Magazin Wirtschaft

BIOGAS Convention & Trade Fair :

Gibt es neue Hoffnung für Biogas?

Energieexperten drängen darauf, Biogas als Multitalent für Strom, Wärme und Kraftstoff noch nicht abzuschreiben. Wir zeigen hier die Trends auf, die Auswirkungen auf den Verkauf von Landmaschinen haben werden.

BIOGAS Convention & Trade Fair: Gibt es neue Hoffnung für Biogas?

Mit externen Speichern, wie diesem Kugelgasspeicher, können Landwirte große Mengen Gas speichern und dann zu den Zeiten verstromen, in denen der Strompreis höher ist.


Lediglich etwas über 200 Aussteller waren auf der Biogas Fachmesse in Nürnberg vertreten.

Lediglich etwas über 200 Aussteller waren auf der Biogas Fachmesse in Nürnberg vertreten.

Eigentlich sollte die Biogasbranche in Feierlaune gewesen sein. Zum 25. Mal versammelten sich vom 12. bis 14. Dezember die Hersteller, Planer, Wissenschaftler und Anlagenbetreiber bei der größten Biogas-Fachmesse der Welt in Nürnberg, seit 25 Jahren gibt es auch den Fachverband Biogas. Doch statt knallender Sektkorken erlebte der Besucher eine Branche, die verbissen ums Überleben kämpft. Gab es in früheren Jahren auf der BIOGAS Convention & Trade Fair 400 und mehr Aussteller, füllten die 205 Firmen in diesem Jahr nicht einmal zwei Messehallen in Nürnberg.

Was die Branche momentan vor allem beklagt, ist der fehlende Rückhalt in Politik und Gesellschaft. „Wenn man in Berlin das Thema Biogas anspricht, kommen immer gleich die Themen Mais und neuerdings auch Insektensterben und Glyphosat auf“, berichtete Horst Seide, Präsident des Fachverbandes Biogas, bei seiner Eröffnungsrede auf dem Kongress „Biogas Convention“ parallel zur Fachmesse.

Aber das Blatt wendet sich. Nicht überall wird Biogas nur als „Schmuddelkind“ der Energiewende gesehen. Gerade im künftigen Strom- und Kraftstoffmarkt könnte Biogas wieder eine wichtige Rolle spielen (siehe auch Artikel "Neue Hoffnung für Biogas").

Aber welche Auswirkungen haben die Rahmenbedingungen auf den Alltag im Biogasgeschäft? Wie sollen sich Anlagenbetreiber heute entscheiden? Und was kommt auf den Landmaschinenhandel zu? Um die aktuelle Lage besser zu erläutern, begleiten wir den fiktiven Betrieb Max Peters, Biogasanlagenbetreiber aus Niedersachsen, bei seiner Entscheidung.

Der Milchviehbetrieb mit 120 Kühen hatte im Jahr 2006 eine Biogasanlage mit 500 kW Leistung gebaut. Er setzt in der Anlage Mais, Gras, Mist und Gülle ein. Bislang produziert sein Blockheizkraftwerk (BHKW) unter Volllast Strom, die Wärme liefert er zum Teil über ein Nahwärmenetz ins Dorf nebenan, wo er neben Wohnhäusern auch Schule, Kindergarten und andere Einrichtungen heizt.

Peters bekommt 20 Jahre lang eine Förderung für den eingespeisten Strom. Im Jahr produziert er etwa 4,5 Mio. Kilowattstunden (kWh) und erhält dafür einschließlich aller Boni eine Vergütung von 21 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh). Im Jahr 2017 hatte er elf der zwanzig Jahre herum, es folgen also noch neun Jahre. Demnächst muss sein BHKW planmäßig getauscht werden, womit eine größere Investition ansteht. Peters kalkuliert daher mehrere Optionen:

