Magazin Getreidetechnik

Getreidelagertechnik :

Spielraum gewinnen, Risiko senken

Mit dem neuen Getreidelager und der Trocknungsanlage optimiert die Agrargesellschaft Pfiffelbach die Erntelogistik und erweitert die Vermarktungschancen – Neue Kunden durch sortenreine Einlagerung

Getreidelagertechnik: Spielraum gewinnen, Risiko senken

Das neue Getreidelager der Agrargesellschaft Pfiffelbach mit den Silos aus verzinktem Wellblech. Im Vordergrund (v. l.) Nasszelle, Trocknungsanlage und Halle für die Ein- und Auslagerung.

An der Wand im Büro von Dr. Lars Fliege fällt die großformatige Bauzeichnung eines Milchviehstalls gleich ins Auge. „Eigentlich wäre ja der Stall erst dran gewesen“, zeigt der Geschäftsführer der Agrargesellschaft Pfiffelbach mbH auf den Plan der künftigen Anlage mit 1.200 Stellplätzen.

Es ist das Herzensprojekt des Landwirts. Das spürt man gleich. Doch wegen der Milchkrise wurde der Stallneubau 2015 vorerst zurückgestellt und dafür das Projekt Getreidelager aus der Schublade geholt. Das war wiederum zuvor auf Eis gelegt worden, weil die hohe Nachfrage in Südostasien die Stahlpreise in die Höhe getrieben hatte. Soweit zum globalen Wirtschaftsgeschehen und seinen Auswirkungen auf einen Agrarbetrieb am nördlichen Rand des Thüringer Beckens.

Trockner garantiert Vertragstreue

Die Bedeutung des imposanten Getreidelagers mit seinen 22 m hohen Silotürmen aus verzinktem Wellblech will der Betriebschef aber keineswegs klein reden. Im Gegenteil. Die Pfiffelbacher Landwirte knüpfen an die Investition – immerhin rund 2,4 Mio. Euro – hohe Erwartungen für die Entwicklung des Betriebes. „Nachdem wir uns nun dafür entschieden hatten, sollte es auch zügig gehen, um bereits zur Ernte 2016 einlagern zu können“, berichtet Fliege. Dieses Ziel wurde gemeinsam mit der als Generalunternehmer fungierenden Firma Agromat Agrartechnik erreicht. Am 3. August 2016 kippte das erste Traktorgespann Weizen von den Hängern in die zu diesem Zeitpunkt noch nicht überdachte Annahmegosse. In den Monaten danach erfolgte die Komplettierung des Komplexes mit einer Einhausung der Annahme, Austragstechnik sowie mit Komponenten zur Reinigung und Trocknung. Die Wärme für den Trockner vom Hersteller STELA Laxhuber kommt von der 2007 in Betrieb genommenen güllebasierten Biogasanlage, deren rund 500 kW thermische Energie nun auch im Sommer nutzbar ist.

Dr. Lars Fliege, Geschäftsführer der Agrargesellschaft Pfiffelbach mbH.

Dr. Lars Fliege, Geschäftsführer der Agrargesellschaft Pfiffelbach mbH.

Bei Bezug der gesamten verfügbaren BHKW-Wärme über das betriebsinterne Netz können etwa 10 t Getreide pro Stunde im 75 °C heißen Luftstrom getrocknet werden. Dies zeigte sich bei einem Test des 300.000 Euro teuren Aggregats während der Ernte im vergangenen Jahr. „Eigentlich wollen wir nicht trocknen. Aber es ist eine Versicherung gegen Verluste, die durch Nichteinhaltung von vertraglich vereinbarten Lieferzeitpunkten, Mengen und Qualitäten entstehen könnten“, erläutert der Geschäftsführer. Die billigste Energiequelle bleibe die Sonne. Allerdings seien die Zeiten mit 20 bis 25 günstigen Erntetagen wohl vorbei. Eher müsse man zwischen Ende Juli und Anfang August mit feuchtem Wetter oder sogar ausgiebigen Niederschlägen rechnen. Und wenn man dann nicht mehr mit der Ernte warten könne, weil die Fallzahl des Getreides mit jedem Tag sinkt, bestehe nun die Option der Trocknung, um die Qualitätsparameter der Kontrakte zu sichern.

Darüber hinaus biete die Trocknung eine Reihe interessanter Möglichkeiten zusätzlicher Gewinnmitnahmen für den Betrieb. „Etwa durch den Verkauf von Getreidepartien in einer Hochpreisphase weit vor der Ernte. Oder wenn in einem extrem nassen Jahr die Nachfrage steigt und wir dann die gesuchte Qualität liefern können“, nennt Lars Fliege dafür zwei Beispiele.

