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Auf dem Pulverfass

Klimakrise, Zölle, Erbschaftssteuer – Landwirte sind frustriert und pessimistisch

Großbritannien: Auf dem Pulverfass

Von Marianne Landzettel

Aktualisiert am

In Großbritannien Landmaschinen zu verkaufen ist derzeit nicht einfach. Der Verband der Landmaschineningenieure, AEA, erfasst die Verkaufszahlen, und die Bilanz für die ersten drei Monate des Jahres sieht düster aus: Der Verkauf von PS-starken Traktoren ging am stärksten zurück, fast 25 Prozent weniger als im selben Zeitraum des Vorjahrs. Bei Traktoren mit mehr als 240 PS sanken die Verkäufe sogar um 45 Prozent. Der Trend setzte sich fort – im Mai wurden 17 Prozent weniger Maschinen verkauft als im selben Monat des Vorjahres.

Rekordverluste

Käufer PS-starker Traktoren sind normalerweise Getreideanbauern – und denen machen seit Monaten nicht nur hohe Produktionskosten und schlechte Weltmarktpreise Sorgen, sondern vor allem das Wetter. Laut der im Juni veröffentlichten Statistik des britischen Agrarministeriums DEFRA (Department for Environment, Food and Rural Affairs) hat der extrem nasse Winter 2024 zu Verlusten in Höhe von mehr als einer Milliarden Euro bei Weizen, Gerste und Raps geführt. Die Weizenernte ging um 20,3 Prozent zurück. Im laufenden Jahr sieht es nicht viel besser aus: Der Monat März war der trockenste seit 1961, im April fiel nur halb soviel Regen wie statistisch zu erwarten. Viele Landwirte haben vier bis sechs Wochen früher als üblich mit künstlicher Bewässerung begonnen, aber die Wasserreservoire sind nur zu 84 Prozent gefüllt, und in allen Flüssen sind die Wasserstände zu niedrig – daran konnten auch die Regenfälle im Mai nichts ändern. Mit erneuten Ernteausfällen ist zu rechnen.

Bereits im Januar berichtete die Landwirtschaftszeitung Farmers Weekly, dass die Preissteigerungen bei Landmaschinen zusammen mit hohen Kosten für Kredite die Landmaschinenhändler hart getroffen haben: „Eine bislang nie dagewesene Zahl von Landmaschinenhändlern schließt ihre Türen und meldet Insolvenz oder Bankrott an“. Große Händler schlössen einzelne Filialen und reduzierten die Zahl der Marken, die sie führen.

Damoklesschwert Erbschaftssteuer

Brexit und der Wegfall der Direktzahlungen aus Brüssel hat die britischen Landwirte vor massive Probleme gestellt und zu Umstellungen gezwungen – viele verdienen inzwischen mehr Geld mit Campingplätzen, Ferienwohnungen, der Vermietung umgebauter Scheunen und der Organisation von Events wie Hochzeiten als mit der Produktion von Nahrungsmitteln. Die im letzten Sommer gewählte Labour-Regierung unter Keir Starmer hatte den Landwirten Unterstützung versprochen, und der Agrarsektor war nach der Wahl vorsichtig optimistisch – zumindest bis Schatzkanzlerin Rachel Reeves Ende Oktober 2024 den ersten Labour Haushaltsplan vorlegte. Sie kündigte an, dass Landwirte in Zukunft im Erbfall einen Freibetrag von einer Million Pfund hätten, danach würden 20 Prozent Erbschaftssteuer fällig. Superreiche hätten in der Vergangenheit Land gekauft, um Steuern zu sparen, dieses Schlupfloch werde nun gestopft, von den landwirtschaftlichen Betrieben seien maximal 27 Prozent betroffen. Nicht nur der Bauernverband zweifelt diese Zahl an, nach Berechnungen der größten landwirtschaftlichen Consulting Firma, Strutt & Parker, wird ab März 2026 Erbschaftssteuer bei Höfen mit mehr als 80 Hektar fällig, die durchschnittliche Farmgröße in England liege jedoch bei 150 Hektar. Auch der Wert von Betriebsmitteln wie Landmaschinen werde in den Freibetrag eingerechnet, und zusammen mit dem Landwert ist damit das Limit von einer Million relativ schnell erreicht. Vor allem ältere Landwirte scheuen schon aus diesem Grund vor Neuanschaffungen zurück. Die große Sorge ist, dass ihre Erben Land verkaufen müssen, um die Steuer zahlen zu können, was in vielen Fällen den gesamten Betrieb unrentabel machen würde.

