
Mit zwei neuen Fahrzeugbaureihen schlägt der Fahrzeugbauer Krampe ein neues Kapitel in seiner Unternehmensentwicklung auf. Der Hersteller aus dem Münsterland, bekannt für die roten Wannenkipper und Erdbaumulden, nimmt mit dem Dreiseitenkipper FlexBody erstmals ein Segment auf, das bisher bewusst ausgeklammert wurde. Parallel übernimmt Krampe mit dem Häckseltransportwagen Radium erstmals ein extern entwickeltes Produkt – ein strategischer Schritt, der mit dem bisherigen Prinzip des rein organischen Wachstums bricht. Beide Neuzugänge sind Reaktionen auf veränderte Marktbedingungen. Ziel ist eine breitere Aufstellung in der Transportlogistik – mit einem durchgängigen Sortiment aus einer Hand, „made in Germany“.
Portfolio mit Weitblick
„Das kommt im Handel sehr gut an“, sagt Gesamtvertriebsleiter Helmut Hövelmann. Die Rückmeldungen aus dem Vertriebsnetz seien durchweg positiv. „Immer mehr Händler konsolidieren ihr Sortiment und professionalisieren ihre Strukturen.“ Krampe reagiere auf diesen Trend mit einer breiteren, abgestimmten Produktpalette – für Kunden im In- und Ausland.
Die Aufnahme des Radium Häckseltransportwagens erfolgte im Zuge des Marktrückzugs des niederländischen Herstellers Kaweco. Nach dem Verkauf der Produktionsrechte an Kotte ergab sich eine Gelegenheit: „Kotte wollte sich auf Gülletechnik konzentrieren – wir auf Feststoffe. Der Radium passt perfekt zu uns“, erklärt der geschäftsführende Gesellschafter Robin Krampe. Daher erfolgte die Einigung mit Kotte zügig. „Wir haben alle technischen Unterlagen erhalten“, berichtet Krampe. Auch die Zuständigkeiten für Gewährleistung sind klar geregelt: Für die letzten Kaweco-Fahrzeuge, die bis Ende 2024 ausgeliefert wurden, ist Kotte bis Ende 2025 verantwortlich. „Somit starten wir 2026 mit einem sauberen Blatt Papier in die Saison.“ Ab dann übernimmt Krampe die Ersatzteilversorgung und gleichzeitig den schrittweisen technischen Ausbau des Modells.
Für den Fahrzeugbauer markiert die Radium-Übernahme aber ein Novum: „Wir haben unser Unternehmen bislang organisch entwickelt – Zukäufe von Rechten oder Konstruktionen waren für uns Neuland“, erläutert Krampe, der das Unternehmen in der vierten Generation führt. Doch der Zeitpunkt passte strategisch. Denn der Ausstieg von Kaweco habe bei Händlern eine Lücke hinterlassen, die sich – so die Einschätzung bei Krampe – rasch schließen würde: „Wenn wir den Platz nicht besetzen, tut es ein anderer.“ Die bestehende Markenbekanntheit und die Überschneidungen in den Händlernetzwerken sprachen zusätzlich für die Übernahme. Ebenso bestätigten die Rückmeldungen aus dem Markt den Schritt: „Der Radium genießt einen guten Ruf.“ Bis zur Agritechnica soll ein eigenes Krampe Fahrgestell folgen – inklusive Isobus-Funktionalität und EU-Typgenehmigung. Für 2026 sind zunächst 70 Fahrzeuge geplant: 30 zur Grasernte, weitere 40 zur Maisernte.
Marktlücke erkannt
Während der Radium als etabliertes Produkt auf breite Akzeptanz bei Händlern und Endkunden stoße, erfordert die Einführung des neuen Dreiseitenkippers mehr Erklärung – immerhin betritt Krampe damit ein neues Segment. Der Hersteller ist bislang vor allem für Wannenkipper und Erdbaumulden bekannt. Der Einstieg in das Segment der Dreiseitenkipper war aber kein Zufall, sondern eine gezielte Reaktion auf eine Marktentwicklung: Auf der Agritechnica 2023 musste ein etablierter Anbieter von Dreiseitenkippern Insolvenz anmelden. Das abrupte Aus des Mitbewerbers hinterließ nicht nur ein Vakuum, sondern verunsicherte manchen Händler – darunter auch langjährige Krampe-Partner.
Krampe sah die Chance, gezielt eine Lücke zu füllen: „Der Markt für Dreiseitenkipper ist extrem stabil“, weiß Hövelmann. Außerdem sei die Nachfrage nach einer verlässlichen Alternative unmittelbar spürbar gewesen – viele Händler hätten Gesprächsbereitschaft signalisiert. „Das Vertrauen war beeindruckend“, berichtet der Krampe-Vertriebschef.
Bereits im März 2024 fiel der Startschuss für die Neuentwicklung. Statt ein bestehendes Konzept zu adaptieren, entschied sich Krampe bewusst für ein eigenständiges Fahrzeug – „auf dem weißen Blatt Papier“, konstruiert mit Blick auf die eigenen Fertigungsprozesse, insbesondere auf die robotergestützte Produktion“, betont der Unternehmenschef. Das Fahrzeug sollte optisch markant, funktional durchdacht und technisch auf die internen Abläufe abgestimmt sein. „Man soll von Weitem sehen: Das ist ein Krampe – und nicht nur wegen der roten Farbe“, so der Anspruch des Unternehmens. In die Entwicklung seien sowohl Marktanalysen als auch eigene bewährte Fertigungskompetenzen eingeflossen.

© Schulze Ising
Robin Krampe, Felix Reuver und Helmut Hövelmann (v.l.) wollen den Händlern ein durchgängiges Sortiment an Fahrzeugtechnik aus einer Hand bieten.