Flexibles Regime beim Einlagern

Die neun Denis Privé Silos bieten eine Lagerkapazität von insgesamt 9.500 Tonnen. „Sechs der Behälter haben einen Flachboden mit Bodenräumschnecke, drei einen Auslauftrichter“, erläutert Gunther Seidel, der als Assistent der Geschäftsleitung die Baumaßnahmen betreut hat. Behälterstutzen bieten Anschlussmöglichkeiten für mobile Lüfter.

Stutzen an den Behältern ermöglichen eine Belüftung des Lagergutes mit mobilen Exhaustern.

Stutzen an den Behältern ermöglichen eine Belüftung des Lagergutes mit mobilen Exhaustern.

Die Wärme für die Trocknung des Getreides kommt vom BHKW der Biogasanlage des Betriebes mit einer Leistung von 530 kWel.

Die Wärme für die Trocknung des Getreides kommt vom BHKW der Biogasanlage des Betriebes mit einer Leistung von 530 kWel.

Nach dem Abladen in die Annahmegosse transportieren Trogkettenförderer und Becherwerke die Druschfrüchte zunächst in die Reinigungsanlage der Firma Ruberg und von dort entweder direkt in die vom Bediener festgelegten Silos oder bei zu hoher Kornfeuchte zunächst in das kleinere, 750 t aufnehmende Silo Nummer 9. Diese sogenannte Nasszelle dient als Vorlagebehälter für den Trockner. Bei hohem Aufkommen an feuchtem Getreide können zusätzlich die beiden großen Silos mit Auslauftrichter diese Funktion übernehmen. Die Fördertechnik, vornehmlich vom Hersteller Rako, ist so ausgelegt, dass parallel zum Stoffstrom zwischen Trockner und Nasszelle sowie ggf. den vorderen beiden Silos eine Befüllung der anderen Lagerbehälter mit angeliefertem trockenen Erntegut erfolgen kann. „Früh, wenn die Feuchte noch bei 16 % liegt, geht das Erntegut in die Nasszelle. Mittags wird umgeschaltet und das sofort einlagerungsfähige Getreide fließt in die Silos, ohne dass der Trocknungskreislauf unterbrochen werden muss“, veranschaulicht Seidel den Nutzen der zum Teil doppelt angelegten Förderstränge. Maximal können pro Stunde 150 t eingelagert bzw. 80 t ausgelagert werden.

Mit der Trocknungsanlage lassen sich stündlich etwa 10t feuchtes Getreide in dem auf 75 °C aufgeheizten Luftstrom trocknen.

Mit der Trocknungsanlage lassen sich stündlich etwa 10t feuchtes Getreide in dem auf 75 °C aufgeheizten Luftstrom trocknen.

Für das Ernteregime und die Transporte von den verschiedenen Schlägen zu den Abladestellen haben die Pfiffelbacher Landwirte ein ausgeklügeltes aber mittlerweile eingefahrenes System entwickelt. Es beginnt mit dem Probedreschen und der Qualitätsbestimmung der Druschfrüchte am Vortag. Dies bildet die Grundlage für die täglichen Entscheidungen des Leitungsteams. Alles, was die Gespanne von den Mähdreschern abfahren, wird auf der zentralen Waage in Menge und Qualität erfasst. Auf der Waage wird außerdem vermerkt, wo die Einlagerung des Getreides entsprechend der am Vortag festgelegten Strategie erfolgt. „In jedes Silo unseres neuen Getreidelagers passt die Ernte von etwa 100 ha Weizen bzw. 200 ha Raps. Entsprechend gestalten wir die Anbauplanung für eine nun mögliche sortenreine Einlagerung. Wenn dann ein Händler bestimmte Sorten für Kundenanfragen sucht, können wir das bieten“, erklärt Lars Fliege. Dadurch sei man jetzt auch mit neuen Kunden ins Geschäft gekommen, die Wert auf sortenreine Weizenpartien legen.

Die aktuellen Lagerbestände entnimmt er den Einlagerungslisten. Für die einzelnen Silobehälter des neuen Lagers hat er sich mit Excel eine grafische Oberfläche eingerichtet, die in verschiedenen Farben die vorhandenen und die noch nicht verkauften Mengen in den Behältern anzeigt.

