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Regierung verspricht Aufwärtstrend

Biogas: Regierung verspricht  Aufwärtstrend

Die Signale für die Biogasbranche sind seit Jahren der Stagnation wieder positiv.

Von Hinrich Neumann

Aktualisiert am

Sowohl die Stromerzeugung von Biogas als Reserve zur Wind- und Solarindustrie als auch die Biomethanproduktion könnten wieder neuen Aufwind bekommen. Wir stellen die aktuelle Marktlage vor.

Diesen Satz im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung hat die Biogasbranche mit besonderem Interesse gelesen: „Wir werden den Biogasanlagen eine Zukunft geben, insbesondere sind die Besonderheiten kleinerer und wärmegeführter Anlagen stärker zu berücksichtigen.“ Weiter heißt es in dem Papier: Das Potenzial der flexiblen Stromproduktion soll gehoben werden, wobei die Koalition Kosteneffizienz und Flächenverbrauch im Fokus hat und auf eine bessere Nutzung von Reststoffen setzt. Das Hauptstadtbüro Bioenergie, das neben dem Deutschen Bauernverband auch mehrere Bioenergieverbände vertritt, wertet die Einigung als „einen neuen positiven Geist, der in der Bioenergiepolitik einziehen soll“.

Koalitionsvertrag

Das Thema „Klimaschutz und Energie“ macht im 146-seitigen Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD insgesamt etwa acht Seiten aus – kaum weniger, als im Koalitionsvertrag der Ampelregierung aus dem Jahr 2021. Dabei fällt auf: Ausbaupfade und bisherige Ziele der vorangegangenen Bundesregierung stehen nicht zur Debatte. Allerdings will die neue Koalition an manchen Stellen technologieoffener sein. Das zeigt sich schon daran, dass es zur Bioenergie ein eigenes, kleines Kapitel gibt. Im Koalitionsvertrag der Ampel im Jahr 2021 wurde Bioenergie nur einmal genannt im Zusammenhang mit der geplanten Biomassestrategie, die dann nie verabschiedet wurde. Auch setzt die neue Regierung – anders, als die Ampel – explizit wieder auf Biokraftstoffe.

Biomassepaket

Schon vor der Einigung der Koalitionäre gab es in diesem Jahr ein großes Aufatmen der Biogasbranche: Mit dem Biomassepaket gab der Bundestag Ende Januar vielen bestehenden Anlagen eine lang vermisste Perspektive. Das Gesetz ist noch nicht in Kraft. Aber nachdem die Ampelregierung zunächst im November 2024 ein aus Branchensicht „völlig untaugliches“ Gesetz vorgelegt hatte, gab es im Laufe des parlamentarischen Verfahrens deutliche Nachbesserungen.

Die beiden wichtigsten Änderungen:

  • Das Ausschreibungsvolumen für die Anschlussvergütung wurde für 2025 auf 1.300 MW und 1.126 MW im Jahr 2026 erhöht. Nach der aktuellen Gesetzeslage hatte das Volumen lediglich 400 MW ausgemacht.
  • Der Flexibilitätszuschlag wurde von 65 auf 100 Euro/kW angehoben.

Neben diesen Regelungen gibt es viele weitere Details und Auflagen. Aber für die Markteinschätzung reichen diese beiden Zahlen.

Was „Ausschreibung“ bedeutet

Zum Hintergrund: Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erhalten alle Betreiber von Biogas-, Wind- oder Solaranlagen eine feste Einspeisevergütung für den eingespeisten Strom. Diese gilt für 20 Jahre. Da im Jahr 2004 erstmals der „Nawaro-Bonus“ eingeführt wurde, der Biogasanlagenbetreiber eine höhere Vergütung beim Einsatz von Energiepflanzen garantierte, sind ab 2004 sehr viele Anlagen in Betrieb gegangen. Für sie endete schon im vergangenen Jahr die 20-jährige Vergütungszeit. Doch damit muss noch nicht Schluss sein: Das EEG gibt Biogasanlagen die Möglichkeit, noch einmal für weitere zehn Jahre eine Vergütung zu erhalten. Doch diese gibt es nicht automatisch: Die Anlagenbetreiber müssen dafür an einer Ausschreibung teilnehmen. Nur die günstigsten Gebote erhalten dabei einen Zuschlag, bis das ausgeschriebene Volumen erreicht ist.

Die Ampelregierung hat in der Biogaserzeugung augenscheinlich keine Zukunft gesehen. Denn obwohl klar war, dass sich ab 2024 jährlich nahezu 1.000 MW um eine Anschlussvergütung bemühen würden, blieb das Ausschreibungsvolumen bei 300 bzw. 400 MW. Dementsprechend waren die Ausschreibungsrunden ab 2023 mehrfach überzeichnet. Zwei von drei Bewerbern erhielten keinen Zuschlag.

Biogas: Regierung verspricht  Aufwärtstrend

Zuckerrüben sind ein Substrat, mit dem sich die Gasproduktion schnell erhöhen lässt.

