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Verantwortung, Empathie und Vertrauen

Rico Schmidt ist Sachverständiger für Forst-, Land-, Bau- und Kommunaltechnik – Teil 2

Gutachten: Verantwortung,  Empathie und Vertrauen

Die Zusammenhänge in der Land- und Forstwirtschaft werden auch bei den eingesetzten Maschinen immer komplexer. Ohne sich zu spezialisieren, könne ein Sachverständiger nicht rekonstruieren, wie Schäden entstanden oder nicht entstanden sein können, sagt Rico Schmidt.

Von Julian Haase

Aktualisiert am

Wenn Rico Schmidt aus Kölln-Reisiek im Kreis Pinneberg von Gerichten, Versicherungen oder Unternehmern beauftragt wird, einen Schaden in Augenschein zu nehmen, geht es um mehr als einen fachkundigen Blick für technische Details. Als Sachverständiger für Forst-, Land-, Bau- und Kommunaltechnik ist der gelernte Land- und Baumaschinenmechanikermeister nicht selten als Vermittler, Vertrauensperson und auch als Schlichter gefragt. In diesem zweiten Teil stellten wir weitere Arbeiten des Sachverständigen vor.

Durch seine Ausbildung und Erfahrung in verschiedenen Lohnunternehmen kann sich Rico Schmidt in ein Unfall- oder Schadensgeschehen zügig hineindenken. „Hat ein Gutachter selbst nie auf einer solchen Maschine gesessen, kann er oft nicht beurteilen, ob ein Schaden so zustande gekommen sein kann“, hebt Schmidt hervor. Will ihm jemand etwas anders verkaufen, als es sich tatsächlich zugetragen hat, kommt er dem Versuch durch gezieltes Nachfragen meist schnell auf die Schliche. Auch komme es vor, dass private Auftraggeber ein Gutachten in die für sie passende Richtung lenken wollten. Für Schmidt stehen dabei sein Ruf und seine Glaubwürdigkeit auf dem Spiel, weshalb er sich auf keine Gefälligkeiten einlasse. Manch Unternehmer in schwierigen wirtschaftlichen Fahrwassern versuche schon einmal, den einen oder anderen Euro mit der Versicherung zu drehen, sagt Schmidt. Durch die Beschreibung des Schadensereignisses und Fragen mit Blick auf die Plausibilität findet der Sachverständige jedoch schnell heraus, ob ihm jemand etwas vormachen will.

Wachsende Entfremdung zu beobachten

Es passierten aber auch Schäden, bei denen man sich frage, wie sie physikalisch überhaupt möglich seien. Schmidt unterstreicht: „Aber sie passieren, regelmäßig.“ Verfahrensbeteiligte vor Gericht könnten sich zum Teil nicht vorstellen, dass ein Fahrer etwa beim Rückwärtsfahren mit einem Rübenroder nicht mitbekommen kann, wenn er eine Laterne anfährt. „Einer Richterin oder einem Anwalt klarzumachen, dass dies durchaus passieren kann, ohne in der Kabine etwas davon zu bemerken, ist nicht immer ohne Weiteres möglich“, sagt Schmidt. Auch hier mache sich eine wachsende Entfremdung von der Landwirtschaft bemerkbar.

Da manch betroffener Unternehmer schon schlechte Erfahrungen mit Gutachtern gemacht habe, gehe es nicht in jedem Fall ausschließlich sachlich zu. Rufe Schmidt im Auftrag der Versicherung einen Geschädigten an, bekomme er schon einmal Sätze zu hören wie: „Das ist ein Harvester. Der steht im Wald. Wissen Sie überhaupt, was ein Harvester ist?“ In Situationen wie diesen müsse er Feingefühl mitbringen. Zu lernen, dass nicht die eigene Person, sondern vielmehr die Position in dem Moment angegriffen werde, habe ihn Zeit gekostet.

Große Emotionalität auffangen

Gutachten: Verantwortung,  Empathie und Vertrauen

Neben der Forst- und Landtechnik gehören auch Kommunal- und Feuerwehrtechnik zu Schmidts Aufgabengebiet.

