Magazin Landwirtschaft

Inno Convention :

„Digitalisierung passt bestens“

Agrarexperten diskutierten zum Auftakt der Tagung in Dresden über Innovationen im Agrarbereich und die Zukunft der Landwirtschaft.

Inno Convention: „Digitalisierung passt bestens“

Podiumsdiskussion auf der Landwirtschaftstagung Inno-Convention am 1. Juni in Dresden (v. l.): Dr. Peter Pascher, Jan Gumpert, Prof. Thomas Herlitzius, Dr. Clemens Dirscherl, Dieter Künstling, Stefan Aust, Michael Stübgen, Thomas Schmidt, Johann Schmalhofer.

Gute Innovationen sollten nach Ansicht von Lutz Wudtke, (Projektmanager) des Agrar-Entwicklungslabors „agrel“, in den Markt eintauchen wie vor rund 80 Jahren erstmals der Teebeutel – für den Nutzer einfach und selbsterklärend und in der Anwendung universell. Wudtke gehörte zu den Referenten der Landwirtschaftstagung „Inno-Convention – Landwirtschaft gestaltet Zukunft (mit)!“ am 1. Juni in Dresden, jener Stadt übrigens, in der der Teebeutel 1929 erfunden wurde. Er stellte auf einer der fünf thematischen Sessions der Veranstaltung den nach seinen Angaben weltweit ersten Kompakt-Sojatoaster zur Eigenerzeugung von hochwertigem Eiweißfutter vor.

Mit der Förderinitiative Simul+ möchte das Sächsische Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft für solche Entwicklungen im Bereich der Agrar- und Ernährungswirtschaft, die gern auch komplexer sein dürfen als ein Teebeutel, gute Rahmenbedingungen schaffen. In diesem Zusammenhang unterstützte es die vom Verein Inno-Com e. V. erstmals organisierte Landwirtschafts-Tagung in der sächsischen Landeshauptstadt. Rund 300 Teilnehmer aus der landwirtschaftlichen Praxis, Wissenschaft, Politik und Agrarverwaltung diskutierten hier über neue Ansätze für mehr Effizienz und Nachhaltigkeit im Pflanzenbau und in der Tierhaltung. Die Themenpalette reichte dabei von Visionen, wie dem am Julius Kühn-Institut entwickelten Anbausystem „Spot Farming“, bei dem Kulturen auf den jeweils für sie optimalen Teilflächen angebaut und von kleinen autonomen Robotern gepflegt werden, oder der Nutzung von Satellitendaten zur Ertragsermittlung im Futterbau bis zu praxiserprobten Innovationen wie die Schädlingsbekämpfung mit Drohnen oder webbasiertem Fütterungsmanagement.

Struktur im Osten zukunftsfähig

Stefan Aust, Publizist: „Von zwei Dingen wollen die meisten nichts wissen: Wie Politik gemacht wird und wie Würste entstehen.“

Stefan Aust, Publizist: „Von zwei Dingen wollen die meisten nichts wissen: Wie Politik gemacht wird und wie Würste entstehen.“

Den Auftakt der Veranstaltung bildete eine Podiumsdiskussion, die Publizist Stefan Aust und Dieter Künstling, Geschäftsführer der IAK Agrar Consulting Leipzig, moderierten. Auf die Bemerkung von Aust, dass aus dem Flugzeug an der Größe der Felder immer noch sichtbar sei, wo einmal die Grenze durch Deutschland verlief, meinte der Sächsische Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt, dass man so etwas bereits in den 1930er Jahren hätte beobachten können, etwa beim Überfliegen der riesigen Güter in Mecklenburg-Vorpommern, Schlesien und Brandenburg. Der aus Südbrandenburg stammende Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Michael Stübgen, ergänzte, dass die kleinteilige Landwirtschaft dort, wo sie verwurzelt ist, erhalten bleiben sollte. Ebenso sollten aber die Strukturen, die sich im Osten aus den Agrargenossenschaften entwickelt haben, nicht in Frage gestellt werden. Sie seien zukunftsfähig und hätten das Potenzial, Effizienz und Umweltschutz gut zu verbinden. Auf eine Bemerkung aus der Diskussionsrunde, dass die großen Betriebe im Osten profitabler seien und somit eine Kappung der Agrarförderung berechtigt wäre, räumte Jan Gumpert, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft Agraset Naundorf in Sachsen, die 5.200 ha bewirtschaftet und Tierhaltung auf 6.500 Mastplätzen betreibt, Skaleneffekte ein. „Doch in der Betriebsgröße äußert sich auch das Vertrauen der 800 Verpächter, dass wir ihre Flächen gut bewirtschaften. Und das betrachten wir schon als unseren Verdienst“, so Gumpert. Rechne man im übrigen die Agrarförderung auf die 330 Genossenschaftsmitglieder, also die Betriebsinhaber, herunter, falle die Unterstützung erheblich geringer aus als bei einem Einzelbauern. Letztlich unterliege er den gleichen ökonomischen Zwängen wie jeder andere Betrieb, nach der Devise: „Landwirtschaft ist die Kunst, die Menschen zu ernähren, ohne selber dabei zu verhungern.“

Öko oder konventionell ist nicht entscheidend

Für Dr. Clemens Dirscherl, ehrenamtlicher Agrarbeauftragter der Evangelischen Kirche Deutschland und Mitglied der Expertenkommission Tierwohl/Nachhaltigkeit bei der Supermarktkette Kaufland, sind ideologische Grabenkämpfe zwischen Groß und Klein oder Öko und Konventionell „Schlachten von vorgestern“. Vielmehr gehe es darum, gemeinsam Ideen zu entwickeln und Innovationen in die Praxis einzuführen, um aktuelle Probleme wie die Überdüngung von Ackerflächen in den Griff zu bekommen. „Hier lernen konventionelle Landwirte von Biobauern und die Biolandwirtschaft konventionalisiert sich“, beobachtet Dirscherl. Die evangelische Kirche unterstütze das.