Neben dem deutlich höheren Ausschreibungsvolumen gibt der höhere Flexzuschlag weitere Sicherheit. Dieser ist eine Investitionsförderung, um die Umstellung einer „Grundlastanlage“ auf die flexible Stromproduktion zu fördern. Denn nach dem Biomassepaket gibt es künftig nur noch eine Vergütung für Strom, der an knapp 3.000 Stunden im Jahr erzeugt wird. Entsprechend müssen Anlagenbetreiber in große Gas- und Wärmespeicher investieren, um in der Zwischenzeit das weiter produzierte Biogas speichern und auch Wärme liefern zu können, wenn das Blockheizkraftwerk (BHKW) stillsteht.

Das BHKW selbst hat mindestens die dreifache Leistung der ursprünglichen Maschine, um in kürzerer Zeit mehr Strom produzieren zu können. Am Jahresende hat die Anlage dann die gleiche Strommenge produziert wie früher in Grundlast, aber dafür nur noch an den Stunden, in denen Wind- und Solaranlagen keinen Strom liefern bzw. dann, wenn der Strompreis hoch ist. Was bei aller Euphorie noch beachtet werden muss: Die meisten Regelungen des Biomassepakets unterliegen noch der beihilferechtlichen Genehmigung der EU-Kommission. Das bedeutet: Solange Brüssel kein grünes Licht gibt, können die Änderungen nicht in Kraft treten. Branchenvertreter gehen aber davon aus, dass diese bis zum nächsten Ausschreibungstermin am 1. Oktober erteilt sein könnte.

Die Folgen für die Landmaschinenbranche

Zwar geben Biomassepaket und Koalitionsvertrag – anders, als noch im vergangenen Herbst, als man von einer großen Stilllegungswelle ausging – wieder gewisse Perspektiven. Dennoch wird nicht jede Anlage weitermachen. Denn immerhin sind für den flexiblen Betrieb Summen von 1 bis 2 Mio. Euro zu stemmen. Gerade Anlagenbetreiber mit großem Investitionsstau und vielleicht fehlendem Hofnachfolger könnten die Anlage stilllegen.

Ändern wird sich auch die Substratzusammensetzung. Denn mit dem Biomassepaket ist der „Maisdeckel“ für 2025 auf 30 Prozent, für 2026 auf 25 Prozent festgelegt worden. Das bedeutet: Silomais, Getreidekorn usw. dürfen diese Anteile bezogen auf das Gewicht der zugeführten Substrate nicht überschreiten. Der Einsatz von Silomais wird sich damit weiter reduzieren. Gefragt sind dagegen Alternativen. Dazu gehören Dauerkulturen wie die Durchwachsene Silphie oder Reststoffe wie Mais-, Getreide- oder Rapsstroh sowie Zwischenfrüchte. Neuen Auftrieb könnten ebenso schnell vergärbare Substrate wie Zuckerrüben bekommen, weil Anlagenbetreiber auch mit der Substratzugabe künftig die Gaserzeugung beeinflussen werden. Immer häufiger kann es nötig sein, kurzfristig mit der Zugabe von Zuckerrüben die Gasproduktion zu erhöhen, um mehr Strom und Wärme erzeugen zu können.

Der zweite Weg: Biomethan

Wegen der langen Zeit der unsicheren Lage, wie es bei der Stromerzeugung aus Biogasanlagen in Deutschland weitergeht, und wegen der anfangs sehr attraktiven Marktlage haben sich einige Anlagenbetreiber ab dem Jahr 2022 entschieden, auf die Biomethanproduktion umzusteigen. Biomethan ist auf Erdgasqualität aufbereitetes Biogas. Statt eines BHKW wird auf der Anlage eine Gasaufbereitung installiert, mit deren Hilfe vor allem das CO2 aus dem Rohbiogas entfernt wird.

Besonders beliebt ist die Erzeugung von Biomethan aus Wirtschaftsdünger. Das erklärt sich so: Neben einem Preis für das Biomethan gibt es mit der Treibhausminderungsquote eine weitere Preiskomponente, wenn Biomethan als Kraftstoff vermarktet wird. Das hängt – stark vereinfacht – so zusammen:

  • Die Mineralölindustrie muss eine gesetzlich vorgeschriebene Treibhausgas-(THG-)- Minderungsquote einhalten. Diese kann sie durch den Verkauf von Biomethan als Kraftstoff (komprimiertes Gas = CNG oder verflüssigt als LNG) oder durch die Beimischung z.B. von Biodiesel in Diesel oder Bioethanol in Benzin erreichen.
  • Bei Biomethan aus Gülle oder Mist ist die Treibhausgasminderung nach der aktuellen Rechtslage besonders hoch und bei der Mineralölindustrie beliebt: Sie kann damit ihre Verpflichtung leichter erfüllen.
  • Beim Preis für das Biomethan wird die THG-Minderung bereits berücksichtigt. Daraus ergeben sich unterschiedliche Preise für Biomethan je nach Herkunft.