Gleiches gilt, wenn etwa eine Scheune mit Maschinen abgebrannt ist und der Sachverständige zwischen Resten von Löschschaum festhalten muss, was genau sich in der Halle befunden hat: „Man kommt dort in eine hochemotionale Situation und muss auch auf der menschlichen Ebene wirklich Arbeit leisten.“ Dazu gehöre auch, den Betroffenen ehrlich zu sagen, was auf sie zukomme, und aufzuklären, was später in etwa im Gutachten stehen werde. „So kann sich der Betroffene zumindest ein Stück weit darauf vorbereiten, wenn er den nächsten Brief öffnet“, schildert Schmidt. Allerdings werde es immer eine Partei geben, der das Gutachten nicht gefallen werde, da sie sich mehr erhofft habe. Die bisher von ihm zu begutachtenden Schadenshöhen beziffert Schmidt zwischen einem niedrigen vierstelligen Wert und rund 650.000 Euro. Brenne zum Beispiel eine Maschinenhalle ab, betrage der Schaden schnell mehrere Millionen Euro.

Neben der Verantwortung, die in dem Text des Gutachtens für den weiteren Gang des Verfahrens liege, gehe es dabei bisweilen um Existenzen. „Nicht selten handelt es sich um emotionale Konfliktsituationen“, betont Schmidt, denn auf den Schultern der Landwirte laste auch ein enormer Druck durch Bürokratie und Wettbewerb.

Ruhe und Objektivität in die Sache bringen

Immer wieder gebe es Situationen, in denen er als Sachverständiger in Schlichtungsverfahren, etwa bei einem Streit zwischen Werkstatt und Landwirt, in einer verfahrenen Situation als Ruhepol vermitteln müsse. „Man weiß oft schon beim ersten Termin, worauf es hinauslaufen wird. Um Ruhe und Objektivität in die Sache zu bringen, ist auch hier viel Fingerspitzengefühl notwendig. Auf Augenhöhe aufzutreten, ist immer hilfreich“, erläutert Schmidt und hebt hervor: „Ich möchte ja niemandem etwas Böses. Daher gebe ich dem Geschädigten erst einmal die Gelegenheit, in die Situation hineinzukommen und mich kennenzulernen, um dann auch wirklich an den Kern des Geschehenen zu kommen.“

Zu der mitunter großen Emotionalität gibt der Sachverständige zu bedenken, dass manche Unternehmer allein tätig sind und nur eine Maschine, etwa einen Harvester, im Wert von rund 500.000 Euro mit einem hohen Kreditrahmen laufen haben. Schmidt betont: „Da geht es auch um die Familie, die mit dranhängt.“ Solche Fälle seien sehr anfällig für Emotionen, für die Betroffenen sind sie oft Stress- und Ausnahmesituation zugleich. Die Zeit ist dabei ein wichtiger Faktor: „Wir müssen dann zusehen, dass die Arbeiten schnell vonstattengehen. Wenn ich alle Unterlagen beisammenhabe, gibt es nach zwei bis drei Tagen das Gutachten. So kann die Versicherung schnell abrechnen und dem Unternehmer im besten Fall schnell das Geld zahlen, das ihm zusteht.“

Gutachten: Verantwortung,  Empathie und Vertrauen

Die mechanischen Kräfte, die zu einem Schaden führen, können gewaltig sein. Die eingebrachte Energie kann sich über die verbaute Mechanik noch auf entfernte Bauteile auswirken.

Sind Angaben des Verursachers fehlerhaft, sei dies nicht immer Absicht, sondern passiere auch aus Aufregung. Erzählten die Betroffenen dann in einem weiteren Gespräch nochmals den Hergang, rücke sich manches zurecht. Auch Angst vor dem Chef und möglichen Konsequenzen könnten eine Rolle spielen, wenn ein Schadenshergang geschildert werde. Auch hier übernimmt Schmidt bei Bedarf eine vermittelnde Funktion und ordnet einem Vorgesetzten den Schadenshergang bei Bedarf ein. Eine besondere Herausforderung könne die Bewertung der Schuldfrage bei fernbedienbaren Maschinen wie Mulchraupen oder etwa (halb)autonom arbeitenden Geräten wie Feldrobotern darstellen.

