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Traktorenmanufaktur als „Family-Business“

Sepp Knüsel: Traktorenmanufaktur als „Family-Business“

Der SKH 150 ist der bislang größte Rigitrac mit 150 PS FPT-Motor.

Von André Müller

Aktualisiert am

Hinter dem Rigitrac steht die schweizer Familie von Marlis und Sepp Knüsel. Der eilbote hat das Unternehmen in Küssnacht am Rigi besucht.

Häufig hört man die einfache Floskel „Mache dein Hobby zum Beruf und du musst nie wieder arbeiten“. Dies gilt für den mit sieben Geschwistern auf dem elterlichen Landwirtschaftsbetrieb aufgewachsene Sepp Knüsel. Der Schweizer hatte bereits in jungen Jahren ein besonderes Gespür für Innovationen. Bemerkbar machte sich dies bereits in frühester Kindheit, als der junge Sepp im elterlichen Esszimmer Ladewagen auf Papier skizzierte und sich schon damals für die Technik interessierte.

Darüber hinaus hatte er Talent für das Reparieren kaputter Gegenstände. Schnell steigerte sich der Aufwand seiner Reparaturen und es war bloß eine Frage der Zeit, bis der gelernte Landmaschinenmechaniker die gleichnamige „Sepp Knüsel AG“ 1976 in einer neu erbauten Maschinenhalle auf dem Hof seiner Eltern gründete. Zu Beginn handelte es sich um eine Werkstatt für Landmaschinen, wobei der umtriebige Jungunternehmer das anfängliche Reparaturangebot schnell durch den Vertrieb und Verkauf von Traktoren und Landmaschinen erweiterte.

Der Verkauf und die Reparatur von Landmaschinen führte Sepp Knüsel bei seiner täglichen Arbeit vor Augen, welche Schwachstellen sowie Verbesserungspotenziale die Maschinen einerseits aufwiesen und welche Erwartungen die Landwirte andererseits an diese stellten. Getreu dem Motto „Ich kann es besser“ fing Sepp in seiner Landmaschinenwerkstatt an, Eigenkonstruktionen zu entwickeln, zu produzieren und zu verkaufen. Der 1983 präsentierte Bandrechen machte den Anfang seiner Eigenentwicklungen und in den Folgejahren erweiterte Sepp das Produktangebot unter anderem durch unterschiedliche Varianten von Anhängern und Güllefässern.

Die Kombination aus ersten Eigenkonstruktionen, kundenorientiertem Verkauf von Landmaschinen sowie unzähligen Reparaturen jeglicher Art bildeten die erfolgreiche Basis.

Sepp Knüsel: Traktorenmanufaktur als „Family-Business“

Die Familie Knüsel mit Theres, Doris, Sepp, Marlis, Ruth und Edith (v.l.n.r.).

Sepp Knüsel: Traktorenmanufaktur als „Family-Business“

Die Rigitrac-Montage im Schweizer Küssnacht.

Start der Eigenentwicklungen

Der daraus resultierende Bedarf nach mehr Platz mündete 1982 in einem Neubau, in Küssnacht am Rigi. Das Folgejahr stellt unter anderem durch den Produktionsstart des selbst konstruierten Bandrechens, aber vor allem durch die Hochzeit mit Frau Marlis einen echten Meilenstein in der bis heute fortwährenden Erfolgsgeschichte des Familienbetriebes dar. In den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten wird das angebotene Landmaschinen-Portfolio ständig erweitert. Hierzu zählt neben den als Generalimporteur speziell für die Berglandschaft entwickelten Traktoren mit Wendeschaltung der italienischen Marke Antonio Carraro auch das Importprogramm der SIP-Heuerntemaschinen aus Slowenien. 1986 startete die Firma mit der Produktion von eigenen Mähwerken, die auf dem Markt sofort großen Anklang fanden. Dazu zählen verschiedene Frontscheibenmähwerke, Mähwerke mit integriertem Aufbereiter und die leichten Trommelmähwerke für den Frontanbau.

Sepp Knüsel: Traktorenmanufaktur als „Family-Business“

Der Mähtraktor SKH60 mit 75 PS erweitert seit 2021 das Programm.

Sepp Knüsel: Traktorenmanufaktur als „Family-Business“

Der Bandrechen, eine der ersten Eigenkonstruktionen aus dem Hause Knüsel.