Im Oktober 2022 erreichten die Preise für Biomethan aus Wirtschaftsdünger nach Angaben des Biomethandienstleisters Agriportance aus Münster ein Hoch von 38 ct/kWh. Dieser Preis war zu der Zeit deutlich attraktiver als für Strom aus Biogasanlagen, zumal die Bundesregierung zu der Zeit eine Erlösabschöpfung für „Übergewinne“ aus der Stromvermarktung diskutierte.

Biogas: Regierung verspricht  Aufwärtstrend

Doch ab 2023 überschwemmten gefälschte CO2-Minderungszertifikate und falsch deklarierter Biodiesel aus China den Markt. Das führte zum Absturz der Preise für die THG-Quote und damit auch von Biomethan, denn die Bundesregierung zögerte lange, bis sie auf die vielen Hinweise der Biokraftstoffbranche auf den Betrug reagierte. Weil die Mineralölindustrie sich bereits mit gefälschten, sehr günstigen Zertifikaten eingedeckt hatte, wurde Biomethan als THG-Minderungsoption unattraktiv. Der Preis für das Gas stürzte ab, viele Geschäftsmodelle brachen in sich zusammen, viele Projekte zur Umstellung wurden wieder gestoppt. Die größte Auswirkung war die Pleite von Europas größtem Biomethanhändler „Landwärme“ aus München. 

Erst langsam erholt sich die Branche von diesen Einflüssen. „Seit November steigen die Preise für Biomethan wieder leicht. Bei Gas aus Wirtschaftsdünger wird aktuell ca. 12 ct/kWh gezahlt, für Nawaro-Gas sind es etwas unter 9 ct, bei Biomethan aus Reststoffen leicht über 9 ct“, berichtete Agriportance im Januar 2025. „Viele Akteure versprechen sich aktuell eigentlich mehr.

Positive Signale

Es gibt positive Signale wie den steigenden Erdgaspreis oder die Situation bei den Treibhausgasquoten. Aber das kommt noch nicht beim Preis für die Produzenten an. Hier sehen wir also noch Potenzial“, sagt Agriportance-Geschäftsführer Henning Dicks.

Auch andere Branchenkenner sehen jetzt positive Signale für den Biomethanmarkt. „Unsere neue Regierung zeigt sich deutlich technologieoffener – damit sehen wir das Biomethansegment eindeutig im Aufschwung“, sagt Olaf von Lehmden, CEO der EnviTec Biogas AG, mit 87 eigenen Biogasanlagen einer der größten Biogasproduzenten in Deutschland.

Wachsende Marktchancen sieht EnviTec nicht nur in der Fortführung und im Ausbau der bisherigen Biomethan-Einsatzfelder, also in der Stromerzeugung über Biomethan-BHKW, bei Beimischprodukten als Brennstoff für Haushaltskunden sowie im CNG-/ LNG-betriebenen Straßenverkehr, sondern vielmehr auch in der Substitution von Erdgas, wie beispielsweise in der Industrie und der Stromerzeugung.

Eine interessante neue Entwicklung ist, dass sich mehrere Biogasanlagen in einer Region zusammenschließen, eine Biogassammelleitung verlegen und zu einer großen Aufbereitungsanlage leiten. Hier soll das Gas dann zu Biomethan aufbereitet werden. Mit einer größeren Aufbereitungsanlage und der gemeinsamen Produktion lassen sich Kosten sparen und Synergieeffekte heben. Deutschlandweit sind mehrere Projekte in Planung.

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Biogasanlagen müssen künftig mit großen Speicherdächern ausgestattet sein, um das Gas für mehrere Tage speichern zu können.

Ausblick

Auch die Biomethanproduktion hängt über die Stromerzeugung indirekt am EEG. Darum gilt auch hier der Maisdeckel für Gas, das in der Stromerzeugung eingesetzt werden soll. Das ist immer noch die mit Abstand größte Menge des in Deutschland produzierten Biomethans. Aber der Anteil von Biomethan aus Wirtschaftsdünger wächst. Darum wird künftig die Technik zur Aufbereitung von Gülle (Separatoren usw.) sowie zum Transport von festen und flüssigen Wirtschaftsdüngern gefragt sein. Dazu kommt der Trend, dass Biomethanproduzenten kleine Hoftankstellen errichten für Spediteure, aber auch für Landwirte mit CNG-Traktoren. Das könnte den Absatz von Maschinen mit Gasantrieb vorantreiben. Auf jeden Fall angedacht im Koalitionsvertrag ist auch eine Steuerbefreiung für Biokraftstoffe in der Land- und Forstwirtschaft, was den Bereich weiter beflügeln könnte.

Inwieweit die aber ebenso andiskutierte Rückkehr zur Agrardieselbeihilfe dieses Geschäftsfeld erneut konterkarieren könnte, bleibt abzuwarten. Viele Klimaexperten warnen vor diesem Schritt, weil sich damit die Klimaziele in der Landwirtschaft nicht einhalten lassen.


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