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Mäusebekämpfung :

Mit Legeflinte und Mäusepflug gegen die Nager-Invasion

Der Zulassungswiderruf für einen seit vier Jahrzehnten bewährten Wirkstoff zur Mäusebekämpfung stellt Landwirte zunehmend vor Probleme.

Mäusebekämpfung: Mit Legeflinte und Mäusepflug gegen die Nager-Invasion

Bei den Wühlmausköder- Legegeräten der Firma Heptig, hier beim Einsatz in einer Weinkultur, erfolgt die Dosierung der Giftdepots im Kunstgang manuell durch einen Mitfahrer.

Landwirte in Sachsen-Anhalt, Thürin- gen, Sachsen und Hessen aber ebenso in Teilen von Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Bayern registrieren eine besorgniserregende Zunahme von Feldmauspopulationen. Als Ursachen werden optimale Witterungs- und Nahrungsbedingungen für die Vermehrung der Schadnager, eine verstärkte nichtwendende Bodenbearbeitung und der zunehmende Anbau von Winterkulturen genannt. Vor allem auf dem Grünland, im Getreide und Raps verursachen die Feldmausinvasionen Ausfallverluste zwischen 20 und 80 Prozent.

Die Einbußen durch Mindererträge und Mehraufwendungen in Deutschland beziffert Prof. Gerhard Lauenstein, Phytomedi- ziner und Zoologe im Pflanzenschutz an der Universität Gießen, mit jährlich bis zu 400 Mio. Euro. Beziehe man die nachfolgenden Verarbeitungsstufen in der Lebensmittelindustrie mit ein, könne der volkswirtschaftliche Gesamtschaden auf über 8 Mrd. Euro im Jahr anwachsen.

Um zu verstehen, warum die Situation bei der Mäusebekämpfung auf Ackerflächen gegenwärtig so verfahren ist, hilft ein Blick in die jüngere Vergangenheit:

Gängige Abwehrmethode gegen die Plage ist das Auslegen von Giftködern. Als chemische Bekämpfungsmittel, so genannte Rodentizide, kamen früher unter anderem Arsenverbindungen oder Strychnin zum Einsatz, extrem giftige Substanzen mit töd-lichem Risiko für Menschen und andere Tiere (Nicht-Zielorganismen).

Gerinnungshemmer über Jahrzehnte bewährt

In den 60er Jahren gelang die Entwicklung eines Syntheseverfahrens, mit dem sich Vitamin-K1-ähnliche Gerinnungshemmer in industriellen Mengen herstellen und somit wirtschaftlich als Rodentizid einsetzen ließen. Die Aufnahme dieser Wirkstoffe (Antikoagulanzien) bewirkt, dass die Tiere die Fähigkeit zur Blutgerinnung verlieren und dadurch innerlich verbluten. Für die Mäusebekämpfung hat sich der seit 1974 zugelassene Gerinnungshemmer Chlorphacinon bewährt. Die damit präparierten Köder wurden bei starkem Mäusebefall in Deutschland auf Kulturland und angrenzenden Überlebensräumen der Schadnager gestreut. So hatte man das Problem schnell im Griff. Hierzulande produziert die frunol delicia GmbH das Pflanzenschutzmittel unter dem Namen Ratron Feldmausköder und Ratron Pelletts „F“. Durch die niedrige Wirkstoffkonzentration in den Ködern tritt die Wirkung erst 3 bis 7 Tage nach Aufnahme ein, sodass die Nagetiere sie nicht mit dem Gift in Verbindung bringen können. Außerdem ist damit das Risiko gering, dass Beutegreifer oder andere Säugetiere durch Fraß vergifteter Mäuse zu Schaden kommen. Nach Aussage des zuständigen Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ist aus der Zeit nach 1990 kein Vergiftungsfall eines Haus- oder Wildtieres mit Chlorphacinonködern bekannt. Berichte über Wildtiervergiftungen aus den ersten Anwendungsjahren ließen sich größtenteils auf unsachgemäße Ausbringung zurückführen.

So ist der Unmut der Landwirte verständlich, als die Zulassung für den effektiven und umweltfreundlichen Wirkstoff von der EU-Kommission widerrufen wurde. Seit dem Auslaufen einer Übergangsregelung für Deutschland im Juni 2010 dürfen chlorphacinonhaltige Pflanzenschutzmittel innerhalb der EU nur mit Sondergenehmigung im Streuverfahren und dann auch nur bei nachgewiesenem extrem starken Befall in ausgewählten Kulturen und auf 120 Tage begrenzt ausgebracht werden, wodurch ihr spezifisches Wirkungspotenzial nach Meinung von Anwendern mehr oder weniger verpufft.

Kein Antrag auf Zulassung bei EU

Eine EU-Schelte ist in diesem Falle allerdings unangebracht. Denn der Widerruf erfolgte schlicht deshalb, weil niemand die notwendige Verlängerung beantragt hat. Rolf Barten, Technikdirektor bei der frunol delicia GmbH, nennt die hohen Kosten als Hinderungsgrund: „Mit Gutachten und Untersuchungen sind da schnell zwei Millionen weg“.

