In der Branche ist sein Name fest verankert: Franz-Josef Borgmann hat sich über sieben Jahrzehnte hinweg mit großem Einsatz für den Landmaschinenhandel und das Handwerk stark gemacht und dabei prägende Impulse gesetzt. Am 15. Dezember feierte der Ehrenpräsident des LandBauTechnik-Bundesverbandes sein 70. Meisterjubiläum – ein Meilenstein in einer außergewöhnlichen Laufbahn.
In seiner Wohnung in Coesfeld treffe ich den „Grand Seigneur“ der Branche. Bei einer Tasse Kaffee lässt er in seiner gewohnt ruhigen und nachdenklichen Art die bewegten Jahrzehnte in Handwerk und Ehrenamt Revue passieren und spricht über die aktuellen Herausforderungen der Branche. Sein verschmitztes Lächeln lässt keinen Zweifel: Die Leidenschaft für seine Branche ist ungebrochen.
Sie gehörten zu den Ersten, die die Meisterschule in Lüneburg besucht haben. Wie war das damals?
Franz-Josef Borgmann: Die Schule wurde 1953 gegründet, und ich war 1954 im vierten Lehrgang dabei. Ich war der jüngste Teilnehmer und konnte den Kurs bereits nach vier Arbeitsjahren besuchen, da mein Vater erkrankte und ein Nachfolger für den Betrieb gebraucht wurde. Viele meiner Mitstreiter waren gerade aus dem Krieg zurückgekehrt. Es herrschte eine besondere Stimmung. Neben dem theoretischen Unterricht und der Anfertigung unseres Meisterstücks mussten wir Stahlfenster und -türen für eine neue Schulungshalle bauen. Das war eine harte Zeit.
Eine Schulungshalle in Lüneburg trägt Ihren Namen. Was bedeutet Ihnen das?
Das macht mich sehr stolz! Ich habe mich intensiv für die Meisterschule in Lüneburg eingesetzt. Es gab Zeiten, da wurde es finanziell knapp. Ich habe dann mit der Handwerkskammer verhandelt, und wir haben es geschafft, dass die Handwerkskammer die Bundesfachlehranstalt des Landmaschinen-Handwerks und -Handels (BFA) übernommen hat. Seitdem ist die Schule dort fest verankert.
Welche technischen Entwicklungen haben Sie in Ihrer Laufbahn besonders beeindruckt?
Die größte Veränderung war sicherlich die Entwicklung der selbstfahrenden Mähdrescher. Als ich 1947 in die Lehre kam, gab es noch Bindemäher mit Bodenantrieb, später kamen gezogene Mähdrescher mit Zapfwellenantrieb und schließlich die selbstfahrenden Maschinen. Die haben die Arbeit der Landwirte revolutioniert.
Auch die Branchenverbände veränderten sich.
Die Aufgaben des Bundesverbandes wurden deutlich vielfältiger. Früher konzentrierte man sich hauptsächlich auf handwerkliche Belange. Doch mit dem wachsenden Vertriebsanteil kamen neue Herausforderungen hinzu. Die Händler verlangten Unterstützung, da die Industrie zunehmend Druck ausübte: Marktanteile sollten gesteigert, Werkstätten modernisiert und Ersatzteile vorrätig gehalten werden. Auch die Außenwirkung der Fachbetriebe, wie Werbung und Firmenauftritt, wurde geregelt. Der Verband wurde stark in diese Prozesse eingebunden. So haben wir während meiner Zeit als Landesinnungsmeister in Nordrhein-Westfalen den Handel und das Handwerk in NRW zusammengeführt, um gemeinsam stärker auftreten zu können.
Sie haben sich immer aktiv im Ehrenamt engagiert. Was hat Sie dazu bewogen?
Seit 1964 war ich ehrenamtlich im Landmaschinenhandwerk tätig. Ich wurde damals auch als vereidigter Sachverständiger ernannt. Dadurch hatte ich natürlich viel Kontakt zu Kollegen, und das hat mir immer Freude bereitet.
Manche Selbstständige empfinden das Ehrenamt jedoch als zusätzlichen Zeitfresser.
