Russland - Landtechnik: Mehr als ein laues Lüftchen?

Ein Wind bläst derzeit in die Segel auf dem weiten Meer des russischen Landtechnikmarktes. Aber treibt er die Schiffe des europäischen Handels wirklich voran?

Russland: Landtechnik: Mehr als ein laues Lüftchen?

Auch bei Sturm – Krone-Technik bewährt sich in Zentralrussland. Der Mittelständler aus Spelle gehört zu den Aktivisten der deutsch-russischen Agrarkooperation und unterhält mittlerweile ein ausgedehntes Händlernetz.

Es waren keine leichten Jahre für die deutschen Landtechnikexporteure, seit sich Präsident Putin 2014 zur Annexion der Krim entschloss und internationale Handelssanktionen gegen Russland in Kraft gesetzt wurden. Manche Hersteller konnten ihre Positionen halten, doch viele andere, vor allem die, die keine eigene Produktion vor Ort haben, mussten gegenüber früheren Jahren herbe Einbußen hinnehmen.

Für die Landmaschinenbauer sei es eine wahre Achterbahnfahrt gewesen, so Alexander Haus vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA) in einer Wortmeldung. Zwar habe Russland im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre noch immer zu den fünf wichtigsten Exportmärkten für deutsche Landtechnik gezählt, aber die Erholung von den Rückschlägen nach der Krim-Krise komme eben erst seit Ende 2018 in Gang – mehr oder weniger. Nun, 2020, gibt es Erfolgsmeldungen. Dr. Bernd Scherer, Geschäftsführer des VDMA Landtechnik, konnte dieser Tage erfreut feststellen, dass der russische Markt für Landmaschinen und Traktoren sich im ersten Halbjahr sehr positiv entwickelt hat. Vielen Landtechnikherstellern sei es in der ersten Jahreshälfte gelungen, ihre Umsätze auf dem hohen Niveau des Vorjahres zu halten oder sogar zu steigern. Die größte Dynamik sei im Segment der Traktoren mit mehr als 150 PS Motorleistung sowie bei Geräten zur Pflanzenpflege zu beobachten. Etwas schwächer seien die Geschäfte der Transporttechnikanbieter gelaufen.

Stellt sich die Frage, ob dieser Positivtrend von Dauer ist. Schauen wir zunächst auf das Soll: Da ist zum einen das Problem, dass die EU-Sanktionen noch immer wirken und sich zusätzlich die machtheischende Handelspolitik der USA auf das deutsche Russlandgeschäft auswirkt. Erschwerend kommt hinzu, dass China in den letzten Jahren stark und weitgehend ungehindert in den russischen Landmaschinenmarkt hineindrückt – global betrachtet hat China Deutschland bereits 2016 als wichtigsten ausländischen Maschinenlieferanten der russischen Industrie abgelöst. Zudem hat sich Russland entschlossen, die eigene Landtechnikindustrie in erheblichem Maße weiter zu fördern (eilbote 23/2020, S. 6–7), was nicht ohne Auswirkungen auf den Import bleiben wird. Letztlich haben wohl alle, die schon ein Weilchen im deutsch-russischen Agrargeschäft arbeiten, ihre Erfahrungen mit Absichtserklärungen von staatlichen Strukturen. Insofern ist der im Februar angekündigten Zusammenarbeit von Weidemann mit Rosagroleasing nur von ganzem Herzen Erfolg zu wünschen.

Doch genug der Miesepeterei. Es gibt auch Lichtblicke. Immerhin hat Russland 2019 die höchsten Getreideerträge in seiner Geschichte eingefahren – im Schnitt über alle Boden- und Klimazonen 3,5 t/ha. Für solche Schritte braucht man gute Technik. Zudem zeigt die lokale Agrarpolitik, dass Russland die Bedeutung der Landwirtschaft für die nationale Sicherheit sehr wohl erkannt hat (was man ja nicht von allen europäischen Staaten sagen kann). Letztlich ist der historisch gewachsene Landmaschinenbedarf in Russland (eilbote 11/2020, S. 7) ja nicht einfach verschwunden, nur weil es Handelsprobleme gibt, und das Sortiment der einheimischen Landmaschinenwerke hat nach wie vor erhebliche Lücken: Traktoren im mittleren PS-Segment fehlen ebenso wie leistungsfähige Pflanzenschutztechnik und viele Arten von Bodenbearbeitungsgeräten. Weiter hoch bleiben dürfte auch der Bedarf an Futter-erntetechnik, denn die Milchproduktion steht im Zentrum der staatlichen Förderpolitik. Insofern ist verständlich, dass Fachleute im Umfeld des VDMA gute Konjunkturperspektiven sehen. In einer Blitzbefragung während einer deutsch-russischen Agrartechnikkonferenz vor ein paar Wochen sahen zwei Drittel der Teilnehmer die Umsätze 2020 mindestens auf Vorjahresniveau, wenn nicht darüber.

Halten wird sich dieser Trend vor allem dann, wenn die exportierenden Firmen nicht aufgrund von kurzfristigen Mengeneinbußen im Service nachlassen, denn die Leiter russischer Großbetriebe sind – völlig verständlich bei ihrer hohen wirtschaftlichen Verantwortung – sehr anspruchsvoll hinsichtlich der Einsatzbereitschaft teurer Importmaschinen. Zudem ist man weiter gut beraten, bei Gesprächen mit den russischen Kollegen gut hinzuhören: Die Anforderungen an die Technik sind in Russlands schwerbödigen Weiten eben doch zum Teil recht anders als auf sandigen Handtuchäckern im Wendland. Mindestens ebenso stark hängt das Gelingen einer guten Zusammenarbeit von der russischen Seite ab. Sie muss verstehen, dass fragwürdige Finten wie die „Recyclinggebühr“ abgeschafft gehören und die vielfach geforderte Lokalisierung von Produktionen klare, langfristig verlässliche Rahmenbedingungen erfordert. Wenn diese gegeben wären, würden auch kleinere, nicht so kapitalstarke Hersteller an die Schaffung lokaler Produktionskapazitäten gehen. Doch bis dahin ist es wohl noch ein weiter Weg auf dem unendlichen Meer des russischen Landtechnikmarktes.

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