenarbeit mit führenden Traktorenherstellern, lediglich ein Viertel wird an Gebrauchtmaschinen montiert. Es gibt einige wenige Traktorenhersteller, die eigene Frontlader anbieten und naturgemäß ihre Händler unter Druck setzen, diese zu präferieren. Wir hier bei Stoll als Frontladerspezialisten verfolgen ein anderes Ziel. Wir bieten ein marktgerechtes Programm und sind den Traktorenherstellern damit auch technisch immer um zwei Nasenlängen voraus.

Je besser unsere Lösungen zusammen mit unseren OEM-Partner für die Integration des Frontladers und der Steuerung werden, umso höher wird auch der OEM-Anteil werden. Hierzu geben wir unseren OEM-Partnern sehr viel Input und vermitteln Know how. Wir unterstützen aber auch den Traktorenverkäufer bei seiner Beratung. Je höher der Anteil von kundenbestellten Traktoren an der Produktion ist, desto höher wird auch der Anteil von Frontladervorbereitungen durch den OEM sein. Denn der nachträgliche Anbau ist immer teurer.

Andererseits ist es auch verständlich, dass sich der Händler hinsichtlich der Ausstattung seiner Vorführ- und Lagertraktoren nicht zu speziell festlegen kann und will. Hierfür bieten wir über führende Traktorenhersteller unsere ‚Light Kits‘ und ‚Ready Kits‘ an, die bereits im Werk montiert werden und die nachträgliche Montage des Frontladers beim Händler ungemein vereinfachen. Dies alles trägt dazu bei, dass wir international einer der größten Anbieter im Frontladersegment sind.

Das Interview führte Jürgen Boomgaarden.


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