Das stimmt. Bei mir war es jedoch so, dass ich Unterstützung hatte. Mein 2020 verstorbener Zwillingsbruder Alfred war immer mit im Geschäft und hat mich vertreten. Wir betrieben gemeinsam einen Landmaschinenhandel und ein Autohaus. Keine Entscheidung wurde ohne Absprache getroffen – wir haben immer alles gemeinsam geregelt. Diese Zusammenarbeit hat vieles erleichtert.
Was entgegnen Sie Händlern, die sagen, sie hätten keine Zeit für ein Ehrenamt?
Natürlich bedeutet es zusätzliche Arbeit. Oft habe ich an Sonntagen Berichte geschrieben oder Reden vorbereitet. Aber die schönen Erlebnisse und der erweiterte Bekanntenkreis, besonders innerhalb der Branche, machen das mehr als wett. Der persönliche Austausch – selbst in Zeiten der Digitalisierung – bleibt durch nichts zu ersetzen. Für die Kontakterweiterung und -pflege ist ein Ehrenamt wirklich ideal. Nicht zuletzt erhält man mehr Informationen, ist näher am Geschehen und kann gegenüber den Lieferanten selbstbewusster auftreten. Ein Ehrenamt verleiht einem mehr Gewicht, – nicht in Form von Macht, sondern weil man mit mehreren Akteuren agiert und dadurch breiter aufgestellt ist.
Der Bundesverband betreut mehrere Fabrikatsvereinigungen. Sie waren maßgeblich an der Gründung der ersten beteiligt. Wie kam es dazu?
Die Idee entstand aus meiner Erfahrung als Ford-Autohändler. Dort gab es eine Händlervereinigung, die bei Verhandlungen mit der Industrie als starke, gemeinsame Stimme auftrat. Das hatte sich sehr bewährt, und wir dachten: „Warum nicht auch im Landmaschinenbereich?“ So entstanden die ersten Fabrikatsvereinigungen, und das ist wirklich ein großer Fortschritt.
Sie haben als Jury-Vorsitzender beim Shell Service Award 20 Jahre positive Impulse für die „Fitness“ der Fachbetriebe gesetzt.
Der Shell Service Award wurde Anfang der 2000er Jahre vom DLV-Verlag ins Leben gerufen. Jens Noordhof, heute Chefredakteur der Zeitschriften Lohnunternehmen und KommunalTechnik, und ich haben einen umfassenden Fragenkatalog entwickelt und Vor-Ort-Besichtigungen in den Betrieben durchgeführt. Das kam sehr gut an, und die Betriebe, die wir besuchten, waren begeistert. Für die Teilnehmer war der Award ein großer Gewinn, und auch ich habe viel gelernt. Ich konnte nicht nur Menschen, sondern auch viele unterschiedliche Betriebe kennenlernen. Der eine hatte diese Stärken, der andere jene. Wir haben vor Ort auch auf Schwächen hingewiesen und Verbesserungsvorschläge gemacht. – Und die wurden oft umgesetzt. Das war eine tolle Erfah- rung.
Sie haben sich stark bei der Vermittlung von Fachbetrieben im Rahmen der Unternehmensnachfolge engagiert. Wie kam es dazu?
Mein Zwillingsbruder Alfred und ich führten einen Landmaschinenhandel und ein Autohaus mit 84 Mitarbeitenden. Als unsere Kinder andere berufliche Wege einschlugen, entschieden wir, die Unternehmen abzugeben. Nach intensiven Verhandlungen fanden wir schließlich passende Käufer. Nach unserer Betriebsaufgabe fragten mich viele Kollegen, wie wir das gemacht hatten, insbesondere die Suche nach Interessenten und die Preisfindung. So begann ich, andere Betriebe zu unterstützen. Insgesamt konnte ich 17 Fachbetriebe in Deutschland erfolgreich vermitteln. Das war eine anspruchsvolle, aber auch sehr befriedigende Aufgabe. Bis heute bedanken sich Kollegen bei mir – das macht mich schon ein wenig stolz.
Die Unternehmensnachfolge bleibt ein wichtiges Thema...
