sonderthema

„Die installierte Leistung wird nur zu 70 Prozent genutzt.“

: „Die installierte Leistung wird nur zu 70 Prozent genutzt.“

Aktualisiert am

Können bei Mähdreschern Fahrerassistenzsysteme die Maschinenleistungsfähigkeit optimieren? Sind zehn Prozent Mehrleistung durch Vorfahrtregelung und zehn Prozent durch Druschoptimierung möglich? Gibt es eine Tendenz zu mehr Eigenmechanisierung? Diese und andere Fragen stellten wir den Spezialisten der AgriExperts Consulting GmbH Jens Broer und Niels Schröder. Sie sind weltweit unterwegs, um den Einsatz von Mähdreschern zu optimieren und Fahrer zu schulen.

Welche Trends beobachten Sie auf dem Mähdreschermarkt im deutschsprachigen Raum?

Jens Broer: Wir beobachten weltweit eine Verschiebung der Niederschläge, sodass in einigen Getreideregionen die Niederschläge zunehmen. Die Züchtung sorgt für Getreidesorten, die lange grün bleiben. Dementsprechend gibt es hohe Erträge, häufiger mit nassem Korn und zähem Stroh. Daher sehen wir in den letzten Jahren vermehrt Hybridmaschinen im Markt. Was Leistung und Druschqualität betrifft, haben sich unserer Erfahrung nach die Hybrid-Drescher auch in der Mittelklasse bewährt. Als weiteren Trend beobachten wir, dass Betriebe größere Schüttlermaschinen durch Hybrid-Drescher der Mittelklasse ersetzen, um flexibel zu sein. Inwieweit sich die neue Generation der Rotordrescher bei uns durchsetzt, bleibt abzuwarten, denn ihre Präsenz ist noch relativ gering.

Welche Entwicklung sehen Sie beim Fahrwerk der Mähdrescher?

Niels Schröder: In der Top-Liga überwiegt das Raupenlaufwerk, aber auch in der Mittelklasse hält die Raupe mehr und mehr Einzug. Auch die Qualität und damit Lebensdauer der Bandlaufwerke hat sich weiterentwickelt, sodass Straßenfahrten kein Problem sind. Besonders, wenn im Herbst auch Körnermais auf dem Ernteplan steht, werden Raupen bevorzugt.

Wie sieht es mit der Ausrüstung von Allradantrieb und Reifendruckregelanlagen aus?

Schröder: Für den Bodenschutz ist natürlich die Raupe mit angetriebener Hinterachse und Reifendruckregelanlage am besten. Allrad finden wir häufig bei den spezialisierten Hangmaschinen oder bei der Maisernte. Die Ausstattung mit Reifendruckregelanlagen ist eher gering.

Welche Entwicklung sehen Sie bei den Schneidwerken?

Broer: In unseren Trainings wiederholen wir oft den Spruch: „Die Leistung des Mähdreschers beginnt am Schneidwerk.“ Die Optimierung startet hier. Im Hinblick auf die Leistung sollte man grundsätzlich das größtmögliche Schneidwerk wählen, das zur betrieblichen Flächenstruktur und den Bestandsbedingungen passt. In der Fruchtfolge Raps – Weizen – Gerste haben sich Vario-Schneidwerke mit beweglichem Tisch etabliert. Durch den zunehmenden Leguminosenanbau und die häufig schwierigen Erntebedingungen gelangen auch mehr Bandschneidwerke in den Markt. Ich kann damit auch unter nassen Bedingungen länger dreschen und habe eine permanent gleichmäßige Zuführung des Ernteguts zum Einzug.

Wie lange nutzen Betriebe die Maschinen?

Broer: Wir beobachteten, dass sehr große Maschinen teilweise nach drei bis fünf Jahren gewandelt werden. Große Betriebe oder Lohnunternehmer wollen häufig die neueste Technik nutzen. Über die Mittelklasse können wir hierzu keine klare Aussage treffen. Da arbeiten Maschinen durchaus bis zu zehn bis zwölf Jahre. Manchmal gibt es auch den Deal, dass Betriebe drei mittlere Mähdrescher in zwei große Maschinen tauschen. Diese Maschinen haben dann eine entsprechend höhere Auslastung und werden somit früher gewandelt.

: „Die installierte Leistung wird nur zu 70 Prozent genutzt.“

Geschäftsführer und Unternehmensgründer Jens Broer.

: „Die installierte Leistung wird nur zu 70 Prozent genutzt.“

Niels Schröder organisiert die Schulungen.

Wie beurteilen Sie den Ausstattungsgrad bei Neumaschinen?