Dass Gerinnungshemmer für die Mäusebekämpfung durchaus zulassungsfähig sind, zeigt sich im Biozidbereich, also dem Bereich, der außerhalb von Kulturflächen liegt. Für den Biozideinsatz wurde eine europäische Wirkstoffbewertung beantragt und Chlorphacinon schließlich als Ratten- und Mäusebekämpfungsmittel in die Positivliste (Anhang I der Biozid-Richtlinie) aufgenommen. „Einen solchen Antrag kann jede Firma stellen. Auch ein gemeinsamer Antrag mehrerer Interessenten ist möglich“, sagt BVL-Pressesprecher Andreas Tief. Bisher sei das für den Einsatz als Rodentizid auf Ackerland nicht geschehen. Der Haken daran: Von einer Zulassung der Chlorphacinonköder im Pflanzenschutz – und hier geht es um ganz andere Mengen – würden europaweit alle jetzigen und künftigen Hersteller profitieren, während die Kosten beim Antragsteller hängen bleiben. Tief erwartet, dass es künftig keine Notfallzulassungen wie 2012 und in diesem Jahr geben wird. Denn aus EU-Sicht kämen ständige Ausnahmegenehmigungen einer Zulassung durch die Hintertür gleich.

So müssen sich die Landwirte darauf einstellen, dass neben vorbeugenden Maßnahmen bald ausschließlich nur noch Zinkphosphid als Pflanzenschutzmittel für die Mäusebekämpfung zur Verfügung steht. Zinkphosphid wirkt als Fraßgift, da erst beim Kontakt mit der Magensäure das äußerst giftige Phosphingas entsteht. Unter dem Gesichtspunkt der Umweltbelastung und der Vergiftungsgefahr für Nicht-Zielorganismen wird dieser Wirkstoff kritischer eingestuft als Chlorphacinon. Die Köder in Form von Giftweizen oder Ratron Giftllinsen dürfen deshalb nur verdeckt ausgebracht werden. Dies geschah bisher fast ausschließlich mit so genannten Legeflinten. Über ein Rohr wird dabei die eingestellte Ködermenge tief in das Feldmausloch eingebracht. Die Ausbringung von Rodentiziden mit Legeflinten ist monoton und zeitaufwendig. Bei mittlerem Befall kann eine Arbeitskraft in 8 Stunden ca. 1,5 ha behandeln. Eine großflächige Anwendung ist kaum praktikabel.

Mäusepflug schützt Acker vor Befall

Einen höheren Mechanisierungsgrad bei der verdeckten Ausbringung von Zinkphosphid-Ködern bieten Geräte mit der etwas irreführenden Bezeichnung Feldmauspflug. Pflügen kann man damit natürlich nicht, sondern es werden künstliche Gänge mit Köderstationen angelegt. Das Funktionsprinzip ist dabei immer gleich: An der Dreipunktaufhängung befestigt, um die Tiefenführung zu variieren, durchschneidet zunächst eine Scheibensech den Boden. In dem Schnitt läuft ein Grindel, an dem ein torpedoförmiges Metallrohr befestigt ist. Dieses zieht unter der Ackeroberfläche einen Kunstgang in den Boden, in dem über ein Zuführungsrohr in Abständen Giftkörner bzw. Giftlinsen abgelegt werden. Eine nachlaufende Walze verschließt den vom Grindel aufgerissenen Gang. Erhältlich sind gegenwärtig zwei Fabrikate. Bei den Legegeräten WP 100 und WP 200 der Firma Heptig in Renchen-Ulm (Baden-Württemberg) erfolgt die Dosierung der Giftdepots im Kunstgang manuell durch einen Mitfahrer. Die Land- und Baumaschinen Service AG in Ettingen (Schweiz) baut eine Legemaschine, bei der eine Säscheibe die Ablage automatisch regelt. Mit der Wumaki C9 gibt es jetzt auch eine dreireihige Ausführung dieses Mäusepfluges. Einsatzzeitpunkte für die Geräte sind im Frühjahr und Herbst unmittelbar nach dem Drillen. Dabei wird der jeweilige Schlag bei einer Arbeitsgeschwindigkeit von 3 bis 4 km/h mit einem bzw. mehreren Kunstgängen eingefasst. Diese Gänge locken die Mäuse bei der Besiedlung eines frisch bestellten Feldes an. Durch Aufnahme des darin positionierten Fraßgiftes verenden sie.

