
Es kommt im Jahr nicht so häufig vor, dass vier von fünf Fliegl-Geschwistern sich für ein Interview mehrere Stunden an einem Tisch versammeln. Wir sitzen im gläsernen Besprechungsraum der Mühldorfer Agrartechnik-Zentrale. Aus dem Obergeschoss hat man hier einen Blick in die riesige Ausstellungshalle der Fliegl Agrartechnik. Hier präsentiert sich mit Güllefässern, Abschiebewagen und vielen Geräten ein großer Teil des Fahrzeugsortiments für Landwirtschaft, Speditionen und Bau.
Anlass dieser Gesprächsrunde sind die anstehenden Feiern zum 50-jährigen Jubiläum von Fliegl. Am 25. Mai startet in Mühldorf im Werk der Fliegl Agrartechnik eine große Veranstaltung mit „Tag der offenen Tür“, zu dem alle Partner der Fliegl-Gruppe eingeladen sind. Alle aus dem Fliegl-Team sind herzliche Gastgeber.
Seit fast 25 Jahren verfolge ich als Eilbote-Redakteur den Weg des Unternehmens und freue mich auf die heutige Diskussionsrunde mit der zweiten Fliegl-Generation. Die erste Unternehmensgeneration, Josef Fliegl senior, begann auf seinem landwirtschaftlichen Betrieb, dem Maierhof im oberbayerischen Kastl, bereits in den 1960er- und 70er-Jahren mit der Konstruktion und dem Bau von Maschinen, die die Arbeit auf dem Hof vereinfachten und rationeller machten. Legendär und einer der ersten Bestseller vom Maierhof war der an den Traktor angebaute Betonmischer. 1975 gründete der Tüftler aus Kastl dann sein Unternehmen und bewarb seine Maschinen auch mit Kleinanzeigen im Eilboten, um neue Vertriebspartner zu gewinnen.
Zu seinen bedeutendsten Ideen vor gut 25 Jahren gehörte der Abschiebewagen. Dosiertes und kippsicheres Abladen bot auch über die Landwirtschaft hinaus ein neues Marktsegment, zum Beispiel im Baubereich und im gewerblichen Schüttgütertransport. „Unser Vater bleibt lieber im Hintergrund“, charakterisiert der älteste Sohn Helmut Fliegl den Senior, der dem großen öffentlichen Auftritt eher aus dem Weg geht. „Er kam mir heute Morgen bereits um sieben Uhr im Lkw mit Maschinenteilen am Werktor entgegen.“ Mit inzwischen 80 Lebensjahren ist Josef Fliegl senior noch täglich in seiner eigenen Entwicklungswerkstatt aktiv und in den Werkhallen der Gruppe unterwegs.
Bereits mit 50 Jahren übergab der Senior das operative Geschäft an seine fünf Kinder: Helmut, Josef junior, Martin, Johann und Angelika. „Unser Vater hat uns sehr früh viel Freiraum gelassen“, so die Geschwister einstimmig. Jeder hat heute seinen eigenen Verantwortungsbereich mit verschiedenen Schwerpunkten:
- Helmut leitet die Fliegl Trailer mit zwei Werken in Triptis, Thüringen. Hier entstehen jährlich über 4.000 Fahrzeuge, unter anderem verschiedene Sattelauflieger, Container-Chassis und Tieflader.
- Josef junior ist Geschäftsführer der Fliegl Agrartechnik mit den Werken in Mühldorf und im ungarischen Abda. Hier entstehen unter anderem Abschiebewagen, Anhänger, Dungstreuer und Güllefässer, insgesamt jährlich über 5.700.
- Martin leitet die Fliegl Bau- und Kommunaltechnik mit Thermo-Abschiebewagen für den Asphalttransport, schweren Muldenkippern, Wasserfässern und der traditionellen Betonmischtechnik, mobil und stationär.
- Das Fliegl Agro-Center am Gründungssitz in Kastl leitet Angelika Fliegl. Das Sortiment umfasst über 1.000 verschiedene Anbaugeräte und Werkzeuge für Landwirte, Lohnunternehmer und Forstbetriebe aus Produktion in Kastl und Abda, sowie einen Online-Handel.
Die einzelnen Fliegl-Unternehmen sind rechtlich unabhängig voneinander. Sie arbeiten aber zum Beispiel im Einkauf oder, um Produktionsspitzen zu brechen, eng zusammen. Letztlich sehen sich alle Fliegls am Besprechungstisch als eine Familie und profitieren von den betrieblichen Synergien, aber auch von den unterschiedlichen Stärken der Geschwister. „Angelika zum Beispiel hat ein gutes Gefühl für das Marketing“, berichtet Josef junior.