... und da geht es darum, beide Seiten zu beraten. Insbesondere die jungen Leute sehen heute, welche Verantwortung und welcher Zeitaufwand mit der Selbstständigkeit verbunden sind. Gleichzeitig gibt es attraktive Alternativen, wie gut bezahlte Angestelltenjobs mit geregelten Arbeitszeiten. Warum sollten sie sich dann für den unsicheren Weg in die Selbstständigkeit entscheiden? Hinzu kommen die zunehmende Bürokratie, der Fachkräftemangel und die sinkende Zahl landwirtschaftlicher Betriebe, die das Neumaschinengeschäft erschwert. Die Zeiten sind schwieriger geworden, und es braucht Mut, trotzdem diesen Weg zu gehen.
Chancen für das Handwerk
Auch die Händlerlandschaft verändert sich weiter.
Die Betriebe müssen immer größer werden, um den Anforderungen der Hersteller gerecht zu werden. Und das betrifft nicht nur das äußere Erscheinungsbild, die Corporate Identity, sondern auch die gesamte Technologie, die angeschafft werden muss. Das verursacht erhebliche Kosten. Hinzu kommt, dass die Hersteller gegenüber den Händlern oft knallhart auftreten. Es gibt großen Druck durch Vorgaben zu Marktanteilen und Umsatzzahlen. Früher war das anders, da war das Verhältnis fast familiär. Heute ist das leider nicht mehr so.
In Ihrem Unternehmen haben Sie mehr als 200 junge Menschen ausgebildet. Wie sehen Sie die Entwicklung der Berufsausbildung im Handwerk?
Gerade im Land- und Baumaschinenhandwerk verzeichnen wir erfreulicherweise einen Zuwachs bei den Ausbildungszahlen, während in anderen Branchen die Zahlen zurückgehen. Das zeigt doch, dass unser Beruf anerkannt ist.
Abschließend: Welche Wünsche haben Sie für die „grüne Branche“?
Ich wünsche der Landwirtschaft vor allem Stabilität und sichere Perspektiven. Es ist wichtig, dass nicht zu viele Betriebe aufgeben, – schließlich hängt auch unser Beruf davon ab. Letztlich sind zahlungskräftige Landwirte die Grundlage für den Erfolg der Landmaschinenhändler. Den Fachhändlern wünsche ich, dass sie weiterhin gute, wettbewerbsfähige Produkte anbieten können und kostendeckende Garantievergütungen erhalten. Es wäre fatal, wenn immer mehr Händler ihre Betriebe schließen müssten. Das hätte nicht nur Auswirkungen auf die Händler selbst, sondern auf die gesamte Branche.
Das Gespräch führte Annette Schulze Ising
Franz-Josef Borgmann, geboren 1932 im westfälischen Coesfeld, kann auf eine lange Karriere zurückblicken. Nach seiner Gesellenprüfung 1950 und der Meisterprüfung 1954 übernahm er 1955 zusammen mit seinem Zwillingsbruder Alfred die elterliche Landmaschinen-Werkstatt. 1969 gründeten sie ein Ford-Autohaus und 1975 einen neuen Landmaschinenbetrieb in Coesfeld, der bis 1994 Deutz als Hauptmarke führte.
Doch Borgmanns Engagement beschränkte sich nicht auf das Unternehmerische. Bereits 1964 trat er dem Schulausschuss der Meisterschule BFA in Lüneburg bei. Zwischen 1973 und 1999 leitete er als Obermeister die Landmaschinen-Innung Ahaus-Borken-Coesfeld und stand von 1982 bis 2003 an der Spitze des Landesverbands Nordrhein-Westfalen. Ab 1985 prägte er als Präsident über zehn Jahre lang die Entwicklung der H.A.G. (heute LandBauTechnik Bundesverband).
Für seinen jahrzehntelangen Einsatz wurde der Meister-Jubilar mehrfach geehrt, unter anderem mit dem Handwerkszeichen in Gold, dem Bundesverdienstkreuz am Bande, der Max-Eyth-Medaille in Silber und dem Goldenen Ehrenzeichen des LBT-Bundesverbands, dessen Ehrenpräsident er ist. Franz-Josef Borgmann lebt mit seiner Partnerin Gisela Paus in Coesfeld und blickt auf eine Karriere zurück, die von tiefer Leidenschaft für die Landtechnik geprägt ist.









