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Servicetechniker/in :

Die Weiterbildung für alle, deren Herz für die Landmaschine schlägt

Servicetechniker/in: Die Weiterbildung für alle, deren Herz für die Landmaschine schlägt

Wir fragen Rolf Figlestahler (2. v. r.). Er ist Landmaschinenmechaniker-Meister und Ausbildungsmeister für Land- und Baumaschinentechnik an der Gewerbe Akademie der Handwerkskammer Freiburg. Er betreut die überbetriebliche Ausbildung, Fort- und Weiterbildung. Rolf Figlestahler ist seit neun Jahren hier in der Ausbildung tätig.

„Du bist in der Ausbildung zum Land- und Baumaschinenmechatroniker/in oder hast bereits ausgelernt und nun steht die Weiterbildung an. Arbeitest Du gerne an der Maschine, hast Freude daran Dich in komplexe technische Sachverhalte einzuarbeiten, es macht Dir Spaß Fehler zu finden und Maschinen wieder zum Laufen zu bekommen? Dann ist die Weiterbildung zum Servicetechniker genau das richtige für Dich.“ So wirbt die Landtechnikbranche für die Qualifizierung zum Servicetechniker.

In der überwiegend technischen Weiterbildung zum Servicetechniker/in wird man in knapp 500 Unterrichtsstunden zum Technik-Spezialist/in weitergebildet. Nach der Handwerkskammerprüfung zum Servicetechniker/in können die Teilnehmer/innen noch eine herstellerspezifische Vertiefung mit 120 Stunden dranhängen. Servicetechniker bilden in der Werkstatt die Brücke zum Werkstattleiter. Er ist der erste Ansprechpartner, wenn es um die Suche nach Fehlern geht. Bei z.B. technischen Neuheiten unterstützt er die Kollegen aus dem Vertrieb. Hier geben wir einen praxisorientierten Einblick in die Weiterbildung und in den Alltag des Servicetechnikers.

Interview mit Rolf Figlestahler

eilbote: Seit wann wird der Weiterbildungslehrgang zum Servicetechniker an der Gewerbe Akademie Freiburg angeboten?

Rolf Figlestahler: Im Jahr 2013 wurde der erste Lehrgang zum Servicetechniker in Freiburg durchgeführt. Insgesamt wurden bis jetzt drei Servicetechniker-Lehrgänge durchgeführt.

Was erwartet die Gesellen bei der Weiterbildung zum Servicetechniker?

Der Weiterbildungslehrgang zum Servicetechniker umfasst 520 Unterrichtstunden und wird in drei Blöcke unterteilt. Im Block 1 geht es z.B. mit der Servicekommunikation, Auftragsabwicklung/Fahrzeugübergabe und rechtlichen Themen eher noch um die Theorie.

Im zweiten und dritten Block geht es u.a. mit der Projektarbeit, der Hydraulik und der Thematik Fahrwerk, Bremsen, Pneumatik gezielt an die praktische Weiterbildung in der Werkstatt. Im Anschluss daran, also ein Jahr später, steht die Servicetechnikerprüfung an.

Welches Feedback bekommen Sie von den ausgebildeten Servicetechnikern?

In einer Befragung unter den ehemaligen Servicetechnikern stellte sich heraus, dass sie nach ihrer Weiterbildung zum Servicetechniker höhere und komplexere Aufgaben in der Werkstatt übernehmen. Bei technischen Problemen sind sie in ihren Betrieben der erste Ansprechpartner. In einigen Werkstätten übernimmt der Servicetechniker die Vertretung des Werkstattleiters.

Für welche Gesellen ist Ihrer Meinung nach die Weiterbildung zum Servicetechniker die erste Wahl?

Für alle Gesellen, die ihre Erfüllung in der Werkstatt suchen, Freude haben, selbständig Maschinen zur reparieren, Technik zu durchschauen, Fehler zu finden, Wissen an Kollegen weiterzugeben und Maschinen wieder zum Laufen zu bringen, ist die Weiterbildung zum Servicetechniker die erste Wahl.

Interview mit Philipp Bruder

Philipp Bruder ist 24 Jahre alt und lebt in Oppenau. 2010 hat er die mittlere Reife erfolgreich absolviert. Danach folgte eine Ausbildung zum Mechaniker für Land- und Baumaschinentechnik bei der Firma Ernst Land-Forst-Gartentechnik GmbH. Seit März 2018 ist er als Servicetechniker bei der Firma Ernst tätig.

Philipp Bruder ist 24 Jahre alt und lebt in Oppenau. 2010 hat er die mittlere Reife erfolgreich absolviert. Danach folgte eine Ausbildung zum Mechaniker für Land- und Baumaschinentechnik bei der Firma Ernst Land-Forst-Gartentechnik GmbH. Seit März 2018 ist er als Servicetechniker bei der Firma Ernst tätig.

eilbote: Wann und wo haben Sie die Weiterbildung zum Servicetechniker absolviert?