1. Alles bleibt so, wie es ist

Bei dieser Option würde Peters noch einmal investieren und darauf hoffen, dass sich die Investition bis zum Ende der 20-jährigen EEG-Laufzeit rechnet. Anschließend müsste er neu überlegen, ob er die Biogasanlage weiter betreibt oder stilllegt. Die Wärme an das Dorf könnte er notfalls über eine Hackschnitzelheizung liefern. Allerdings wird er den Strom nicht mehr komplett einspeisen, sondern selbst verbrauchen und – falls möglich – an Kunden direkt verkaufen müssen. Denn ohne EEG würde er einen Strompreis von 3 bis 4 ct/kWh bekommen. Bei Stromproduktionskosten von mindestens 15 ct/kWh wäre das also unwirtschaftlich.

2. Einstieg in die Flexibilisierung

Der Landwirt könnte bedarfsgerecht Strom produzieren, indem er ein oder mehrere BHKW zusätzlich installiert. Außerdem muss er u.a. einen größeren Gasspeicher errichten. Mit diesen Maßnahmen kann er dann zu den Zeiten Strom produzieren, an denen die Nachfrage und damit der Preis hoch sind, also vor allem tagsüber. Den Rest der Zeit stehen die Motoren still, während die Bakterien weiterhin Gas produzieren, das er in dem größeren Speicher zwischenlagert. Da er meist auch einen größeren Trafo, ein neues Genehmigungsverfahren und vieles anderes benötigt, kommt bei den Kosten die gleiche Summe zusammen, die er schon für die Ursprungsanlage ausgegeben hat. Für die Umrüstung erhält er allerdings eine Investitionsförderung über das EEG, über die er zumindest das BHKW und einen Teil der weiteren Kosten finanziert bekommt.

3. Verlängerung um zehn Jahre

Peters könnte ca. 2 bis 3 Jahre vor Ablauf seiner Förderung eine Verlängerung um zehn Jahre beantragen. Dafür muss er an einer Ausschreibung teilnehmen. Bei dieser wird die künftige Vergütung, die er erhält, in einer Art Auktion ermittelt. Bedingung für die Teilnahme ist, dass Peters die Anlage auf die flexible Fahrweise umrüstet. Das bedeutet: Er muss die Anlagenleistung mindestens verdoppeln, um flexibel produzieren zu können. Die nötige Umrüstung könnte er heute schon vornehmen und dafür die Flexibilisierungsprämie wie bei Option 2 in Anspruch nehmen. Wenn er geschickt investiert, ist die Anlage nach 20 Jahren nicht nur abgeschrieben, sondern technisch auch noch in der Lage, zehn weitere Jahre ohne größere Ersatzinvestition zu produzieren. Knackpunkt ist: Bei der Ausschreibung konkurriert Peters mit allen anderen Anlagenbetreibern, deren Förderung ausläuft. Derzeit hat der Gesetzgeber die jährlich ausgeschriebene Leistung auf 200 MW beschränkt. Das entspricht der Leistung von rund 400 Anlagen. In den Boomjahren sind jedoch bis zu 1.000 Anlagen neu ans Netz gegangen. Außerdem können nicht nur bestehende, sondern auch neue Anlagen an der Ausschreibung teilnehmen, deren Leistung dann auch zu den 200 MW dazu gezählt werden. Kurzum: Der Wettbewerb um einen Zuschlag dürfte sehr hoch sein. Entsprechend niedrig wird die Förderung sein, denn wer zu hoch anbietet, erhält keinen Zuschlag. Ob die Ausschreibungsbedingungen im Jahr 2023, wenn Peters sich damit beschäftigen muss, noch so sein werden wie heute, ist zwar fraglich. Aber es bleibt ein gewisses Risiko.


Viele Biogasanlagen suchen nach Möglichkeiten, um den Gärrest günstig auszubringen oder sogar zu Dünger aufzubereiten.

Viele Biogasanlagen suchen nach Möglichkeiten, um den Gärrest günstig auszubringen oder sogar zu Dünger aufzubereiten.