Schröder: Fahrerassistenzsysteme sind mehr und mehr gefragt, um die optimale Maschinenleistung sowie ein geringes Verlustniveau und hohe Kornqualität zu erzielen. Ein Grund dafür ist sicher der immer weiter wachsende Leistungsanspruch an Maschine und Fahrer. Die Leistungssteigerung und die Fahrerentlastung durch ein Assistenzsystem über einen gesamten Arbeitstag ist nicht zu unterschätzen.

Lohnunternehmen verdienen kein Geld mit dem Mähdrusch, heißt es oft – ist das so?

Broer: So allgemein darf man das nicht beurteilen. Das ist total von der Region abhängig, den verfügbaren Dreschtagen, der Logistik und der Flächenstruktur. Es gibt den Unternehmer in Westfalen mit vielen Gemischtbetrieben in der Kundschaft und 400 Hektar Druschfläche pro Maschine im Jahr. Aber auch den in Mecklenburg-Vorpommern mit 1.000 Hektar – pro Maschine.

Die Landwirte erwarten von ihrem Lohnunternehmer absolute Flexibilität und Schlagkraft, sonst wächst bei ihnen die Ungeduld in der Ernte. Daher müssen Lohnunternehmer immer auch eine gewisse Kapazität vorhalten. Das Geschäft mit der Getreideernte ist extrem unterschiedlich. In Kroatien kann ein Drescher bereits um 8:00 Uhr starten und bis 22:00 Uhr dreschen. Das ist bei uns nur selten möglich.

Gibt es mehr Eigenmechanisierung von Betrieben, um in der Ernte flexibler zu sein?

Schröder: So genau können wir das nicht beurteilen. In unseren Schulungen haben wir schon Teilnehmer, die sich eigenes Know-how für eigene Maschinen aufbauen, zum Beispiel bei Betriebskooperationen. Sie investieren dann gemeinsam in einen eigenen Mähdrescher für ihre Betriebe.

Können Mähdrescher zur besseren Auslastung durch Deutschland wandern?

Schröder: Ja, das kann schon vorkommen, ist jedoch eine Seltenheit. In wenigen Fällen beginnen Mähdrescher im Süden mit der Ernte und beenden sie in Nord-/Ostdeutschland, um eine möglichst hohe Maschinenauslastung zu erreichen. Allerdings dürfen bei weiten Strecken die Transportkosten dabei nicht unterschätzt werden. Regionsabhängig stationieren Lohnunternehmer ihre Mähdrescher auch fest auf einzelnen Betrieben.

: „Die installierte Leistung wird nur zu 70 Prozent genutzt.“

Geballtes Mähdrescher-Know-how: das AgriExperts-Team.

Gibt es Kulturen, auf die sich Lohnunternehmer neu einstellen müssen?

Schröder: Der Leguminosenanbau nimmt zu. Die Maschinen müssen heute für viele Fruchtarten geeignet sein, das heißt, mit geringen Umrüstzeiten und einfachen Anpassungsmöglichkeiten für Fruchtänderungen ausgestattet sein.

Können Assistenzsysteme hier Maschinenleistungsfähigkeit kompensieren? Sind zehn Prozent Mehrleistung durch Vorfahrtregelung und zehn Prozent durch Druschoptimierung möglich?

Broer: Mindestens zehn Prozent in beiden Punkten – ein eindeutiges Ja! Unsere weltweiten Erfahrungen zeigen: Die technisch installierte Leistung der Mähdrescher wird nur zu etwa 70 Prozent ausgenutzt beziehungsweise abgerufen. Ich empfehle daher immer, die voll ausgestattete Maschine mit allen verfügbaren Assistenzsystemen zu wählen. Die Vorfahrtregelung allein ist schon ein Leistungsbringer. Kornqualität, Verluste und Sauberkeit – das sind wichtige Merkmale, die ich als Fahrer gar nicht ständig im Blick behalten kann. Also auch für die Kornqualität lohnt sich das Assistenzsystem. Wichtig ist für das Verständnis des Fahrers zu erklären: Wo wird welcher Parameter wie gemessen? Da erleben wir in unseren Trainings so manchen Aha-Effekt.

Kann ich mit dem Assistenzsystem auch die Maschinenleistung besser nutzen, also vielleicht einen kleineren Mähdrescher wählen und trotzdem das gleiche schaffen?

Schröder: Ja, denn durch das Fahrerassistenzsystem wird das volle Leistungspotenzial der Maschine ausgeschöpft. Hier gibt es neben den technischen Gründen auch den psychologischen Effekt des Fahrers. Der Fahrer muss bereit sein, Höchstleistung zu erzielen. Er fühlt sich häufig mit mehr verfügbarer Motorleistung sicherer und bleibt damit eher in seiner Komfortzone. Häufig kennt der Fahrer die Limits der Maschine aber nicht genau. Ein Fahrerassistenzsystem gibt hier Sicherheit. Unsere Erfahrung zeigt, dass beispielsweise die Korbabstände manuell oft zu eng eingestellt werden. Wenn Fahrer in unseren Trainings die Grenzen ihrer eigenen Maschine kennenlernen, wissen sie, wie weit sie gehen können. Das ist oft ein echter Aha-Effekt. Der Fahrer bekommt Vertrauen in die Assistenzsysteme und fühlt sich auch auf einer geringer motorisierten Maschine in der Lage, die technisch installierte Leistung auszuschöpfen. In Summe hat er dann mit weniger PS und mehr Intelligenz mehr geschafft.