Eine ähnliche Entwicklung zeige sich bei den Verbrauchern. Diese verhielten sich heute multioptional: „Montags kauft er beim Discounter und dienstags auf dem Bauernhof. Am Mittwoch isst er bei McDonalds. Am Wochenende bereitet die Familie ein Ökoessen.“ Diesem Trend versuche Kaufland mit einem entsprechend multioptionalen Sortiment gerecht zu werden. Dabei habe sich übrigens gezeigt, dass die Nachfrage nach vegetarischen Lebensmitteln deutlich kleiner ist, als der mediale Hype vermuten ließe. Fleischesser, denen das Tierwohl wichtig ist, könnten zu Produkten des Qualitätsfleischprogramms greifen. Hier wäre für den Verbraucher ein einheitliches und verlässliches Tierwohllabel hilfreich, über das nun schon seit 2004 erfolglos verhandelt werde.

„Solch ein Label führen wir, wie im Koalitionsvertrag vereinbart, in dieser Legislaturperiode ein“, versichert Stübgen. Einen entsprechenden Verordnungsvorschlag werde man in Kürze zur Diskussion vorlegen. Ziel sei es, dass 2020 die ersten mit einem Tierwohllabel gekennzeichneten Fleischprodukte im Handel erhältlich sind. Dies lasse sich jedoch nicht gegen den Handel oder die Erzeuger durchsetzen. Gleichwohl werde es auch weiterhin die normalen gesetzlichen Standards bei der Tierhaltung geben. Andernfalls ließe sich die hohe Exportquote Deutschlands von 50 % der Produktion an Schweinefleisch und Milch nicht aufrecht erhalten.

Dr. Peter Pascher, Geschäftsführer des Fachausschusses Agrarstruktur- und Regionalpolitik im Deutschen Bauernverband (DBV) und zuständig für Innovationen im Agrarbereich, lenkte das Podiumsgespräch zurück auf das Thema Innovationen in der Landwirtschaft. Eine Schlüsselrolle spiele dabei die durchgängige Digitalisierung.

Große Chance für die Wettbewerbsfähigkeit

Prof. Thomas Herlitzius, TU Dresden:
„Wir müssen jetzt Maschinen konstruieren, die eine gesunde Ernährung ermöglichen.“

Prof. Thomas Herlitzius, TU Dresden: „Wir müssen jetzt Maschinen konstruieren, die eine gesunde Ernährung ermöglichen.“

Kennzeichen dafür seien fundamentale Durchbrüche in der Sensortechnik, bei der Verarbeitung großer Datenmengen mit Hilfe künstlicher Intelligenz und in der Übertragungstechnik etwa mittels des Funkstandards 5G. „Die Digitalisierung passt bestens zur Landwirtschaft, gerade weil der Pflanzenbau und die Tierproduktion so vielfältig sind und im Gegensatz zur Fertigung in einer Werkhalle in starkem Maße Umwelteinflüssen unterliegen.“ Mittels moderner Sensoren und intelligenter Datenauswertung lasse sich kontinuierlich erkennen und gegebenenfalls nachweisen, was im Boden passiert, wie sich der Bestand entwickelt und wie es den Tieren geht. Darin liege eine große Chance, die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft zu erhalten und zugleich die Akzeptanz beim Verbraucher für moderne Agrarproduktion zu erhöhen. „Schon in naher Zukunft wird es Systeme geben, die einzelne Insekten auf einer Kulturpflanze identifizieren und dann entweder gezielt bekämpfen oder im Falle eines Nützlings seine Vermehrung durch Duftstoffe anregen“, nennt Pascher ein Beispiel.

Dieser Einschätzung stimmt Prof. Thomas Herlitzius, Inhaber des Lehrstuhls Agrarsystemtechnik an der TU Dresden, zu. „Im Bereich Landtechnik stehen die Ingenieure vor einer enormen Herausforderung. Es reicht nicht, dass wir uns wie bisher in der Entwicklung von Systemen allein an den Kosten und der Effizienz orientieren. Wir müssen jetzt Maschinen konstruieren, die darüber hinaus eine gesunde Ernährung ermöglichen.“

Der als „Börsenbauer“ bekannte Landwirt und Finanzanalyst Johann Schmalhofer warnte davor, dass sich Deutschland bei der Lebensmittelversorgung erpressbar mache, wenn die Produktion zunehmend erschwert und damit ein Höfesterben forciert werde. Auf die Zukunftsaussichten der Landwirtschaft aus Sicht der globalen Agrarmärkte eingehend, arbeitete er einen engen Zusammenhang zwischen Agrar- und anderen Rohstoffmärkten, insbesondere dem Ölpreis heraus, und zeigte auf, dass Agrarprodukte bisher immer etwa im Dreijahresrhythmus ein Tief und einen anschließenden Aufschwung erlebten. Gegenwärtig bewege sich die Konjunkturkurve wieder einmal ziemlich klar nach oben.

 

 


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