Philipp Bruder: Im Februar 2017 begann ich mit der Weiterbildung zum Servicetechniker im Kompetenzzentrum Nutzfahrzeuge und Landmaschinentechnik der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade in Lüneburg.Nach einem lehrreichen Jahr mit einem hohen Praxisanteil stand die Abschlussprüfung zum Servicetechniker an, die ich im März 2018 erfolgreich absolvierte.

Warum haben Sie sich für die Weiterbildung zum Servicetechniker entschieden?

Für den Servicetechniker hatte ich mich entschieden, um mich fachbezogen und praxisorientiert weiterzubilden. Dies ist im Hinblick auf die immer komplexer werdende Landtechnik von hoher Bedeutung. Ich würde mich heute wieder für den Servicetechniker entscheiden.

Wie hat sich Ihr Tätigkeitsfeld im Unternehmen verändert?

Im Unternehmen bin ich nun der zweite Werkstattleiter und kümmere mich im Alltag um umfangreichere Reparaturen, um die Erstdiagnosen, und natürlich bin ich immer vorne mit dabei, wenn es um die Fehlersuche geht. Zukünftig werde ich noch stärker in der Auftragsannahme eingebunden sein.

Für welche Gesellen ist Ihrer Meinung nach die Weiterbildung zum Servicetechniker die erste Wahl?

Die Weiterbildung zum Servicetechniker ist für die Gesellen die erste Wahl, die sich in der Werkstatt zukünftig um die Reparatur der komplexer werdenden Landtechnik kümmern möchten. Die Servicetechniker übernehmen neben dem Meister in der Werkstatt ein technisch anspruchsvolles Aufgabengebiet mit hoher Verantwortung.

Interview mit Heiko Schäfer

Heiko Schäfer, Leiter After-Sales und stellvertretender Leiter Geschäftsbereich Technik, RWZ Köln, ist verantwortlich für das Ersatzteil- und Werkstattgeschäft der Agrartechnik-Betriebe in Deutschland (30 Betriebe) und Frankreich (8 Betriebe).

Heiko Schäfer, Leiter After-Sales und stellvertretender Leiter Geschäftsbereich Technik, RWZ Köln, ist verantwortlich für das Ersatzteil- und Werkstattgeschäft der Agrartechnik-Betriebe in Deutschland (30 Betriebe) und Frankreich (8 Betriebe).

eilbote: Wie viele ausgebildete Servicetechniker sind in den Werkstätten der RWZ Rhein-Main eG tätig?

Heiko Schäfer: Mittlerweile ist durchschnittlich in jeder RWZ Werkstatt ein Servicetechniker angestellt. In größeren Werkstätten sind bereits zwei Servicetechniker beschäftigt.

Um die stetig steigenden technischen Anforderungen in der Landtechnik zukünftig bewältigen zu können, spezialisieren sich die Mitarbeiter unter anderem auf Traktoren, Erntetechnik, Rübenroder oder z.B. die Elektronik mit dem großen Bereich Diagnose.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welcher Geselle zum Servicetechniker weitergebildet wird?

Zum einen erkennen die verantwortlichen Führungskräfte in der Werkstatt, welcher Geselle/in für die Weiterbildung zum Servicetechniker in Frage kommt. Des Weiteren sind die Ziele des Mitarbeiters entscheidend. Hat der Mitarbeiter Spaß daran, sich in komplexe technische Sachverhalte einzuarbeiten und Fehler zu finden, dann ist er ein passender Kandidat für den Weiterbildungslehrgang zum Servicetechniker.

Wie ändern sich die Aufgabenfelder in der Werkstatt, wenn in einem Landtechnikfachbetrieb Meister und Servicetechniker arbeiten?

Nachdem der Meister viele organisatorische und administrative Aufgaben, wie z.B. die Einteilung der Monteure, Kundengespräche, das Stellen von Gewährleistungs- und Kulanzanträgen übernimmt, ist der Servicetechniker die Person, welche sich an der Maschine in komplexe Sachverhalte einarbeitet, um technische Probleme zu lösen. Die technische Ausbildung des Servicetechnikers ist höher als die des Meisters.

Könnten Sie für unsere Leser einschätzen, wie sich der Servicetechniker in den Landtechnikfachbetrieben etabliert hat?

Nach meiner Einschätzung ist es nur mit einer weiteren Etablierung des spezialisierten Servicetechnikers zukünftig möglich, der stetig technischen Spezialisierung in der Landtechnik gerecht zu werden. Hierbei spielt es auf jeden Fall eine Rolle, dass sich die technisch anspruchsvolleren Tätigkeiten des Servicetechnikers auch im Verrechnungssatz widerspiegeln.

Interview mit Franz Hensen

Franz Hensen, 58 Jahre, verheiratet, vier Söhne. Hensen ist beteiligt im Kernteam zum Projekt und Entwicklung „Servicetechniker Handwerkskammer“. Seit 1982 in unterschiedlichen Funktionen bei Claas im technischen Service und Produktmanagement beschäftigt. Kundendienstleiter in der deutschen Claas Vertriebsgesellschaft mbH seit 16 Jahren, Vorsitz des Arbeitskreises Kundendienstleiter im VDMA.