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Freuen sich auf das Jubiläum (von links): Stefan, Josef jun., Angelika, Helmut und Martin Fliegl.

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Güllefasswagen und -verteiler bestreiten einen hohen Umsatzanteil.
„Das beste Produkt kauft keiner, wenn es der Markt nicht hergibt“, so ein Zitat vom Firmengründer. Der enge Austausch mit der Praxis, daraus Ideen zu entwickeln und diese mit technischem Know-how in Maschinen umzusetzen, das gehört zur Fliegl-DNA. Und damit sind die Oberbayern auch international erfolgreich: 1.400 Mitarbeitende erwirtschafteten 2024 an zehn Standorten einen Umsatz von 385 Millionen Euro. Davon erreichte die Agrarsparte 253 Millionen Euro. Gegenüber 2023 war das ein Rückgang von 22 Millionen, also lediglich acht Prozent – was für diese angespannten Zeiten deutlich besser ist als der deutsche Branchendurchschnitt. „Bei uns gibt es keine Kurzarbeit. Selbst in Corona-Zeiten haben wir alle Mitarbeitenden behalten und durchgängig beschäftigt“, so Helmut Fliegl. „Wir halten nichts davon, die Gewinne in guten Zeiten zu privatisieren und in schlechten Zeiten die Verluste zu sozialiseren!“
„Diese Loyalität wird geschätzt, viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten schon viele Jahre bei uns“, ergänzt Martin. Gute Fachkräfte sind auch hier in Oberbayern ge- sucht.
Eine stabile Eigenkapitalquote macht die Fliegl-Gruppe im Einkauf unabhängig. Bis zu 8.000 Tonnen Stahl verarbeitet man allein in Mühldorf jährlich zu Fahrzeugen und Geräten. Das Reifenlager auf dem 30 Hektar großen Werksgelände fasst 25.000 Reifen, der Vorrat an Achsen liegt bei über 4.000 Stück. „Wir sind im Einkauf flexibel. Wir lagern Material und Komponenten auf Vorrat ein. Während Corona hatten wir so deutlich weniger Lieferengpässe, davon haben auch unsere Vertriebspartner profitiert“, erläutert Josef junior bei der Werksrundfahrt in Mühldorf.

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In der heutigen Ausführung vertreibt ihn das Fliegl AgroCenter in hohen Stückzahlen.

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Der angebaute Betonmischer „Mischmeister“ war einer der ersten Fliegl-Bestseller.
Auffallend hier und bei meinem Besuch in Mühldorf ist die hohe Fertigungstiefe. Bis auf die Komponenten für Fahrwerk, Hydraulik und Elektrik baut man in der Gruppe alle Fahrzeuge, Geräte und Werkzeuge selbst. Neben dem Standardprogramm gibt es immer auch die Möglichkeit zur kundenindividuellen Anpassung von Fahrzeugen.
Die Familie Fliegl vereint oberbayerischen Charme mit hoher Geschwindigkeit und Entscheidungsfreude. So erinniert sich Angelika Fliegl: „Als die innerdeutsche Grenze fiel, fragte uns unser Vater: Wollen wir da was machen – oder nicht?“ Die Antwort folgte prompt: Helmut startete 1991 im thüringischen Triptis mit Werk 1 die Trailer-Produktion. Heute sind hier und im neuen Werk 2 über 220 Mitarbeitende tätig.
Auch zum Kauf von passenden Immobilien, wie zum Beispiel dem Standort Kirchdorf, war Fliegl zur richtigen Zeit investitionsfähig. „Bei unseren Investitionen ist die kurzfristig zu erwartende Rendite nicht der ausschlaggebende Faktor. Wir planen langfristig und für Generationen“, so Angelika.
Mit seinen Vertriebspartnern im Agrarsektor pflegt Fliegl eine langjährige Partnerschaft. „Unser breites Produktprogramm bietet jedem Händler etwas“, ist Martin Bauer, Verkaufsleiter der Fliegl Agrartechnik, überzeugt. Mit auflagenstarken Beilagen in landwirtschaftlichen Zeitschriften schafft Fliegl Aufmerksamkeit für seine Produkte bei den Landwirten. „Daraus ergibt sich oft ein Gesprächsanlass mit dem Händler vor Ort“, freut sich Angelika Fliegl.

