Magazin Landwirtschaft

Flächenstilllegung :

Mehr Fläche 2008 – Zusätzlicher Impuls für Investitionen?

Im September dieses Jahres hat die EU die Stilllegungsverpflichtung für das Jahr 2008 außer Kraft gesetzt. Das heißt allein in Deutschland werden ca. 1.000.000 Hektar wieder in die reguläre Bewirtschaftung genommen. Hat diese Entscheidung der EU einen Einfluss auf den Landtechnikmarkt? Der eilbote holte hierzu Stimmen von Lohnunternehmern, Landwirten, Landtechnikhändlern und Kammervertretern ein.

Flächenstilllegung: Mehr Fläche 2008 – Zusätzlicher Impuls für Investitionen?

Bald schon Acker?

Steigende Nachfrage und mäßige Ernten. Die Gründe für diese Entscheidung liegen auf der Hand. Zwei unterdurchschnittliche Ernten in Folge. Die Getreide-Interventions-Bestände innerhalb der EU waren zu Beginn des Jahres 2006 bei 13,5 Mio. Tonnen, im Januar 2007 waren die Bestände trotz zwischenzeitlicher Getreideernte auf knapp 6,7 Mio. Tonnen geschrumpft. Schon in 2006 lagen die Weizenerträge mit 72,4 dt/ Hektar eher unter dem langjährigem Durchschnitt von gut 74 dt pro Hektar. In 2007 ging der Durchschnittsertrag auf 69,9 dt/ Hektar weiter zurück, damit liegt die Erntemenge des Weizens um beinahe 1,5 Mio. Tonnen unter dem langjährigen Durchschnitt. Exemplarisch für die Gesamtsituation an den Agrarmärkten lag der Preis für die Dezitonne Brotweizen im August dieses Jahres gut zehn Euro über dem des Vorjahres.

Zudem verschärft die erheblich gestiegene weltweite Nachfrage nach pflanzlichen und tierischen Produkten die Situation, insbesondere auch nach Bioenergie. Fakt ist: Milchseen und Butterberge ebenso wie die Fleischberge sind inzwischen Geschichte, die Lagerbestände sind weitestgehend abgebaut. Die Marktpreise für Agrarprodukte bewegen sich auf einem interessanten Niveau. Vor zweihundert Jahren hat ein Anstieg der Brotpreise dem französischen König erst den Stuhl und dann den Kopf gekostet. Sicherlich ist die Lage nicht so besorgniserregend, wenn auch dieser Zustand sich leerender Lager und steigender Preise wohl ganz neu für die Entscheider der europäischen Agrarpolitik ist.

Ackern ohne Stilllegung

In den Hallen des Bauernverbandes gab es zur Entscheidung der EU Applaus, ebenfalls eine neue Situation für die agrarpolitischen Entscheider. Der Bauernverband vertritt die Meinung, dass nicht nur eine Aussetzung, sondern die völlige Aufhebung der Stilllegungsverpflichtung als Instrument der Marktregulierung längst überfällig sei. So lange die Prämien an die jeweilige Produktion gekoppelt gewesen seien, habe dieses Instrument der Marktregulierung durchaus seine Berechtigung gehabt, doch seit 2003 sei eine Aufhebung längst überfällig, jetzt bremse die Stilllegungsverpflichtung.

Sicherlich, nicht immer handelt es sich bei der stillgelegten Fläche um die besten Böden und nicht immer um die beste Bewirtschaftungsgröße. Interessant ist die Aussetzung trotzdem, insbesondere zu diesem Zeitpunkt. Der ohnehin angespannte Markt für Pachtflächen wird leicht entlastet und Güllebehälter in den viehstarken Regionen werden erleichtert. Nicht nur für kleine und mittlere Betriebe ist die Bestellung marktrelevanter Früchte interessant, maschinelle Kapazitäten sind ohnehin meistens vorhanden. Bei den größeren oder gar großen Betrieben kann diese einst stillgelegte Fläche durchaus zehn oder erheblich mehr Hektar ausmachen, das sind Größen, die einer beabsichtigten Betriebsvergrößerung nahe kommen.