Großbritannien: Auf dem Pulverfass

„Tod der Familienbetriebe“ – Tausende Landwirte demonstrierten in London.

„Wir wollen Euch doch nur ernähren“

Unter diesem Motto protestieren Landwirte seit der Ankündigung der Schatzkanzlerin und fordern die Rücknahme der Erbschaftssteuer. Zur ersten Großdemonstration in London im November 2024 kamen mindestens 13.000 Landwirte. Trotz Regens und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt gab es vier Stunden lang zwischen dem Parlamentsgebäude und dem Eingang zur Downing Street, dem Amtssitz des Premierministers, kein Durchkommen mehr. Jeremy Clarkson, der mit der Fernsehserie „Clarkson’s Farm“ überraschend zu einem echten Protagonisten für die Landwirte geworden ist, war einer der wenigen Prominenten auf der kleinen Bühne. Die übrigen Sprecher waren Landwirte mit einer klaren Botschaft: „Nach 175 Jahren ist meine Generation vielleicht die letzte, die unser Land bewirtschaften wird“, sagte ein Farmer der fünften Generation. „Über die letzten 139 Jahre hat meine Familie jeden Tag Lebensmittel produziert“, sagte eine Landwirtin aus Yorkshire, „was passiert, wenn mir morgen etwas zustößt?“

Mit Steuerberatern und Rechtsanwälten lässt sich einiges tun, um die zu erwartende Erbschaftssteuerbelastung zu reduzieren, aber das ist nicht nur teuer, man muss auch zu kühler Planung in der Lage sein, und derzeit schlagen die emotionalen Wellen über vielen Landwirtsfamilien zusammen. Nicht nur bei der Demo in London, sondern auch in alltäglichen Gesprächen mit Landwirten ist ein Gefühl von Hilflosigkeit und Erschöpfung spürbar.

Harte Zahlen

Im Juni legte die gemeinnützige Organisation Family Business UK einen Bericht zur geplanten Erbschaftssteuer vor, der sich auf unabhängige Wirtschafsanalysen des Industrieverbands CBI stützt. Danach könnten bis zum Ende der Legislaturperiode 208.500 Jobs und landwirtschaftliche Aktivität in Höhe von 15 Milliarden £ verloren gehen. Die Investitionen auf landwirtschaftlichen Betrieben könnte um mehr als 20 Prozent sinken. Umfragen des Bauernverbandes NFU ergaben, dass 60 Prozent der Familienbetriebe in diesem Jahr weniger oder gar nicht investieren werden, und auf einem Viertel der Höfe wurden bereits Mitarbeiter entlassen.

Bis zur Haushaltserklärung der Schatzkanzlerin im Juni hatten Landwirte und Bauernverband noch die Hoffnung, dass die Proteste die Regierung zu einer Rücknahme der Erbschaftssteuer veranlassen würden. Dem ist nicht so. Der Etat des Umwelt- und Landwirtschaftsministeriums DEFRA wird um 2,7 Prozent gekürzt, aber immerhin soll die Summe, die für ELMs (Environmental Land Management), zur Verfügung steht, unangetastet bleiben. ELMs soll zumindest einen Teil der Subventionen ersetzen, die den Landwirten durch den Wegfall der Direktzahlungen aus Brüssel verloren gegangen sind. Gefördert werden nachhaltige Landwirtschaft und Umweltschutz, aber nur projektgebundene Maßnahmen über SFI (Sustainable Farming Initiative) kommen den Betrieben direkt zugute und können auch von kleinen Farmen beantragt werden. SFI läuft seit 2022, die Bedingungen wurden jedoch so oft geändert, dass viele Landwirte zunächst mit der Anmeldung zögerten. Im laufenden Jahr wurde das Programm plötzlich und ohne Vorwarnung für Neuanträge gestoppt – die Begründung: der Etat sei ausgeschöpft. Im nächsten Jahr sollen wieder Gelder zur Verfügung stehen, die Höhe des SFI Budgets ist allerdings noch unklar. Keine guten Voraussetzungen, um beim Landmaschinenhändler einen Kaufvertrag zu unterschreiben.

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