Wachsdummies retten Insektenleben

Das insektenschonende Mähen ist derzeit ein Trendthema bei Kommunen, viele Hersteller haben darauf bereits mit entsprechender Technik reagiert. Einen wirklichen Vorschriftenkatalog dafür gibt es derzeit aber – noch – nicht. In den Niederlanden ist man bereits etwas weiter, in Deutschland arbeiten verschiedene Stellen ebenfalls an geeigneten Prüfverfahren. Der eilbote hat recherchiert.

Mähen: Wachsdummies retten Insektenleben

Der vor allem kommunal eingesetzte Mäh-Ladewagen von Schouten wurde bereits erfolgreich als „insektenschonend“ zertifiziert.

Insektenschonende Mähtechnik wird immer stärker nachgefragt, weshalb viele Hersteller entsprechende Modelle in ihr Portfolio aufnehmen: Der Mulag Eco 1200 setzt auf das Scheibenmäher-Prinzip und eine spezielle Luftleitung, um während der Pflege des Straßenbegleitgrüns möglichst wenig Sog aufzubauen. Hersteller Dücker setzt dagegen auf einen Doppelmesserbalken, zusammen mit Landschaftspfleger Jan Gießelmann hat man das Schneid-Greif-Gebläse SGG 1200 entwickelt. Durch dessen offenen Leitkorridor können Insekten auch nach dem Schnitt noch aus dem Grün herausfallen. Das Gebläse erzeugt zudem keinen Sog direkt an den Messern, wodurch die Insekten nicht vom Boden aufgenommen werden. Stattdessen wird das Schnittgut mechanisch zum Gebläse gebracht, erst dort greift der Luftstrom zum Behälter. Dass es hier auch noch Platz im Markt für kleinere, innovative Anbieter gibt, zeigt Urs Schmid aus der Schweiz: Sein OsziMower schneidet das Gras ebenfalls mit einem Doppelmesser-Mähwerk.

Damit die Kleinst- und Kriechtiere sowie auch Pflanzensamen während des Mähvorgangs sicher am Boden bleiben oder dorthin zurückfallen, werden Mähwerk und Absaugung auch hier durch Zubringer- und Absamungswalzen räumlich getrennt. Dadurch sei gewährleistet, dass keine direkte Saugwirkung zum Boden hin entsteht. Zudem unterstützen die Walzen den Transport des Mähguts und verhindern das Verstopfen des Mähwerks und der Absau- gung.

Aber wie schonend sind diese und diverse andere Verfahren wie etwa vor Mulchern hängende Kettenscheuchen für die Insekten wirklich? Die ersten Test- und Zertifizierungsverfahren sind bereits etabliert, etwa in den Niederlanden. Dort vergibt die Stiftung „Groenkeur“ seit etwa 20 Jahren verschiedene Gütesiegel für die Grüne Branche. Unternehmen können so ihr fachlich fundiertes Handwerk belegen. Das Siegel „Kleurkeur“ hat man zusammen mit der auf den Schutz von Schmetterlingen ausgerichteten Stiftung „Vlinderstichting“ entwickelt. In dessen Rahmen können Hersteller ihre Mähtechnik hinsichtlich Insektenschonung testen lassen. Die Firma Schouten hat sich unter anderem auf Maschinen zur kommunalen Grünpflege spezialisiert und das Prozedere als eine der ersten Firmen mit ihrem Mäh-Ladewagen „Panda“ bereits erfolgreich durchlaufen.

Mähen: Wachsdummies retten Insektenleben

Im niederländischen Testverfahren werden kleine Bienenwachsstäbchen als Insektendummies im Hochgras angebracht. 50 Prozent von ihnen müssen den Mähvorgang unbeschadet überstehen.

Mähen: Wachsdummies retten Insektenleben

Straßenbegleitgrün ist inzwischen als vielfältiger Lebensraum bekannt, weshalb die dort lebende Fauna schonend behandelt werden soll. Der OsziMower von Urs Schmid fokussiert auf diesen Aspekt.

