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Der Prozess muss den Takt angeben

DLG / VDI-MEG: Der Prozess muss den Takt angeben

AgXeed AgBot mit Raupenfahrwerk und Anbaugrubber sowie Doppelmesserwalze im Frontanbau.

Aktualisiert am

Schwerpunkt Traktoren sowie Automatisierung und Autonomisierung in der Landtechnik bei der 24. gemeinsamen Tagung „LAND.TECHNIK für Profis“ – Zentrale Frage: „Ohne Fahrer auf dem Acker – Vision oder Wirklichkeit?“ – Mehr als 200 Teilnehmer und namhafte Referenten – Diskussionen über richtungsweisende Entwicklungen – Zu Gast bei AgXeed in Venlo (Niederlande)

DLG / VDI-MEG: Der Prozess muss den Takt angeben

Über 230 Experten verfolgten das Programm.

Im Mittelpunkt der 24. Fachtagung „LAND.TECHNIK für Profis“ am 12. und 13. Februar 2025 in Venlo (Niederlande) stand die zentrale Frage, ob es Vision oder Wirklichkeit sei, ohne Fahrer auf dem Acker unterwegs zu sein. Die gemeinsam von der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft e. V.) und der VDI-MEG (Max-Eyth- Gesellschaft im Verein Deutscher Ingenieure e. V.) durchgeführte Fachtagung fand bei AgXeed statt und wurde in den Räumen des Brightlands Campus Greenport in Venlo durchgeführt. Bei der mit über 230 Teilnehmern – darunter eine große Zahl Praktiker – nahezu ausverkauften Veranstaltung wurde das Thema Traktoren im Hinblick auf Automatisierung und Autonomisierung in der Landtechnik umfassend in allen wichtigen Aspekten beleuchtet. Namhafte Referenten gaben wichtige Impulse zu Rahmenbedingungen, technischen Anforderungen aus Sicht der Praxis, bestehenden Herausforderungen und Hürden. Hinzu kam ein Überblick auf die technologischen Trends von morgen und eine intensive Diskussion der Punkte mit dem Auditorium. Eine Möglichkeit zur Werksbesichtigung und diverse Gelegenheiten zum Networking rundeten die Tagung ab.

„Bereits zum zehnten Mal wurde die Tagung in der inzwischen sehr bewährten Kooperation zwischen VDI-MEG und DLG durchgeführt“, wies Dr. Markus Demmel, Vorsitzender der VDI- MEG von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising, bereits in seinem Eingangsstatement auf das kleine Jubiläum im Rahmen der inzwischen 24. Tagung „LAND.TECHNIK für Profis“ hin. Mit mehr als 200 Teilnehmern war diese nahezu ausgebucht. Dass die Sichtweise auf die Autonomie während der Tagung aber nicht nur technikgeprägt sein sollte, machte DLG-Vizepräsident Philipp Schulze Esking klar. Aus seinem von der landwirtschaftlichen Praxis geprägten Blick war klar, dass es gute Fachkräfte braucht, um das Potenzial moderner Maschinen ausnutzen zu können. Gastgeber Joris Hiddema wiederum beschränkte sich nicht nur darauf, das Unternehmen AgXeed vorzustellen, sondern wagte einen fast philosophischen Blick auf das weite Feld der Autonomie.

Gekrönt vom Slogan „Autonomie ist Menschenrecht!“ machte er deutlich, wie wichtig eine nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft unter größtmöglicher Schonung der natürlichen Ressourcen seiner Meinung nach ist.

Wie hoch die Erwartungen an eine zukunftsfähige Landwirtschaft in puncto Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit auch aus dem politisch-administrativen Umfeld sind, machte Dr. Josef Goos vom Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) in Bonn deutlich: „Der Einsatz digitaler Technologien und Lösungen bietet ein großes Potenzial.“

Vielfältiger Einfluss durch Rahmenbedingungen

Goos fasste in seinem Vortrag weiterhin die vielfältige Förderlandschaft des Bundeslandwirtschaftsministeriums zusammen.

Wie sich ein Agrarroboter in der Praxis bewährt hat, fasste der Lohnunternehmer Paul Neufeldt von der Jeromin Agrar GmbH & Co. KG in Erxleben zusammen. Auch wenn die Fehlerquote im unüberwachten Einsatz nach einigen Anlaufschwierigkeiten stark zurückgegangen ist, war seine Forderung an die Entwickler doch auch deutlich: „Autonome Maschinen brauchen die Kompetenz zur Selbsthilfe“, sprich: Der Roboter muss typische Situationen wie beispielsweise eine Grubber-Verstopfung erkennen und durch passende Handlungen lösen können. Die besonderen Herausforderungen im Vertrieb (teil-)autonomer Systeme beleuchtete Sebastian Henrichsmann von derAgravis Technik Holding in Hannover. In Übereinstimmung mit anderen erklärungsbedürftigen Produkten sagte er aber auch: „Bei der Autonomie gilt: Man muss gemeinsam mit dem Kunden die Mehrwerte finden.“

Die zweite Session dieses großen Blocks startete mit Prof. Dr. Peter Breunig von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, der sich damit beschäftigte, welche Treiber dazu führen können, dass sich Prozesse in der Landwirtschaft grundlegend ändern. Er sieht hier insbesondere Kl-Agenten im Kommen, denn: „Kl-Agenten können digitale Prozesse selbstständig ausführen.“ Die betriebswirtschaftliche Seite autonomer Technik wurde von Torben Ehmcke-Kasch von der Hanse-Agro Unternehmensberatung in Hannover unter die Lupe genommen. Sein Fazit war es, genau hinzusehen, denn: „Die betriebsindividuelle Situation entscheidet über den Einsatz von Robotertechnik.“ Prof. Dr. Stefan Böttinger von der Universität Hohenheim in Stuttgart schließlich beleuchtete das Thema Systembruch statt Stillstand: Innovation als Schlüssel zur Zukunft. Er wies unter anderem auf das hohe Potenzial hin, das bereits heute über Assistenzsysteme verfügbar ist, denn „die Durchsatzleistung steigt auch durch intelligente Einstell- und Überwachungssysteme.“