Modular und vielseitig
Für die Bordwände wurde eigens ein spezielles Walzprofil entwickelt. Darauf aufbauend setzt Krampe bei der neuen Baureihe auf ein hohes Maß an Modularität: Bordwände lassen sich variieren, unterschiedliche Fahrwerke und Reifengrößen sind verfügbar, auch eine Luftfederung ist möglich. Zehn Prototypen sind bereits im Einsatz, 20 Nullserienfahrzeuge folgen zur Getreideernte. Im Oktober beginnt die Serienfertigung, der Verkaufsstart ist zur Agritechnica geplant. Langfristig strebt Krampe eine Jahresproduktion von rund tausend Fahrzeugen an. 2026 sollen zunächst etwa 280 Einheiten realisiert werden. „Bis zur Getreideernte im kommenden Jahr wollen wir 200 Fahrzeuge fertigen, bis Oktober weitere 80“, erläutert Felix Reuver, der gemeinsam mit Helmut Hövelmann die Doppelspitze im Krampe-Vertrieb bildet.
Kurze Wege
Parallel zur Portfolioerweiterung investiert Krampe kräftig in die Produktionsstruktur. Am Standort Coesfeld-Flamschen entsteht derzeit ein neuer Hallenkomplex mit rund 7.600 Quadratmetern Fläche. Nach Abschluss der Baumaßnahmen stehen dort rund 42.000 Quadratmeter Produktionsfläche zur Verfügung, ergänzt um weitere 2.000 Quadratmeter in Coesfeld-Lette. Dort – am früheren Stammsitz des Unternehmens – wird ein Teil der Endmontage angesiedelt, unter anderem für die neuen FlexBody Dreiseitenkipper und Muldenkipper aus dem Carrier-Baukastensystem. Der Häckseltransportwagen Radium wird hingegen in der zentralen Produktionsstätte in Flamschen produziert, wo Konstruktion, Einkauf, Arbeitsvorbereitung und Stahlbau angesiedelt sind. „Für komplexe Neuentwicklungen wie den Radium brauchen wir diese kurzen Wege“, betont Krampe.
Nähe zum Markt
Technisch wie vertrieblich setzt Krampe auf Nähe zum Markt. „Unsere Fahrzeuge stehen für Langlebigkeit, Fahrkomfort und Bedienerfreundlichkeit. Schließlich schreiben wir ‚Quality on Wheels‘ auf jedes Fahrzeug“, sagt Krampe. Im Fokus stehe, die Anforderungen an Effizienz, Wartungsfreundlichkeit und einfache Handhabung zu erfüllen – nicht zuletzt mit Blick auf den zunehmenden Fachkräftemangel in der Land- und Bauwirtschaft.
Ein wichtiger Baustein dazu ist seiner Auffassung nach die modulare Bauweise. Auf Basis standardisierter Baureihen lassen sich länderspezifische Varianten effizient umsetzen. „Wir kombinieren rund 95 Prozent Baukastenanteil mit fünf Prozent Sonderanpassung“, erklärt Hövelmann. Das ermögliche passgenaue Lösungen für unterschiedliche Märkte bei gleichzeitiger Effizienz in der Fertigung. „Denn was im Münsterland funktioniert, passt nicht zwangsläufig nach Schweden...“
Export mit System
Derzeit liegt die Exportquote des Fahrzeugbauers bei etwa 35 Prozent – Tendenz steigend. Vor allem größere und technisch anspruchsvollere Fahrzeuge erfreuen sich international großer Beliebtheit. „Allerdings sind die Transportkosten vergleichsweise hoch; das Potenzial ist aber da“, sagt Robin Krampe. Wie er berichtet, verfolgt Krampe seit rund sechs Jahren eine systematische Exportstrategie. Dazu gehört unter anderem die Einführung der EU-Typgenehmigung, die länderspezifische Zulassungsverfahren ersetzt und die internationale Vermarktung erleichtert. Für Hövelmann ist zudem der direkte Draht zum Markt entscheidend. So arbeitet der Hersteller etwa in Skandinavien mit einem dänischen Krampe-Mitarbeiter vor Ort zusammen, der die nordischen Sprachen spricht und lokale Händlerstrukturen aufbaut.
Abschieber läuft
Auch in den Unternehmenskennzahlen spiegelt sich Wachstum wider. Für das Geschäftsjahr 2024 meldet Krampe ein Umsatzplus von neun Prozent – nach teils zweistelligen Zuwächsen in den Jahren zuvor. Aktuell liegt die Jahresproduktion bei 1.200 bis 1.300 Fahrzeugen. Hövelmann: „Der momentane Auftragsvorlauf von gut einem halben Jahr spiegelt die Stabilität des Unternehmens auch in schwierigeren Marktsituationen wider.“ Ein zusätzlicher Wachstumstreiber ist der Abschiebewagen, den Krampe 2022 mit einer Nullserie von 15 Fahrzeugen einführte. Seither wurden über 320 Einheiten verkauft, etwa die Hälfte davon im Export. Besonders stark entwickelte sich der Absatz in Skandinavien, wie Helmut Hövelmann berichtet.
Bereits beim Abschiebewagen hat es Krampe geschafft, als neuer Anbieter in einem etablierten Markt erfolgreich Fuß zu fassen. Schon damals fiel Resonanz im Handel positiv aus. Ähnliches erhofft sich das Unternehmen nun auch für die beiden jüngsten Neuentwicklungen: den Häckseltransportwagen Radium und den neuen Dreiseitenkipper FlexBody. „Beim Abschieber hat es funktioniert – warum nicht auch mit diesen Produkten?“, zeigt sich Robin Krampe optimistisch.