Ernteabfuhr komplett in eigener Hand

Der Geschäftsführer ist sich sicher, dass man ohne das moderne Getreidelager bald an Grenzen gestoßen wäre, die den Betrieb in seiner Entwicklung behindert hätten. Das betreffe in erster Linie das Erntemanagement.

Schema des Getreidelagers auf dem Touchdisplay für die Steuerung der Stoffströme.

Schema des Getreidelagers auf dem Touchdisplay für die Steuerung der Stoffströme.

Nach Hebung des angelieferten Erntegutes durch Becherwerke auf die Querverteilerebene schieben Trogketten das Getreide in die jeweils geöffneten Luken der Silobehälter. Pro Stunde können so 150 t eingelagert werden.

Nach Hebung des angelieferten Erntegutes durch Becherwerke auf die Querverteilerebene schieben Trogketten das Getreide in die jeweils geöffneten Luken der Silobehälter. Pro Stunde können so 150 t eingelagert werden.

Mit der Erweiterung der Lagermöglichkeiten sei man jetzt erstmalig in der Lage, alles, was die Mähdrescher ernten, selbst einzulagern. Damit bleibe auch die komplette Logistik in der eigenen Hand. Dies sei unabdingbar, um bei der Abfuhr mit der wachsenden Schlagkraft der Erntetechnik Schritt halten zu können. „Wenn wir in den tendenziell eher kleiner werdenden Zeitfenstern für die Getreideernte mit unseren eigenen fünf großen Mähdreschern und dazu ein oder zwei Lohnunternehmern loslegen, dann kommen von halb elf bis Mitternacht bis zu 3.000 t Getreide zusammen. Die nimmt uns in dieser kurzen Spanne kein Händler ab.

In den Silos mit Flachboden sorgen Bodenräumschnecken bei der Auslagerung für eine weitgehende Entleerung des Behälters.

In den Silos mit Flachboden sorgen Bodenräumschnecken bei der Auslagerung für eine weitgehende Entleerung des Behälters.

Ganz abgesehen davon, dass die Fahrzeuge viel zu lange unterwegs wären. Und zusätzliche Transporteinheiten sind während der Kampagne ja auch nur schwer zu bekommen“, verdeutlicht Fliege die Zwänge bei der Ernteabfuhr. Ebenso verhalte es sich an Wochenenden, da der Gesetzgeber in der Landwirtschaft flexiblere Arbeitszeiten erlaube als in einem Gewerbebetrieb.

Vor der Einlagerung in die Silos bzw. Trocknung durchläuft der Getreidestrom die Reinigung.

Vor der Einlagerung in die Silos bzw. Trocknung durchläuft der Getreidestrom die Reinigung.

Die Silos sind 22 m hoch und haben – außer der kleineren Nasszelle – einen Durchmesser von 11 m. Insgesamt hat das neue Getreidelager eine Kapazität von 9.500 t.

Die Silos sind 22 m hoch und haben – außer der kleineren Nasszelle – einen Durchmesser von 11 m. Insgesamt hat das neue Getreidelager eine Kapazität von 9.500 t.

Einen Vorteil bringe das Getreidelager mit seinen Kontroll- und Belüftungsmöglichkeiten zudem bei der Vermarktung der Ölsaaten. Die Einlagerung von Raps sei ja unter anderem wegen der Gefahr der Nacherwärmung nicht ganz einfach. Um dieses Risiko nicht eingehen zu müssen, habe man bislang aus der Ernte heraus verkauft. In den vergangenen Jahren habe der Raps aber regelmäßig gegen Ende der Vermarktungsmethode besonders hoch notiert. Diesen Marktverlauf könne man künftig nutzen. Für den Geschäftsführer liegt die Bedeutung des neuen Getreidelagers klar auf der Hand: „Diese Zukunftsinvestition gestattet uns, die Abläufe weiter zu perfektionieren und den steigenden Ansprüchen an Qualität und sortenreinen Angeboten noch besser gerecht zu werden.“

Die bei der Reinigung ausgesiebten kleinen Getreidekörner werden in einem Behälter für die Verarbeitung im betriebseigenen Futtermischwerk gesammelt.

Die bei der Reinigung ausgesiebten kleinen Getreidekörner werden in einem Behälter für die Verarbeitung im betriebseigenen Futtermischwerk gesammelt.

Den Transport der Druschfrüchte auf die obere Verteilebene des Lagers übernehmen Becherwerke.

Den Transport der Druschfrüchte auf die obere Verteilebene des Lagers übernehmen Becherwerke.


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