Magazin Landwirtschaft

Landmaschinenhandel und -handwerk :

„Heißer Sand und ein verlorenes Land?“

Das sang Connie Francis vor 52 Jahren. Der Schlager ist in diesem Jahr verdammt aktuell. Die Situation der Landwirte ist offensichtlich. Wir haben bei einigen Landmaschinenbetrieben gefragt, wie sich die Arbeit unter diesen Bedingungen gestaltet.

Landmaschinenhandel und -handwerk: „Heißer Sand und ein verlorenes Land?“

Im Sommer 2018 weit häufiger als in anderen Jahren: Brände von Landmaschinen im Ernteeinsatz.

Ja, er ist heiß dieser Sommer. Schon im Frühling war der April angenehm warm, der Mai so warm, der Juni so heiß, der Juli hat es noch getoppt und jetzt im August geht’s anscheinend einfach so weiter.

Die Ernte läuft in riesen Schritten. „Solides Standwetter“ – und die Landwirtschaft klagt laut. Nicht zu Unrecht, über einen so langen Zeitraum war es in den größten Gebieten Deutschlands lange nicht so trocken und heiß. Im Getreide je nach Standort erhebliche Ertragseinbußen, Rüben und Kartoffeln droht der Trockentod, dem der Mais in vielen Regionen schon mehr als nahe ist.

Die Temperaturen schlagen bei den Landwirten folgenschwer zu Buche. Davon bleiben der Landtechnik-Handel und die Werkstätten nicht unberührt und schwitzen mit.

In den Werkstätten läuft das routinierte Programm während der Ernte. In diesem Jahr hat es früher begonnen als im Jahresdurchschnitt. Die Getreideernte ist in einigen Regionen Anfang August beendet. Bei Betten Land- und Gartentechnik in Büren/Ost-Westfalen, kann sich niemand erinnern, dass die Ernte so schnell und so früh durch gewesen ist.

Tür zu oder Durchzug?

Bei Böttger-Agrartechnik in Sachsen wird zurzeit eher hinter verschlossenen Türen bzw. heruntergelassenen Rolltoren gearbeitet. Die neuen Hallen sind gut isoliert, das merkt man auch bei hohen Außentemperaturen“, so Nico Böttger, Böttger-Agrartechnik in Oederan/ Mittelsachsen. Andere, je nach Standort wie bei Betten in Büren sorgen mit geschickter Öffnung von Toren, Türen und Fenstern für kontinuierlichen Luftzug. Unproblematischer sind die Werkstattwagen, klimatisiert durch Technik – fällt die aus, bleibt noch der Fahrtwind. Grundsätzlich gilt in allen Betrieben: es ist Sommer. Man wischt sich den Schweiß von der Stirn, ist froh, dass er nicht in den Augen brennt und arbeitet weiter. Getränkevorräte im Vorratsraum, Kühlschrank oder Automaten werden regelmäßig aufgefüllt. „Da haben wir zurzeit den besten Umlauf.“

Anders wird es, wenn tatsächlich ein Notfall im Feld repariert werden muss. Die Überfahrt ist noch ziemlich entspannt im auf 21 Grad runtergekühlten Werkstattwagen. Erst beim Aussteigen kommt der Hitzeschlag. Binnen Minuten läuft der Schweiß, oft schon beim Hinsehen, ohne dass sich irgendjemand bewegt oder sich aufgeregt hat. Trotzdem bleibt es nicht aus, dass auch „gewuppt“ werden muss: Motorenwechsel auf dem Kundenbetrieb bei 35 Grad. „Dabei sind die Landwirte in diesem Jahr etwas entspannter, trotz aller katastrophaler Ernteeinschätzungen“, stellt einer der Landtechnik-Servicemitarbeiter fest.

Top Erntewetter und nichts zum Ernten

Das liegt nicht allein am blauen Himmel. Trocken meint Böttger: „Na, ja, da braucht niemand viele Wagen zu organisieren, um das Getreide abzufahren. Zu viel Stroh ist ebenfalls nicht auf den Flächen. Selbst die Ackerbaubetriebe, die es sonst gehäckselt haben, lassen es jetzt fallen und anschließend pressen.“ Die Nachfrage ist gerade besonders gut. Bei diesem beständigen Wetter wird auch schon mal der Mähdrescher ins Rollen gebracht, der längst in Richtung „Materialverwertung“ sortiert gewesen ist. Geht der kaputt, ist sicher, dass demnächst ein Stellplatz frei ist.