Hohe Bandbreite

Einen Überblick über verschiedene Konzepte, Normen und internationale Initiativen bei der Übertragung von Autonomieanwendungen von der Entwicklung ins Feld gab Dr. Johannes Hipp vom VDMA Landtechnik in Frankfurt in der letzten Session des ersten Tagungstages. Er stellte vor allem fest: „Die Autonomie in der Landtechnik unterscheidet sich gravierend von der in anderen Bereichen“, was er vor allem am Vergleich der Anforderungen beim autonomen Fahren auf der Straße und auf dem Feld anschaulich darstellen konnte.

Lars Schmitz vom gastgebenden Unternehmen AgXeed und Dr. Alexander Grever von der Maschinenfabrik Bernard Krone wiederum stellten sich herstellerübergreifend der Frage, wie denn der Arbeitsalltag mit autonomen Systemen heute aussieht beziehungsweise künftig aussehen könnte. Für sie ist die Bedienoberfläche auf PC, Tablet und Handy „die digitale Kabine“. Grever war sich sicher, die Agrarrobotik wäre verfügbar, funktioniere und würde bleiben, während Schmitz mit dem Aufruf an die Hersteller, doch dafür Sorge zu tragen, dass Roboter und Anbaugerät besser miteinander kommunizieren sollten, doch noch ein wenig Wasser in den Wein goss.

Genau mit diesen Steuer- und Regeleinrichtungen bei Ackerschlepper-Gerätekombinationen beschäftigte sich der Vortrag von Prof. Dr.-Ing. Albert Stoll von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen. Seiner Meinung nach sind „Steuer- und Regeleinheiten in Ackerschlepper- Gerätekombinationen [...] heute auf einem hohen und vielseitigen Niveau“, aber durchaus noch mit Verbesserungspotenzial.

Anwendungen in der Praxis

Eine gewisse Skepsis auf der Anwenderebene ließ sich Dr. Markus Demmel von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft nicht nehmen, der die erste Session des zweiten Tagungstages moderierte. Sein bewusst überspitztes Statement „Die sprichwörtliche Digitalisierungswüste haben wir in Deutschland überall“ bildete einen Kontrapunkt des Realismus zum technischen Optimismus der Entwickler. In seinem Vortrag über kleine spezialisierte Feldroboter sowie einzelne oder im Schwarm arbeitende Technologien kam sein Kollege von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft Stefan Kopfinger schlussendlich zum menschlichen Anteil, der aktuell noch schwer zu ersetzen sei. Seiner Meinung nach ist die Anbaugeräteüberwachung, die ein menschlicher Fahrer quasi nebenbei erledigt, „das Nadelöhr der unüberwachten Autonomie“.

Auch Dr. Arne Bohl von Claas, der sich mit der menschlichen Komponente beim Schritt von hochautomatisierten zu autonomisierten Systemen beschäftigte, war sich sicher: „Ganz ohne Menschen geht es nicht.“ Aus den Erfahrungen der Südzucker AG in der Anwendung ganz unterschiedlicher Agrar-Roboter-Systeme berichtete Dr. Peter Risser, der die aktuell bunte Welt der Anbaugeräte in Europa auch in der Zukunft in der Agrarrobotik vermutet. Seiner Meinung nach „wird es einen Mix verschiedener Systeme geben.“

Stefan Kiefer von den Amazonen-Werken stellte die Frage, was es denn im Ackerbau wirklich brauche, um mithilfe einer Prozessüberwachung wirklich „ready for autonomy“ zu sein. Er warnte in diesem Zug davor, zu sehr die Ingenieurs- und Entwicklerperspektive einzunehmen. Praktiker würden seiner Meinung nach ein Over-Engineering schnell erkennen und stattdessen empfehlen „einfach die richtige Maschine zu benutzen“. Auch Eva Schröer-Merker von der Maschinenfabrik Bernard Krone empfahl, den „Takt für die Autonomie vom Prozess angeben zu lassen“, während Stefan Haverkamp von Lemken aus den Erfahrungen in der„Combined Powers“-Initiative der beiden Unternehmen Krone und Lemken berichtete, dass Momente hoher Arbeitsspitzen durchaus als „ein guter Ansatzpunkt für Autonomie“ gelten würden.

Nach einer munteren Podiumsdiskussion unter Moderation von Roland Hörner, Fachgebietsleiter Landtechnik im DLG-Fachzentrum Landwirtschaft, die alle wesentlichen Punkte der vergangenen beiden Tage nochmals streifte, fasste Dr. Hartmut Matthes, Geschäftsführer des BLU Bundesverbands Lohnunternehmen und Vorsitzender des Programmausschusses der Tagung „LAND.TECHNIK für Profis“ die maßgeblichen Aussagen der einzelnen Referenten nochmals zusammen. Er erinnerte daran, dass autonomes Arbeiten kein Selbstzweck sei, sondern der Erfüllung einer größeren Aufgabe dient. Zusammenfassend kam er aber zum Schluss, dass einzelne Schritte der Arbeitsprozesse in der Zukunft durchaus das Potenzial zur Autonomie in sich tragen und wiederholte die bereits früher auf der Tagung getroffene Aussage „Agrarrobotik ist verfügbar, funktioniert und wird bleiben!“


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