Franz Hensen, 58 Jahre, verheiratet, vier Söhne. Hensen ist beteiligt im Kernteam zum Projekt und Entwicklung „Servicetechniker Handwerkskammer“. Seit 1982 in unterschiedlichen Funktionen bei Claas im technischen Service und Produktmanagement beschäftigt. Kundendienstleiter in der deutschen Claas Vertriebsgesellschaft mbH seit 16 Jahren, Vorsitz des Arbeitskreises Kundendienstleiter im VDMA.

eilbote: Sie waren an der Etablierung des Servicetechnikers beteiligt. Aus welchen Gründen wurde der Servicetechniker ins Leben gerufen?

Franz Hensen: Hierfür gibt es viele Gründe, jedoch die wesentlichen Treiber waren zum einen die steigende Komplexität und Technisierung in der Landtechnik, welche eine zusätzliche Qualifizierung erforderlich machen. Hinzu kommt heute die Digitalisierung, welche zum damaligen Projektstart eher noch nicht so präsent, aber doch absehbar war. Ferner der weiterhin steigende Anspruch der Kunden und auch deren Professionalisierung, um letztlich auch im Bereich der Karrierefelder neben dem Meister und Gesellen eine sinnhafte Abstufung zu haben, insbesondere für Techniker in den Werkstätten des Fachhandels, die nicht unbedingt eine Personalverantwortung wahrnehmen möchten.

Wie ändern sich die Aufgabenfelder, wenn in einem Landtechnikfachbetrieb Meister und Servicetechniker arbeiten?

Der Servicetechniker hat neben den reinen technischen Aufgaben insbesondere die Funktion, die Kundenbindung weiter zu optimieren und mit einem kompetenten Beratungsprofil damit auch den Auftrag Servicedienstleistungen zu vermarkten und folglich die Profitabilität in der Werkstatt und im ET Service zu steigern. Hier gilt es, die Serviceumsätze abzusichern und selbstständig neben Herstellerangeboten auch individuelle Serviceprodukte wie Wartungsverträge zu entwickeln und zu platzieren.

Wie hat sich der Servicetechniker in den Landtechnikfachbetrieben etabliert?

Wir beobachten selbstverständlich unsere Claas Servicetechniker und verfolgen auch mit Spannung deren Werdegang. Dies ist jedoch nach Region und auch Betrieb unterschiedlich. Fakt ist aber, dass sich die qualifizierten Servicetechniker grundsätzlich als Spezialisten herausstellen. Dies vielfach in fachlich technischer Hinsicht wie zum Beispiel im Bereich einer Produktsparte wie Erntetechnik oder Traktoren. Diese sind dann zunehmend mehr unsere Ansprechpartner bei komplexen Diagnosen und stehen damit auch im Betrieb als der Spezialist mit optimalem analytischem Vorgehen und Wissen den Kollegen zur Verfügung. Auch stellen wir fest, dass die Servicetechniker in enger Zusammenarbeit mit dem Werkstattleiter Konzepte für die Nachsaison oder im Bereich der Prävention entwickeln und umsetzen.

Wie können Gesellen und Betriebsleiter von der Weiterbildung zum Servicetechniker überzeugt werden? Für welche Gesellen ist der Servicetechniker die erste Wahl?

Grundsätzlich ist es kein Geheimnis, dass es auch unsere Branche bzgl. fehlendem Nachwuchs oder Fachkräftemangel „erwischt“ hat. Im Gegenteil, die steigenden Herausforderungen erschweren die Mitarbeitersuche und deren Bindung. Genau da setzt der Servicetechniker eben auch auf. Wir haben bei Claas und unseren Händlern die Erfahrung gemacht, dass nicht nur die Entlohnung der Gradmesser, sondern bei den meisten Mitarbeitern auch die Position im Betrieb, der Erfolg und neben einem guten Arbeitsklima auch die Möglichkeiten der Weiterbildung sehr maßgeblich sind. Hier sind gute Techniker mit Engagement, welche eine Erfahrung von ca. drei Jahren mitbringen, prädestiniert.

Eigentlich dann, wenn deren Vorlieben und auch Stärken wahrnehmbar sind. Wichtig ist heute mehr denn je, dass der Werkstatt- oder Betriebsleiter die Potentiale und im permanenten Dialog mit den Mitarbeitern deren persönliche Ziele und Erwartungen erkennt. Junge Menschen wollen heute tendenziell natürlich weiterkommen und selbstverständlich auch im Servicebereich eine gewisse Laufbahn beschreiten. Daher ist dieser Qualifizierungsgang eine optimale Perspektive, der bereits in der Ausbildung als zukünftige Möglichkeit angesprochen werden muss.

Weitere Informationen

Weitere Informationen zum Servicetechniker für Land- und Baumaschinenmechatroniker unter https://www.starke-typen.info/fortbildung/servicetechniker.asp

Der Autor Michael Rabe, Fachreferent für Landtechnik/Motorgeräte und technischer Berater im VdAW e.V. (Verband der Agrargewerblichen Wirtschaft e. V.), Telefon (07 11) 1 67 79 17, rabe @ vdaw.de

 

 


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