Soester Agrarforum 2022:

Erfolgreiche Betriebsführung: Management agrar- und umweltpolitischer Maßnahmen nötig

DLG-Präsident Paetow sieht mit der angestrebten „Transformation“ der Landwirtschaft mehr Chancen als Risiken – Politik sollte konsensorientierte Gesprächsformate nutzen und mehr Experimentierfreude zeigen – Agrarökonom Feil: Landwirtschaftliche Start-ups in Deutschland noch in den Kinderschuhen – Soester Agrarforum 2022 diskutiert Zukunftsperspektiven

Soester Agrarforum 2022: Erfolgreiche Betriebsführung: Management agrar- und umweltpolitischer Maßnahmen nötig

DLG-Präsident Hubertus Paetow stellte die Betriebsführung in den Fokus seines Vortrags.

Zu einer erfolgreichen Betriebsführung gehört für den Präsidenten der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), Hubertus Paetow, auch das Management agrar- und umweltpolitischer Maßnahmen. Wie Paetow am 7. Januar beim digitalen „Soester Agrarforum 2022“ erklärte, stellen sich viele Betriebe aktuell die Frage, ob sie ihre Strategie an agrarpolitischen Instrumenten wie der Biogasförderung ausrichten sollen. Dafür spreche, dass bei diesem Weg Investitionen über den Förderungszeitraum gut planbar seien. Ein weiteres Pro-Argument sei das geringe Liquiditätsrisiko, denn der Staat sei verlässlich. Zudem werde der Betrieb durch eine hohe Forschungs- und Beratungsintensität unterstützt.

Gegen eine Orientierung der Betriebsstrategie an agrarpolitischen Instrumenten spricht Paetow zufolge allerdings, dass dieses Geschäftsmodell keinen „Unique Selling Point“ ermöglicht. Außerdem gab er zu bedenken, dass langfristige Investitionen von Folgeprogrammen abhängig seien. Auch gebe es keine „ungestörte“ Marktentwicklung. Ferner sei unter Umständen mit negativen Imagewirkungen zu rechnen. Die Biogaserzeuger sähen sich beispielsweise mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sie die Landschaft mit Mais „verschandelten“.

Schweinehaltung besonders betroffen

Nach Ansicht des DLG-Präsidenten bietet die anstehende „Transformation“ des Sektors für unternehmerische Landwirte mehr Chancen als Risiken. Dabei stehe die Analyse des Standortes und der politischen Rahmenbedingungen am Anfang einer Strategie. Nicht jede Strategie passe auch morgen zum Standort Deutschland.

Diese Frage betreffe besonders die Schweinehaltung. Möglicherweise sei hier, angesichts von Standortvorteilen in anderen Ländern wie Spanien, zur Erfüllung von Tierhaltungsvorgaben wie der erwünschten Freilandhaltung der Import von Schweinefleisch sinnvoller.

Derweil würden Einkommenskombinationen in der Landwirtschaft und die vertikale Integration immer wichtiger. Indes forderte Paetow die Politik auf, konsensorientierte Gesprächsformate wie die Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) und die Borchert-Kommission sowie Kooperationen von Naturschutz und Agrarwirtschaft zu nutzen. Auch sei mehr Agilität und Experimentierfreude wünschenswert. Dazu gehörten zum Beispiel die Einrichtung von „Reallaboren“ und versuchsweise Öffnungsklauseln, etwa für besondere Produktionsweisen. Paetow appellierte an die Agrarpolitiker außerdem, bei ihren Maßnahmen auf Symbolik zu verzichten und mehr Sorgfalt bei der Maßnahmenentwicklung walten zu lassen.

Neue Geschäftsideen forcieren

Wie der Agrarökonom Prof. Jan-Henning Feil vom Fachbereich Agrarwirtschaft Soest der Fachhochschule Südwestfalen mit Blick auf neue Geschäftsmodelle in der Landwirtschaft ausführte, arbeitet der Sektor längst mit Nachdruck an seiner eigenen Transformation.

Allerdings steckten landwirtschaftliche Start-ups in Deutschland noch in den Kinderschuhen, so zumindest das vorläufige Ergebnis einer Umfrage seines Forscherteams. Den Anteil an allen entsprechenden branchenübergreifenden Gründungen in Deutschland bezifferte Feil auf 2,4 Prozent. Hier sei allerdings eine stark zunehmende Dynamik erkennbar.

Nach Angaben des Instituts für Innovation und Technik habe es 2019 in der Bundesrepublik in der gesamten Wirtschaft 2.289 Start-ups gegeben. Die Diversifikation sowie die Entwicklung neuer Geschäftsideen sollten nun in der Landwirtschaft weiter forciert werden, um langfristig die eigene Position am Markt zu sichern, betonte Feil. Hierbei entscheidend sei, dass sich die ältere und die jüngere Generation gegenseitig Freiräume gäben. Letztere treibe die Transformation.

Nordrhein-Westfalen mit den meisten Start-ups

Als positiv wertete Feil, dass die Landwirtschaft die Herausforderungen angehe. Etwa drei Viertel der Start-up-Gründer im Agrarbereich hätten einen Bezug zur Landwirtschaft. Die meisten dieser Unternehmer seien auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen, hätten eine Ausbildung und/oder ein Studium im Agrarbereich absolviert und/oder einen landwirtschaftlichen Betrieb in der weiteren Familie.

Etwa 28 Prozent der Agrar-Start-ups in Deutschland entfielen auf innovative Vermarktung und Handelsplattformen sowie 24 Prozent auf innovative Produktionssysteme. Außerdem vereinigten Gründer von Unternehmen mit Farm Management Software und Sensing-Technologie insgesamt 20 Prozent auf sich. Der Anteil von neuen Unternehmen mit landwirtschaftlicher Produktionshardware belaufe sich auf 15 Prozent. Einstellige Prozentsätze seien jeweils für Agrar-Biotechnologien, Verarbeitungstechnologien für Lebensmittel, Netzwerke und Arbeitsgemeinschaften, Supply-Chain-Technologien sowie Non-Food-Verarbeitungstechnologien ermittelt worden. Die meisten Agrar-Start-ups würden in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen verortet. Als Begründung führte Feil an, dass diese Länder im Bundesvergleich sehr landwirtschaftlich geprägt seien.

Weitere Artikel zum Thema

weitere aktuelle Meldungen lesen