Die Vision vom eigenen Traktor

Doch Sepp und Marlis Knüsel verfolgten eine weitere Vision, deren Realisierung keine Garantie auf Erfolg darstellte. Es handelte sich um die Entwicklung und Konstruktion eines eigenen Traktors. Sepp Knüsel legte besonderen Wert auf eine hohe Qualität und Zuverlässigkeit des eigenen Schleppers. Die Firma Knüsel hatte mit dem Rigitrac eine innovative Lösung für die modernen Anforderungen der Landwirtschaft geschaffen. Aufgrund der geringen Stückzahlen konnte sie die Traktorenhersteller nicht für das Projekt gewinnen, weshalb sie entschied, das Vorhaben eigenständig umzusetzen. So entstand der Rigitrac, ein einzigartiger Traktor, der Traktor- und Mähtraktor-Funktionen vereint und den speziellen Bedürfnissen der Landwirte gerecht wird.

Konstruktionsideen einzelner Elemente der Kabine, des Chassis, der Kotflügel oder der Motorhaube wurden Anfang der 2.000er Jahre mit Hilfe einfacher Pappe oder Kartonagen eins zu eins aufgebaut. Die visuell dargestellten Muster diskutierten Sepp und Marlis Knüsel sowohl im Büro, mit Landwirten, als auch abends zu Hause mit der Familie. So erlebten auch die vier Töchter Edith, Theres, Doris und Ruth von Kindesbeinen an die elterlichen Diskussionen mit. Die Töchter halfen spielerisch beim Basteln der Pappmuster, waren hautnah bei Rückschlägen dabei und erlebten den Pioniergeist beider Eltern. Ein besonderer Höhepunkt gelang 2003 mit der Vorstellung des ersten Prototyps eines eigenen Traktors und der speziell für die Traktoren gegründeten Tochterfirma „Rigitrac Traktorenbau AG“.

Der Prototyp ermöglichte in den darauffolgenden Monaten ausgiebige Tests im realen Einsatz. Gerade das Mitteldrehgelenk und die hohe Vorderachsneigung speziell für hügeliges Gelände, gepaart mit den markanten, gleichgroßen Vorder- und Hinterrädern, das gesamte Bedienkonzept mit stufenlosem Fahrantrieb sowie das Fahrverhalten mit verschiedenen Lenkungsvarianten, mussten sich im Praxistest und unter Volllast beweisen. Der Prototyp erfüllte sofort die gewünschten Anforderungen und konnte in die Serienproduktion aufgenommen werden. Die Rigitrac Traktoren wurden über die Jahre weiterentwickelt und dabei Kundenwünsche berücksichtigt.

Der erste serienreife Rigitrac wurde im Jahr 2004 auf der größten Landtechnikmesse in der Schweiz, der Agrama, präsentiert. Dieser Auftritt entpuppte sich als absoluter Erfolg für das kleine Familienunternehmen, da der erste eigene Rigitrac auch sogleich die Auszeichnung als „Traktor des Jahres“ durch die Fachzeitschriften „Schweizer Bauer“ und „Terre & Nature“ sowie „LANDfreund“ erhielt. Im gleichen Jahr erfolgte zudem der Startschuss zur Serienfertigung mit einer ersten Kleinserie von fünf Exemplaren.

Die Finalisierung des serienfertigen Rigitrac bedeutete gleichwohl auch eine weitere Herausforderung. Bisher baute die speziell für diesen Traktor gegründete Rigitrac Traktorenbau AG keine Traktoren in Serie. Um diese Aufgabe erfolgreich zu meistern, galt es, eine Produktion neu aufzubauen. Zwar hatten Sepp und Marlis Knüsel bereits Erfahrungen mit der Produktion eigener entwickelter Anbaugeräte sammeln können, aber die Herausforderungen für die Serienfertigung des eigenen Traktors waren komplexer. Von Lieferketten über Lagerhaltung, Logistik, Fertigung bis hin zur Mitarbeitereinweisung und Ausstattung der einzelnen Arbeitsplätze sowie der Vermarktung des Traktors reichten die Aufgaben. Auch hier bildeten Sepp und Marlis ein starkes Team und blieben bei dem stets bewährten Ansatz „learning by doing“. Die vielen Mühen zahlten sich letztendlich aus und fanden ihren vorläufigen Höhepunkt durch einen Großauftrag der Schweizer Armee im Jahr 2008. Der Rigitrac überzeugte das Militär durch seine gute Technik sowie die hohe Qualität, Sicherheit und Zuverlässigkeit. Die Armee-Traktoren dienen in großen Logistikzentren für Anhänger- und Fahrzeugverschiebungen. Im gleichen Jahr stattete sich auch der Flughafen Zürich mit den verlässlichen Traktoren aus Küssnacht aus. Der große Erfolg ließ die Kapazitätsgrenzen der Fertigung erreichen, sodass das Familienunternehmen 2010 eine neue Produktionshalle im Industriegebiet Fänn, Küssnacht bezog. Im Gegensatz zur ersten Produktionshalle konnten die Inhaber dieses Mal direkt einen für die größere Serienproduktion passenden Ort ausfindig machen. Dies ermöglichte auch ein deutlich effizienteres Arbeiten, da Arbeitsplätze, Materiallager, Anlieferung und eben die gesamte Fertigung von Beginn an den gestiegenen Anforderungen flexibel angepasst wurde.