Getestet und an der Entwicklung des Schweizer Legegerätes mitgewirkt hat Wolfgang Beer. Der Geschäftsführer der Gerbstedter Agrar GmbH in Sachsen-Anhalt verfügt über eine gut dreißigjährige Erfahrung bei der Mäusebekämpfung in der Magdeburger Börde. „Mit unseren guten Böden und dem geringen Niederschlag bieten wir den ursprünglichen Steppentieren ideale Bedingungen“, meint der Landwirt lakonisch. Die Tests mit dem Mäusepflug, von dem auf den Äckern des Gerbstedter Agrarbetriebes künftig die dreireihige Variante zum Einsatz kommen soll, hätten gute Ergebnisse gebracht, aber auch Verbesserungsmöglichkeiten offenbart. So müsse die Aufhängung (Grindel) des Gangtorpedos eine bestimmte Stärke haben, um den Mäusen den Einstieg in die Kunstgänge zu erleichtern. Aus dem gleichen Grunde sei es wichtig, dass sich der Auflagedruck der nachlaufenden Walze entsprechend den Bodenverhältnissen und der Bodenverdichtung einstellen lasse. Die Ablage der Giftkörner dürfe nicht zu gleichmäßig sein sondern müsse in Depots erfolgen. Wenn die Nager zwischen den einzelnen Giftködern erst eine Wegstrecke laufen, spüren sie nach dem zweiten oder dritten Korn erste Giftwirkungen und hören auf zu fressen.

Legegeräte sind nur ein Baustein

Bei der Gerbstedter Agrar GmbH hofft man nun, mit dem konsequenten Einsatz des Mäusepfluges den Mäuseinvasionen wenigstens teilweise Einhalt bieten zu können. Darüber hinaus stellen sich die Landwirte bei der Bodenbearbeitung auf die veränderte Situation nach dem Chlorphacinon-Verbot ein. „Wir bestellen weiterhin pfluglos. Aber wir fahren sofort nach der Ernte mit der Großscheibenegge in 18 oder 25 cm Bearbeitungstiefe über den Acker und wiederholen das gegebenenfalls nach 14 Tagen noch mal“, berichtet der Chef des Agrarbetriebes. Ziel ist es dabei, durch Einarbeiten der Ernterückstände den Mäusen die Nahrungsgrundlage zu nehmen, so dass sie sich im wahrsten Sinne des Wortes vom Acker machen.

Den nach den Tests in Gerbstedt verbesserten dreireihigen Schweizer Mäusepflug setzt seit diesem Frühjahr auch die Agrargesellschaft Pfiffelbach mbH in Thüringen ein. Nach den Verlusten durch Mäusebefall von über 1. Mio. Euro werden hier nun jeweils nach dem Drillen die Schläge mit Sommergerste, insbesondere wenn sie neben Rapsflächen liegen, mit Kunstgängen eingerahmt. Bei der Bodenbearbeitung entscheiden die Pfiffelbacher Landwirte von Fall zu Fall, um den Acker schwarz zu bekommen. „Kriegen wir es mit ein bis zwei Grubberfahrten hin, verzichten wir aufs Pflügen. Müsste man aber für das gleiche Ergebnis drei oder vier mal Grubbern, ist es besser zu Pflügen und dann noch mal mit dem Grubber drüber zu gehen“, sagt Geschäftsführer Dr. Lars Fliege.

Nur wenige Kilometer entfernt liegen die Flächen der Thüringer Lehr-, Prüf- und Versuchsgut GmbH Buttelstedt. In Zusammenarbeit mit der Fachbehörde wird hier der Einsatz des einreihigen Mäusepfluges Wumaki C3 im Winter- und Sommergetreide sowie auf Luzerneflächen ausgewertet. Die Ergebnisse laufen bei Reinhard Götz, Leiter des Referats Pflanzenschutz an der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft zusammen. „Bis zum Jahresende wird ein entsprechender Erfahrungsbericht vorliegen“, kündigt Götz an. Erste Auswertungen zeigten, dass der Mäusepflug nur ein Baustein in der Mäusebekämpfungsstrategie sein könne. Das ergebe sich schon aus der begrenzten Einsatzspanne. Die Stärken des Mäusepfluges liegen seiner Ansicht nach in der Prophylaxe, um das Einwandern der Schadnager auf den bestellten Acker zu erschweren.

Fazit

Die von Mäuseinvasionen geplagten Landwirte fühlen sich beim Pflanzenschutz im Stich gelassen. Verwunderlich ist nur, dass die zunehmende Massenvernichtung wertvoller Nahrungs- und Futtermittel direkt auf dem Acker die Öffentlichkeit kaum bewegt, während die Verschwendung durch das Wegwerfen von Lebensmitteln tagelang für mediale Empörung sorgte und die Landwirtschaftsministerin auf den Plan rief. Angesichts der enormen agrarwirtschaftlichen Verluste und einer auch durch den Klimawandel begünstigten Ausbreitung der Schadnager ist nicht nur in den jetzigen Hauptbefallsgebieten mehr Zusammenarbeit von Praxis, Bauernverbänden und Pflanzenschutzdiensten gefragt. Da beißt die Maus keinen Faden ab.


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