Was macht eigentlich die Landwirtschaft (noch)?

Gastbeitrag: Was macht eigentlich die Landwirtschaft (noch)?

Dr. Hartmut Matthes

Gastbeitrag: Was macht eigentlich die Landwirtschaft (noch)?

Die Landwirtschaft verändert sich gravierend. Neue Werkzeuge und Methoden haben aus den Gemischtbetrieben der 50er und 60er Jahre weniger, aber dafür größere Betriebe mit nur ein oder zwei Produktionsrichtungen gemacht. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen diesen Trend eindrücklich: von den rund 650.000 landwirtschaftlichen Betrieben 1991 bis heute 255.000. Eine Studie der DZ-Bank projiziert für das Jahr 2040 nur noch 100.000 Betriebe in Deutschland – mit deutlich gewachsenen Betriebsgrößen.

Perspektiven der Landwirtschaft

Spannender als die Zahlen, die von Experten kaum noch in Frage gestellt werden, ist die Frage nach den zukünftigen Produktionsschwerpunkten. Neben dem „Mainstream“ Viehhaltung und Marktfruchtbau entwickeln sich in Nischen beispielsweise auch Aquakulturen oder Insektenfarmen. Landwirtschaft war und ist aber nicht nur Produzent von Nahrungsmitteln, sondern eben auch Produzent von Rohstoffen für die stoffliche und energetische Nutzung. Letztere spielen bei der Energiewende hin zu erneuerbaren Energien wieder eine größere Rolle und bekommen bei der Flächennutzung zunehmend Konkurrenz von Photovoltaik- und Windkraftanlagen.

Ländlicher Raum als Multifunktionsstandorte

Neben den erwerbswirtschaftlichen Aspekten landwirtschaftlicher Aktivitäten spielen zunehmend die sogenannten Gemeinwohlleistungen eine immer größere Rolle, die von Politik und Gesellschaft eingefordert werden. Dabei handelt es sich um Tätigkeiten und Beiträge, die dem allgemeinen gesellschaftlichen Nutzen dienen und nicht nur gewinnorientiert sind und nicht im Widerspruch zu den Zielen der landwirtschaftlichen Erzeuger stehen müssen. Beispiele sind das Carbon-Farming, die Erhöhung der Widerstandsfähigkeit von Flächen vor Extrem-Wetterereignissen, Grundwasserbildung fördernde Fruchtfolgen, breitere Fruchtfolgen zur Förderung der Biodiversität, Erhaltung der Kultur- und Naturlandschaft zur Verbesserung des Freizeitwertes und Agroforstanlagen als Beitrag zur natürlichen Klimaregulierung.

Neue Produktionsziele, neue Märkte?

Die Beispiele zeigen die Vielfalt und Bedeutung des ländlichen Raumes – nicht nur für die Landwirtschaft – sondern für die gesamte Gesellschaft, von der heute bereits mehr als 75 Prozent in Städten und Ballungsräumen leben. Grundsätzlich bieten sich für Landwirte viele Chancen, aber auch Herausforderungen. Die klassischen Fruchtfolgen werden zukünftig breiter und orientieren sich wirtschaftlich mehr an der Gesamtleistung und weniger am Ertrag ihrer einzelnen Glieder.

Nachhaltigkeit ist ein Grundprinzip verantwortungsvollen Handelns, insbesondere in der Landwirtschaft. Es umfasst damit deutlich mehr als die Erhaltung der natürlich nutzbaren Ressourcen, schließt im Sinne der ESG-Kriterien Wirtschaftlichkeit und den Umgang mit den Menschen ein. Darauf werden sich die Landwirte zukünftig verstärkt einstellen müssen, weil die vor- und nachgelagerten Bereiche selbst gefordert sind, auf die Einhaltung zu achten. Verantwortung wird so auf alle Glieder der Wertschöpfungskette übertragen.

Was bedeutet das für die Partner?

Es reicht nicht, nur auf die eigenen Prozesse zu schauen und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Lieferanten werden sich nicht mehr wegducken können, wenn Kunden deren Produkte oder Betriebsmittel nicht im Sinne der Nachhaltigkeit einsetzen. So werden Banken genau darauf achten, ob mit gewährten Krediten nachhaltig einsetzbare Produkte angeschafft werden. Andernfalls würden sie gegen das Prinzip des Sustainable Finance verstoßen und ihre eigene Bonität gefährden.

Die Eingangsfrage muss also weiter gefasst werden, denn die ausgeführten und zunehmenden Herausforderungen sind nur arbeitsteilig machbar. Insbesondere kleinere und mittlere Betriebe werden die notwendigen Investitionen allein nicht stemmen können. Sie sind auf professionelle Dienstleistungen angewiesen. Und diese umfassen nicht mehr nur eine maschinennahe Arbeitserledigung, sondern zunehmend auch Management-Services. Lohnunternehmen können für diese Gruppe der Betriebe den Strukturwandel zwar nicht aufhalten – können ihn aber verlangsamen und den Landwirten somit die Chance bieten, die Transformation besser zu managen.

Die professionellen Landwirte fokussieren zukünftig noch mehr auf ihr Kerngeschäft und sind daher weniger an den Maschinen selbst interessiert. Lohnunternehmen sehen ihr Geschäft in der Durchführung der beauftragten Aufgaben, zu denen sie betriebsbereite Technik benötigen – Dienstleistungen werden nicht durch Maschinen erbracht, sondern durch Menschen!

Landwirt, Lohnunternehmen, Handel und Hersteller – die Funktionen werden bleiben. Gleichwohl die Frage, wie sich die Rollen und deren Inhalte verändern werden. Ein Blick in andere Branchen lässt vermuten, dass sich die genannten Stakeholder weiter vernetzen und arbeitsteiliger miteinander agieren werden. Insofern – wir müssen miteinander reden!

matthes@lu-verband.de


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