Magazin Landwirtschaft

EU/Großbritannien :

Harter Brexit trifft deutsche Landwirtschaft weniger

Braunschweiger Thünen-Institut schätzt Folgen für deutschen Agrarmarkt weniger gravierend ein

Großbritannien hat entschieden: Boris Johnson ist neuer Premierminister und löst damit Theresa May ab. Diese hat, nach monatelangem und letztendlich erfolglosem Kampf um einen für alle Seiten würdevollen Austritt Britanniens aus der EU, das Feld dem Hardliner Johnson überlassen müssen. Johnson will nun das Land zum 31. Oktober 2019 aus der EU führen. Wahrscheinlich ist ein harter, „No-Deal“-Brexit, der laut neusten Berechnungen des Braunschweiger Thünen-Instituts weniger Auswirkungen für den deutschen Agrarmarkt haben wird als anfänglich angenommen.

Sollte es zu einem No-Deal-Brexit kommen, so wären laut dem Thünen-Institut die Auswirkungen für den Agrarbereich weitaus weniger folgenreich als zunächst befürchtet. Großbritannien ist ein wichtiger Partner im Agrarhandel, der Exportüberschuss betrug 3,2 Mrd. Euro für Deutschland im Jahr 2017. Deutschland exportierte landwirtschaftliche Erzeugnisse im Wert von 4,8 Mrd. Euro, Waren im Wert von 1,6 Mrd. Euro kamen von der Insel nach Deutschland. Das Thünen-Institut hatte ursprünglich geschätzt, dass bei einem Brexit sich dieser Überschuss um 1,9 Mrd. Euro verringern würde. Doch aufgrund einer im März veröffentlichten Liste von Importzöllen und -quoten der britischen Regierung, die bei einem No-Deal-Brexit greifen soll und die für alle Mitglieder der Welthandelsorganisation (WTO) und nicht nur die EU-Staaten gilt, revidieren die Braunschweiger Wissenschaftler nun ihre Schätzung. Danach könnte sich der Überschuss um ungefähr eine Mrd. Euro verringern. Vor Bekanntwerden dieser Liste hätte das Vereinigte Königreich nach dem Grundsatz der Nichtdiskriminierung (MFN-EU-Szenario) die Zölle festlegen müssen. Mit der neuen Festlegung fallen die Schutzmaßnahmen gemäßigter aus. Vom Zoll befreit sind weiterhin Importe für Obst, Getreide, Zucker, Getränke und Tabak. Geringer als bisher angenommen werden Reis, Fleisch und Wurstwaren mit Zöllen belegt. Das Thünen-Institut erwartet, dass bis 2027 die deutsche Agrarproduktion als Folge des Brexits um insgesamt 190 Mio. Euro zurückgehen wird. Die Produktionseffekte werden daher nicht so schwerwiegend sein, wie zunächst mit 1,2 Mrd. Euro in dem MFN-EU-Szenario geschätzt wurde. Negative Effekte werden bei Schweine- und Geflügelfleisch erwartet, Weizen, Zucker, Rindfleisch und Milch hingegen könnten sogar leicht profitieren.


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