Wobei die Systeme kalibriert werden müssen...

Schröder: Das stimmt und ist die Aufgabe des Fahrers. Moderne Dialogsysteme helfen dabei. Aber wie viel ist das letzte Quäntchen an Sauberkeit wert? Hier müssen Fahrer klare Vorgaben vom Entscheider erhalten, die die Verluste korrekt einordnen und die Sensoren optimal einstellen. In großen Mähdrescherflotten in Osteuropa gibt es für diese Aufgabe einen Brigadeleiter, der diese Parameter überwacht und koordiniert.

Welche häufigen Missverständnisse oder Probleme beobachten Sie im Umgang mit moderner Mähdrescher-Technologie? Wie könnte der Hersteller oder Vertrieb hier besser unterstützen?

Schröder: Hersteller und Händler unterstützen hier schon sehr stark. Ich würde sagen, auf einer Skala bis zehn liegt man hier nahezu bei einer zehn. Oft gibt es aber beim Anwender Unwissenheit oder auch Unsicherheit über die verbaute Technik und die genaue Funktionsweise beziehungsweise den optimalen Einsatz. Daher sind wiederkehrende Schulungen für den Fahrer sinnvoll, auch um die Hemmschwelle zur maximalen Leistungserbringung zu senken und die Fahrer zu motivieren. Unserer Beobachtung nach sind in großen Flotten die Zielvorgaben für die Fahrer nicht immer eindeutig. Was hat Priorität – Leistung oder Verlustminimierung? Mähdrusch ist nicht einfach nur Technik, sondern ein komplexer Prozess und viel Kommunikation. Das sprechen wir in unseren Trainings intensiv an.

Was soll denn der Vertrieb konkret besser machen, um sowohl Landwirte als auch Werkstätten beim Thema Mähdrescher besser zu unterstützen?

Broer: Bei den Händlern haben wir auf der einen Seite die Vertriebsspezialisten, die oft gemeinsam mit dem Hersteller die Mähdrescher kundenspezifisch konfigurieren. Für die technische Betreuung und wenn es brennt, ist der Servicemonteur der Ansprechpartner für den Kunden. Jeder von ihnen hat sein Spezialwissen. Früher konnte der Verkäufer oder Servicemonteur den Kunden bei der Einstellung und Optimierung seiner Maschine direkt unterstützen. Dafür sind die Geräte heute zu komplex. Mit Vorführungen, Fahrerschulungen und Unterstützung beim Ersteinsatz machen die Händler schon einen anspruchsvollen Job. Unsere Schulung kann helfen, den Maschineneinsatz im gesamten Ernteprozess, der auch über den Drescher hinausgeht, zu optimieren. Dabei stehen wir nicht im Wettbewerb zum Hersteller, sondern unterstützen, damit sich die Investitionen für den Kunden wirklich bezahlt machen.

Die Fragen stellte Bernd Pawelzik

: „Die installierte Leistung wird nur zu 70 Prozent genutzt.“

AgriExperts Consulting

Das Unternehmen mit Sitz im westfälischen Bad Wünnenberg ist seit zehn Jahren spezialisiert auf die fabrikatsübergreifende Schulung von Mähdrescherfahrern. Geschäftsführer und Gründer von AgriExperts ist Jens Broer, der von 2005 bis 2015 bei einem großen Landtechnikhersteller unter anderem in der Verkaufsförderung und der Großkundenbetreuung weltweit Erfahrungen sammelte. Im Fokus der Schulungen steht die korrekte Einstellung der Mähdrescher, das Optimieren und Anpassen der Einstellungen auf unterschiedliche Bedingungen, Reduzieren von Verlusten, Bedienen und Einstellen von Automatikfunktionen sowie die Wartung und Pflege der Maschinen. Niels Schröder ist seit 2019 dabei und als Mähdrescherexperte und Teamleiter für die AgriExperts Schulungen verantwortlich. Das Team von erfahrenen Trainern ist weltweit für Landtechnikhersteller, Importeure und Händler unterwegs. Neben den Schulungen werden Vorführungen und Optimierungen im Feld durchgeführt. Im Jahr 2024 leistete das Team gemeinsam über 1.400 Einsatztage in über 20 Ländern.


Weitere Artikel zum Thema

weitere aktuelle Meldungen lesen