Für den Test bringen die Experten zwei Zentimeter große Bienenwachsstäbchen an den Pflanzen in der Wiese an, 40 Stück pro Quadratmeter. Diese seien mit Insekten vergleichbar und könnten auch bedenkenlos in der Umwelt verbleiben. Anschließend wird das präparierte Stück mit der zu testenden Maschine gemäht. Dann wird überprüft, wieviele der Insekten-Dummys noch intakt sind. „Durch die vor dem Mähwerk angebaute Scheuche aus Ketten werden fliegende Insekten wirkungsvoll vertrieben, die sind daher kein Problem. Die anderen dagegen müssen in möglichst großer Zahl auf den Boden gebracht werden, dort sind sie sicher. Gefährlich ist es vor allem im direkten Schnittbereich“, erklärt Schouten-Mitarbeiter Mike van den Hardenberg. Um diesen Effekt noch zu verstärken, arbeiten die Entwickler bereits an einem zusätzlichen Gerät im Fronthubwerk. Damit sollen die Pflanzen noch stärker bewegt werden. „Außerdem spielt es eine Rolle, ob die Prüflinge den Aufenthalt im Behälter überstehen. So könnten die Kleinlebewesen nach dem Abtransport noch aus dem Schnittgut entfliehen“, ergänzt van den Hardenberg. Die Ergebnisse zeigten, dass nach fünf Durchläufen mit insgesamt 200 Wachsdummys davon 117 unbeschädigt geblieben sind – immerhin 60 Prozent. Für das Zertifikat sind nur 50 Prozent erforderlich, weshalb Schouten das Groenkeur-Zertifikat als insektenschonende Mähtechnik im Juli 2024 verliehen bekam.

Mähen: Wachsdummies retten Insektenleben

Insektenschonende Technik muss dennoch praktikabel bleiben, weshalb eine gleichzeitige Aufnahme des Schnittgutes zwingend erforderlich ist – auch um die für die angestrebte Pflanzenvielfalt notwendige Abmagerung des Bodens zu ermöglichen.

Im entsprechenden Detailbericht unterstreichen die Experten, wie wichtig die Anpassung von Mähhöhe und die Einstellung der Nachlaufwalze sind, um die Auswirkungen auf die Insektenpopulationen zu verringern. Durch eine geringere Saugwirkung des Mähers könne ein wesentlicher Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt von Insekten geleistet werden. Durch einen höheren Schnitt werde sichergestellt, dass Insekten die Möglichkeit haben, dem Mähgerät zu entkommen, was ihre Überlebenschancen erhöht. Darüber hinaus wird durch das Anheben der Nachlaufwalze die Saugwirkung verringert, sodass Insekten weniger wahrscheinlich in die Schneidwerkzeuge gesaugt werden. Auch durch die nachfolgende Walze, die normalerweise über den Boden rollt, werden die Insekten nicht zerquetscht. Es sei jedoch ebenso zu bedenken, dass diese Anpassungen auch Einfluss auf die Effizienz haben können. Daher müsse immer ein Gleichgewicht zwischen der Reduzierung der Saugwirkung und der Aufrechterhaltung der Mäheffizienz gefunden werden.

Mähen: Wachsdummies retten Insektenleben

Bei Dücker setzt man auf einen durchlässigen Kanal, durch den Insekten aus dem Schnittgut fallen können. Durch mechanische Greifer (hier orange) gelangt das Grün zum Gebläse, was Sog am Boden vermeidet.

Mähen: Wachsdummies retten Insektenleben

Die Uni Hohenheim fängt die Insekten auf den Testflächen mit unterschiedlichen Techniken und weiß so genau, was pro Quadratmeter kreucht und fleucht. Nur so kann wirklich verifiziert werden, welchen Schaden das Mähen schlussendlich verursacht.