„Ja, die Temperaturen sind manchmal schon sehr hoch“, so Böttger weiter. „Insgesamt verläuft die Ernte erheblich entspannter. Das solide Standwetter entzerrt die Arbeitseinsätze.“ Wenn Maschinen den Dienst versagen, ist die Lufttemperatur bereits so hoch, dass niemand hitzig reagiert. Ist eine Ersatzmaschine abrufbar, selbst wenn die erst am folgenden Tag eingesetzt werden kann, wird die Reparatur auf später verschoben. Das zeigt sich im Ersatzteil-Geschäft. Ganz gleich, ob im Norden oder bis runter in die südlichsten Zipfel der Republik, 25 % bis zu 35 % weniger Teile-Umsatz.

„Wir sind ja nah dran an den Kunden und bekommen 1:1 mit, was da in Feld und Flur gerade passiert“, so Jörg Diedrichs von der Mecklenburger Landtechnik GmbH in Mühlengeez. Die Erträge im Getreide lagen auf den leichten Standorten bei der Gerste bei zwei bis drei Tonnen/ Hektar, auf den besseren Böden beim Weizen bei fünf bis sechs Tonnen. Hier im Norden ist es das dritte Problemjahr in Folge: Vor zwei Jahre sorgten starke Spätfröste für erhebliche Auswinterungsschäden, im vergangenen Jahr gab es durchgehend verregnete Erntebedingungen. Diedrichs: „Das Standwetter sorgt für entzerrte Arbeitsspitzen. Gleichzeitig sind die Maschinen auch nicht annähernd so gefordert wie im vergangenen Jahr.“ Einige Biogasanlagen der Region stellen die Fütterung vorsichtig von Mais auf Mist um. Die Viehbetriebe füttern bereits das Futter der Wintersaison.

Im Oberbergischen Kreis, einem klassischen Grünlandstandort, gleicht die äußerliche Gelassenheit eher einem „Luftanhalten“. Der erste Grünlandschnitt war in der Region noch ganz zufriedenstellend. Einige Betriebe haben „sogar“ noch einen zweiten Schnitt hinbekommen. Und jetzt geht gar nichts mehr. Zum Mähen ist nichts nachgewachsen, Gülleausbringen ist unmöglich, zum Mulchen ist nichts mehr da. Die Landwirte der Region setzen die Zäune in den mageren Weiden weiter und hoffen auf Regen, bevor auch der Rest verfüttert ist. Bei Landtechnik Hacke in Reichshof-Wildberg, sieht man den blauen Himmel mit zunehmender Sorge. „Bisher lief das Jahr gar nicht so schlecht. In den nächsten Wochen werden Witterung und Preisentwicklung entscheiden, was noch zu retten ist.

Feuerwehr im Einsatz

Einige der Mitarbeiter in den Landmaschinen-Werkstätten müssen sich zusätzlichen Herausforderung stellen. Als engagierte Mitglieder der freiwilligen Feuerwehren rücken sie sehr regelmäßig aus. „Sobald ein Mitarbeiter durch die Hallen läuft, ist klar: Einsatz.“ Da brennen eben nicht nur die Mähdrescher oder Strohpressen in diesem Jahr weit häufiger als im langjährigen Durchschnitt. Und das wie immer herstellerübergreifend. In Regionen, wo es sonst mal zu einem Brand einer Presse gekommen ist, sind in diesem Sommer neun „im Feld geblieben“. Die Anspannung ist spürbar. Verkehrsunfälle mit brennbaren Flüssigkeiten können eine großzügige Flächenrodung auslösen. Da sind sich alle Unternehmen einig, die Mitarbeiter sind sofort freigestellt. „Das ist Engagement für die Allgemeinheit, das unterstützen wir uneingeschränkt“, erklärt Nico Böttger.

Fazit

Auf den ersten Blick ist diese Ernte die schnellste und wohl auch die entspannteste aus der Sicht der Werkstätten, die die meisten der Fachkräfte je erlebt haben. Standwetter über einen so langen Zeitraum – niemand ist so alt, dass er sich daran erinnern könnte. Das entzerrte die Arbeitsspitzen: Wo nichts geht, geht nichts kaputt.

Im vergangen Jahr war die Ernte unter den widrigen Witterungsbedingungen eine logistische Herausforderung mit sehr hohem Materialeinsatz. In diesem Jahr ist es anders, ganz anders. Geringere Erträge im Getreide, da müssten die Preise am Rohstoffmarkt in ungewohnte Höhen ziehen, um das Defizit zu kompensieren. Noch nicht absehbar ist, wie stark es viehhaltende Betriebe erwischt. Das Grünland und der Mais, in den anderen Jahren eine solide Grundfutterbank, leiden sehr unter der Sonne.

Dieser Sommer ist für die Landwirtschaft, ganz gleich ob konventionell oder ökologisch wirtschaftend, und unabhängig von Monokultur und raffinierter Fruchtfolge unter Umständen ein ökonomisches hochtemperiertes Fegefeuer, das dem Strukturwandel neue Schneisen schlägt


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