Die Produktpalette muss erweitert werden

Zudem wollten Sepp und Marlis Knüsel ihr Traktoren-Produktportfolio erweitern, um die Anforderungen unterschiedlicher Landwirte zu erfüllen. Daher entschied sich das Team für eine Variante mit 95 PS und eine mit 120 PS. Die Nachfrage stieg stetig nach weiteren Modellen. Aufgrund der engen Kontakte in die Landwirtschaft und einer Marktanalyse folgte bereits 2016 ein weiterer Schlepper mit 116 PS.

Bei dieser dritten Traktorvariante handelte es sich um den SKH 75, welcher mit einem wassergekühlten Deutz 4-Zylinder-Motor ausgestattet ist und die vorhandene Modellpalette ideal ergänzt. Auch in den Folgejahren etablierte sich das Schweizer Familienunternehmen und die Rigitrac Traktoren erfreuten sich immer größerer Beliebtheit, in der Schweiz sowie im Ausland. So fährt die Stadt Köln seit 2016 Rigitrac und setzt den zuverlässigen Traktor als Kommunalfahrzeug ein.

Das Jahr 2016 hat in der Unternehmensgeschichte jedoch aus einem anderen Grund einen besonderen Stellenwert. Der Staffelstab der Sepp Knüsel AG wurde an Tochter Theres Beutler-Knüsel weitergegeben und ihre drei Schwestern Doris Knüsel, Ruth Durrer-Knüsel und Edith Winter-Knüsel unterstützen sie bei der Geschäftsführung. Selbstverständlich stehen den vier Schwestern Papa Sepp und Mama Marlis mit ihrer Erfahrung, dem Ideenreichtum sowie bei wichtigen unternehmerischen Entscheidungen nach wie vor zur Verfügung. So fällte der Familienrat auch die gemeinsame Entscheidung, die vorhandene Produktpalette der etablierten Traktorenmodelle durch einen leistungsstärkeren Traktor zu ergänzen, um auf die wachsenden Anforderungen größerer Betriebe zu reagieren. Das Ergebnis ist mit dem SKH 150 der bislang größte Rigitrac. Aufgrund der hohen Achslasten von 9.000 kg ideal geeignet für den Frontladereinsatz. Zudem bietet der 4-Zylinder-FPT-Motor nicht nur die Abgasstufe Tier 4 Final, sondern ist dank reduzierter Motorendrehzahl auch äußerst sparsam im Kraftstoffverbrauch.

Damit decken die verschiedenen Modell-Varianten der dieselbetriebenen Rigitrac Schlepper ein Leistungsspektrum von 116 bis 150 PS ab. Nach wie vor hält die gesamte Familie Knüsel engen Kontakt zu Landwirten, um verändernde Anforderungen frühzeitig zu identifizieren und mit entsprechenden Produkten darauf zu reagieren. So wird im Jahr 2021 das vorhandene Produktsortiment um den mit einem 4-Zylinder-Common-Rail Deutz-Motor betriebenen, 75 PS starken und speziell für Hangneigungen konzipierten Mähtraktor SKH 60 erweitert. Die Besonderheit der Maschine ist, dass die pendelnde Kabine Seitenhangneigungen von bis zu 30 Prozent ausgleicht und dem Fahrer somit ein komfortables Arbeiten ermöglicht.

Damit zählt die Sepp Knüsel AG heutzutage zu einem erfolgreichen, breit aufgestellten Partner der Land- und Kommunalwirtschaft, auch über die Schweizer Landesgrenzen hinaus. Den Markenkern des Familienbetriebes bilden nach wie vor die starke Teamorientierung sowie das familiäre Miteinander und nicht zuletzt der ungebrochene Pioniergeist.

In Teil II dieser Reportage beschreiben wir die Entwicklung der elektrisch betriebenen Traktoren aus dem Hause Rigitrac.


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