Absprachen besser schriftlich festhalten

Eine ungeklärte Schuldfrage führe immer wieder zu Streitigkeiten: Um nicht auf Schäden sitzenzubleiben und langjährige nachbarschaftliche oder Geschäftsbeziehungen zu zerstören, rät Schmidt bei der Vergabe von Aufträgen an andere Betriebe, einen schriftlichen Mietvertrag aufzusetzen. Dies könne auch in Form eines Jahresmietvertrages geschehen. „Die Betriebshaftpflicht der Landwirte übernimmt im Normalfall keine Mietmaschinen“, stellt Schmidt klar. Ein Geschäft mündlich oder per Handschlag zu besiegeln, sei zwar charmant, im Zweifel aber ein Schriftstück mit Unterschrift in der Hand zu halten die sicherere Variante.

Neben vernünftiger Wartung und Pflege von Maschinen, die manche Schäden im Vorhinein verhindern könnten, appelliert Schmidt, im Fall der Fälle eine gutachterliche Hilfe rechtzeitig in Anspruch zu nehmen. Stehe eine Maschine erst einmal Monate oder gar Jahre defekt und womöglich auch noch draußen herum, könne auch ein Sachverständiger einen möglichen Schadensersatzanspruch nicht mehr geltend machen. Eine Schwierigkeit bei den Versicherern bestehe darin, dass diese häufig an ihren Kfz-Sachverständigen festhielten, die oftmals jedoch wenig vertraut mit Fahrzeugen abseits von Pkw seien. „Hier ist viel Aufklärungsarbeit nötig“, sagt Schmidt.

Während an Strohpressen und Mähdreschern und im Forstbereich vor allem an Harvestern Brandschäden immer wieder vorkommen, begegnen Schmidt auch Schäden, die im oder durch den Straßenverkehr passieren. Hierzu zählen etwa das Umkippen auf der Bankette durch unaufmerksames Fahren oder der Kontakt mit einem Baum, etwa beim Rangieren. Im regulären Betrieb ereignen sich Bruchschäden an den Maschinen, etwa durch Metall oder Steine im Maishäcksler oder Buschhacker. Bei kleineren Schäden kommt er vor allem dann zum Einsatz, wenn sich durch die Schilderung des Verursachers Fragen zum Hergang ergeben.

Technisches Verständnis auf dem Rückzug

Bei der Arbeit mit land-, bau- oder forstwirtschaftlichen Maschinen spiele für die Schadensursache heute auch die Schallisolation der Kabinen eine Rolle: „Wenn der Fahrer noch vor 20 Jahren bei offener Heckscheibe ein klackerndes Lager, einen quietschenden Riemen oder ein komisches Geräusch sofort gehört hätte, bekommt er es heute oft erst mit, wenn es bereits zu spät ist.“ Auch das notwendige Fahrgefühl und technisches Grundverständnis gebe es immer weniger, was auch mit Fragen der Ausbildung und Erfahrung zusammenhänge. „Ist man auf den hochmodernen Systemen nicht richtig ausgebildet, ist ein großer Schaden schnell vorprogrammiert.“ Dazu komme die Ablenkung durch Bildschirmsysteme oder das Smartphone: „Die Ablenkung ist heute enorm, die Bedienung der Maschinen dagegen außerordentlich komplex geworden.“ Entweder müsse die Technik narrensicher oder für Profis konstruiert werden, „beides geht nicht“, sagt Schmidt.

Unterwegs ist Schmidt bundesweit und im angrenzenden Ausland. Zu einer Begutachtung sei er binnen 24 Stunden schon einmal an den Bodensee und wieder zurück gefahren. Betreiben landwirtschaftliche Unternehmen große Maschinenflotten, die mit der Ernteperiode aus dem Südosten Europas gen Norden ziehen, fliegt Schmidt im Schadensfall auch an diese Einsatzorte. Laut Rico Schmidt ist er einer von fünf Sachverständigen deutschlandweit, die sich in dieser Form spezialisiert haben. Er sagt: „Meine Neutralität und Objektivität sind das, wovon der Berufsstand ein Stück weit lebt. Wenn der Gutachter kommt, muss sich jeder auf das Ergebnis verlassen können.“


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