Gelassen vernehmen die Lohnunternehmer die Verlautbarung aus Brüssel. Dr. Martin Wesenberg vom Bundesverband der Lohnunternehmen: „Die zehnprozentige Flächenstilllegung suggeriert eine Größe, die längst nicht mehr Fakt ist. Von dem Zeitpunkt an, an dem der Anbau von Pflanzen zur Energiegewinnung erlaubt wurde, sind bereits viele Flächen aus der Stilllegung bestellt worden. Mit der völligen Aussetzung und unter den derzeitigen Marktbedingungen werden sicherlich auch Flächen wieder in Kultur genommen, die sich betriebswirtschaftlich vorher nicht rechnen ließen.“

Wenn nun auch die Stilllegungsverpflichtung für das kommende Jahr ausgesetzt ist, ändert sich zum einen nichts in Bezug auf die Prämienzahlungen, da bleibt die Stilllegung so wie sie ist und zum anderen wird sich auch ackerbaulich kaum etwas ändern, denn häufig wurde auf den Stilllegungsflächen bereits Raps als nachwachsender Rohstoff angebaut. Das bestätigt auch Oliver Nacke von der Archea Biogas N.V. mit Sitz im niederländischen Eindhoven. Er schätzt die in Deutschland mit nachwachsenden Rohstoffen bestellte Fläche bereits auf mehr als 300.000 Hektar. Allein in Niedersachsen meldeten die Landwirte in 2007 ca. 76.000 ha Stilllegung ohne und 65.000 Hektar mit Nachwachsenden Rohstoffen. In Geilenkirchen, im äußersten Westen Deutschlands liegt der Firmensitz von Ferdinand Schmitz, Landtechnikhändler für MF, JCB und Claas: „ In unserer Region sieht man schon jetzt kaum ein wirklich brachliegendes Ackerstück. Hier wurde durchgehend nachwachsender Rohstoff auf den Flächen angebaut. Wenn die Landwirte jetzt investieren, dann weil die Marktlage so ausgesprochen gut ist.“

„Diese zusätzlichen Flächen, die dem Landwirt nun zur Verfügung stehen, werden nicht automatisch zu höheren Investitionen in Landtechnik führen,“ meint Dr. Ludwig Volk, Professor an der Fachhochschule Südwestfalen in Soest im Fachbereich Agrarwirtschaft, die deutsche Landwirtschaft liege mit der technischen Ausstattung weit über dem europäischen Durchschnitt. Viel mehr sei Liquidität der entscheidende Faktor zur Investition und bei der derzeitigen Marktsituation sei der Zeitpunkt der Aussetzung gut gewählt. Er könne sich vorstellen, dass Landwirte jetzt eventuell geplante Neuinvestitionen vorzögen.

Psychologische Wirkung

Die Landwirte sind wieder in Investitionsstimmung, das war auch der Tenor der diesjährigen Agritechnica.

Diese Melodie zieht auch durch die Flure der Landwirtschaftskammern, während sich die Angestellten noch durch die Kontrolle der Agraranträge arbeiten. „Die Landwirtschaft ist guter Stimmung“, bestätigt auch Dr. Hans Heinrich Kowalewsky, Leiter der Fachabteilung Landtechnik und Bauwesen der Landwirtschaftskammer Niedersachsen: „Überfällige Investitionen werden genauso vorgenommen, wie anvisierte vorgezogen werden. Den Anteil, den die Aussetzung der Flächenstilllegung dabei hat, liegt weniger in der zusätzlichen Fläche, als viel mehr in der Psychologie.“ Über Jahre wurde in der Landwirtschaft vor dem Hintergrund eines vermeintlich übersättigten Marktes mit stagnierenden Preisen an der Qualität der Produkte und der Nachhaltigkeit der Produktion gefeilt. Jetzt geht es auch wieder darum, quantitative Nachfragen zu bedienen.

Ralf Lessat bewirtschaftet südöstlich von Stettin unweit der polnisch-deutschen Grenze einen modernen, gut ausgestatteten Ackerbaubetrieb. „In Polen spielt die Flächenstilllegung in der Form, wie sie in der „alten“ EU praktiziert wird, gar keine Rolle,“ erklärt der vielbeschäftigte Landwirt: „Aber natürlich spüren wir auch hier die gestiegene weltweite Nachfrage nach Agrarprodukten und das bewegt die Landwirte und macht Mut, ältere Technik jetzt zu ersetzen.“

 

 


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