Hohenheimer Projekt: Insect Mow

Auch in Deutschland wird bereits an einer Zertifizierungsprozedur gearbeitet: Derzeit untersuchen Forschende der Universität Hohenheim im Projekt Insect-Mow, wie stark sich verschiedene Mähtechniken auf die Insekten in den Grünflächen auswirken. Gleichzeitig erarbeitet man dadurch Verbesserungen für bestehende Technik, deren Prototypen dann im direkten Vergleich zu bereits etablierten Systemen getestet werden. Das Forschungsprojekt arbeitet dabei sehr aufwendig und detailliert, wie uns Stefan Böttinger vom Institut für Agrartechnik an der Uni Hohenheim erklärt: „Wir arbeiten unter realen Bedingungen, vergleichen vor und nach der Mahd also direkt benachbarte Flächen auf die dort lebenden Insekten. Dafür arbeiten wir mit Experten aus verschiedenen Fachbereichen der Ökologie und Biologie zusammen. Reine Dummys bilden ja nur einen kleinen Ausschnitt der Insektenpopulation ab, wie etwa Heuschrecken. Die Realität ist aber vielfältiger, weshalb wir die unterschiedlichen Kleinlebewesen mit drei verschiedenen Verfahren einfangen, um ein möglichst komplettes Bild zu bekommen.“

Auch dort zeigt sich, dass die Saugwirkung ein entscheidendes Kriterium ist und mit Scheuch-Vorrichtungen durchaus gute Ergebnisse erzielt werden können. „Wir hören immer wieder von teilweise durch Hersteller selbst durchgeführten Tests, die auf Zahlen von drei bis fünf Insekten pro Quadratmeter basieren. Wir zählen aber etwa 500 Individuen pro Quadratmeter“, sagt Böttinger und verdeutlicht, wie wichtig hier ein einheitlicher Vergleich ist. Dabei wird auch mituntersucht, inwieweit sich eine Fläche in den Wochen nach der Mahd wieder mit Insekten besiedelt. Derzeit bereiten die Technik-Experten eine Fachpublikation vor, aus der hervorgeht, dass Scheibenmähwerke ohne Aufbereiter ähnlich schonend arbeiten können wie der Balkenmäher. „Scheiben- und Trommelmähwerke sind in der Landwirtschaft einfach Stand der Technik, weshalb wir den Praktikern hier Lösungen anbieten müssen, damit sie weiter mit diesen Systemen arbeiten können“, so Böttinger.

Der noch zu etablierende, offizielle Prüfprozess, ob die Mähtechnik eines Herstellers insektenschonend arbeitet, wird laut Böttinger jedoch ohne Käferzählen auf dem Feld ablaufen: „Das wäre zu aufwendig. Daher untersuchen wir derzeit ja, welche Kriterien für die Insekten gefährlich sind: Beispielsweise ab welchem durch das rotierende Messer erzeugten Unterdruck eine Spinne ins Werkzeug gesaugt wird.“ Das wird an unterschiedlichen Stellen in der Maschine, bei diversen Settings und für verschiedene Insekten gemessen – sehr aufwendige Testreihen also. Gleichzeitig kann man so auch neue Ideen überprüfen, wo hier konstruktionstechnisch die wichtigen Stellschrauben liegen. Später lässt sich dann jedwedes Mähwerk auf einem Prüfstand dahingehend untersuchen, ob es die notwendigen Grenzwerte hinsichtlich Sogwirkung einhalten kann. Auch ein Test mit unterschiedlich dimensionierten Prüfdummys, die entsprechende Insekten repräsentieren, wäre denkbar. Die DLG-Prüfstelle, mit der das Forschungsprojekt kooperiert, erkundigt sich derzeit bei den Herstellern, ob Interesse an einem solchen Zertifikat bestünde.

Beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI) arbeiten zudem ebenfalls 18 Spezialisten innerhalb eines Fachbeirates an einer Richtlinie für insektenschonende Mähtechnik. Hier werden dann keine Geräte getestet, sondern deren Ausstattung und Verfahren bewertet. Nach einem Schlüssel könnten dann alle Hersteller überprüfen lassen, ob ihre Mähtechnik dieser Richtlinie entspricht. Neben den federführenden Biologen sind in dem Gremium weitere Vertreter aus Wirtschaft, Verwaltung, Forschung und Naturschutz eingebunden. Damit werde ein breites Fachwissen gebündelt, wie es für die Entwicklung künftiger innovativer Mähtechnikkonzepte erforderlich sei. Bis Ende 2024 soll die Richtlinie fertiggestellt und veröffentlicht sein und damit ein wichtiger Beitrag zur Förderung der Biodiversität an Straßenrändern geleistet werden.


Weitere Artikel zum Thema

weitere aktuelle Meldungen lesen