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Der Fliegl Farmtruck rundet das Logistikprogramm ab.

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Das Fliegl-Werk Triptis in Thüringen baut neben Trailern auch Tieflader.
Nach mehreren Jahrzehnten organischen Wachstums erweiterte die Firma ihr Portfolio auch durch Akquisitionen. Im Trailerbereich erwarb man zum Beispiel 2017 die österreichische Spezialfirma Hangler. In der Agrartechnik akquirierte Fliegl 2019 den französischen Dungstreuerhersteller Brochard. 2022 übernahm Fliegl die Produktion der Cargos Häckseltransport- und Kombiladewagen von Claas. Diese jüngste Sparte, die Fliegl Grünlandtechnik, leitet Andreas Fliegl, Sohn von Josef Fliegl junior.
Diese dritte Generation der Familie ist bereits zum Teil in der Gruppe tätig oder auf dem Sprung dazu. Der Bruder von Andreas, Stefan Fliegl ist in Mühldorf gerade auf dem Weg zum Metallbaumeister.
Fliegl ist heute ein Full-Sortimenter im Agrarfahrzeugbereich: allein mehr als 25.000 gebaute Abschieber in 25 Jahren. Über 5.700 Fahrzeuge verlassen jährlich die Produktionshallen in Mühldorf und Abda, über 4.000 in Triptis. Neue Projekte, wie die Kooperation mit Stapel und das Angebot von Agro-Trucks sowie die Integration der Kaweco Hoflader sind die nächsten Schritte in die angetriebene Fahrzeugtechnik.
Das aktuelle Geschäftsjahr läuft bisher erfreulich. Abzuwarten bleibe, wie sich die politischen Ereignisse auf die Rohstoffpreise auswirken, besonders bei Stahl.
„50 Years. Right Here, Right Now!“ lautet das Motto des Fliegl-Jubiläums am 25. Mai 2025. „Einfach machen“ – das ist meine Überschrift für das Unternehmen. Meinen Glückwunsch zum Erreichten!

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Das Fliegl Agrartechnik-Werk in Mühldorf ist einer von zehn Produktionsstandorten.
Chronologische Entwicklungsschritte der Firma Fliegl
1. Gründung und erste Innovationen (1973 – 1980er)
- Josef Fliegl senior startet mit der Konstruktion von Maschinen zur Erleichterung der landwirtschaftlichen Arbeit.
- Erste erfolgreiche Produkte wie der an den Traktor angebaute Betonmischer finden breite Akzeptanz.
2. Erweiterung des Produktportfolios (1990er)
- Entwicklung des Abschiebewagens als eine der bedeutendsten Innovationen.
- Einstieg in neue Marktsegmente außerhalb der Landwirtschaft, insbesondere im Bauwesen und gewerblichen Schüttguttransport.
3. Internationalisierung und Expansion (2000er)
- Ausbau der Produktionskapazitäten und Eröffnung neuer Werke in Deutschland und im Ausland.
- Einführung moderner Produktionsmethoden zur Optimierung der Fertigungstiefe.
4. Diversifizierung und Digitalisierung (2010er – 2020er)
- Übernahme spezialisierter Unternehmen zur Ergänzung des Produktportfolios, z. B. Hangler (2017) und Brochard (2019).
- Investition in neue Technologien, darunter digitale Steuerungssysteme für Agrartechnik.
5. Nachhaltige Weiterentwicklung und Zukunftsstrategie (2020 – heute)
- Integration neuer Fahrzeugtechnologien und intelligente Transportlösungen.
- Verstärkter Fokus auf nachhaltige Produktion und ressourcenschonende Verfahren.
- Weitere Expansion mit neuen Standorten und Produktionslinien.
