4. Umstieg auf Biomethan-Produktion

Peters könnte zwar weiterhin Biogas produzieren, das Gas aber nicht wie bislang im BHKW zu Strom und Wärme umwandeln. Er könnte es mit einer Gasaufbereitungsanlage zum erdgasähnlichen Biomethan umwandeln und ins Erdgasnetz einspeisen. Bei diesem Verfahren wird chemisch oder physikalisch vor allem CO₂ aus dem Biogas entfernt, um den Methangehalt von rund 52 % auf 98 % und höher zu steigern. Eine Gasaufbereitungsanlage ist zwar deutlich teurer als ein neues BHKW, bietet aber die Chance, künftig auch den Kraftstoffmarkt bedienen zu können. Da das BHKW zudem das Bauteil in der Biogasanlage mit den meisten Störungen ist, ist die Biomethanproduktion deutlich weniger störanfällig.

Neuer Rohstoffmix

Egal, wie sich Peters entscheidet: Künftig wird er deutlich anders Biogas produzieren. Bei der Auswahl der Substrate muss er sich nicht mehr am EEG mit seinen Rohstoffboni orientieren. Es wird vielmehr darauf ankommen, möglichst günstig und effizient zu produzieren. Folgende Optionen stehen zur Verfügung:

  • Gülle wird als günstiger Rohstoff erhalten bleiben, allerdings eher zur Prozessstabilität und nur, wenn sie im eigenen Stall oder in der Nachbarschaft anfällt. Wichtig ist dafür, dass sie möglichst frisch aus dem Stall in die Biogasanlage kommt. Ansonsten ist der Energieertrag noch geringer.

  • Ebenso wird Mist an Bedeutung gewinnen. Die Energiekonzentration ist deutlich höher als bei Gülle, wozu auch das Stroh beiträgt. Für dieses Substrat muss aber eine entsprechende Zerkleinerungstechnik bei der Biogasanlage vorhanden sein.

  • Mais ist und bleibt das Substrat mit den besten Ernte- und Vergärungseigenschaften. Allerdings ist es auch relativ teuer und politisch unter Druck. Daher wird es bei vielen Anlagen auf Dauer keine dominierende Rolle mehr einnehmen.

  • Als schnell vergärende Alternative hat sich die Zuckerrübe etabliert.

  • Maisstroh liefert erstaunliche Energieerträge, hat aber eine geringe Dichte und lässt sich schwer silieren. Daher silieren Landwirte den Rohstoff gern mit feuchteren Zwischenfrüchten oder Zuckerrüben ein.

  • Inwieweit sich weitere Energiepflanzen etablieren wie die Dauerkultur Durchwachsene Silphie, wird auch davon abhängen, ob Biogasanlagenbetreiber für Natur- und Artenschutzbemühungen belohnt werden. Silphie und andere Blühpflanzen gelten als insektenfreundlich. Allerdings ist der Gasertrag geringer als z.B. beim Mais, was die Vorzüglichkeit dieser Pflanzen reduziert. Daher ist ein finanzieller Ausgleich nötig. Aber die Branche sieht es als großen Vorteil an, dass die Biogastechnik die einzige Möglichkeit ist, jeglichen Aufwuchs von Zwischenfrüchten, Blühstreifen oder anderen Extensivflächen in Energie umwandeln zu können.
Für den flexiblen Anlagenbetrieb müssen Biogasanlagenbetreiber meist ein zweites BHKW installieren. Dieser Betrieb hat zudem einen externen Wärmespeicher (links) dazu gebaut.

Für den flexiblen Anlagenbetrieb müssen Biogasanlagenbetreiber meist ein zweites BHKW installieren. Dieser Betrieb hat zudem einen externen Wärmespeicher (links) dazu gebaut.

Bei der Rohstoffversorgung werden Anlagenbetreiber künftig mehr auf günstige Substrate setzen wie Mist oder Zwischenfrüchte.

Bei der Rohstoffversorgung werden Anlagenbetreiber künftig mehr auf günstige Substrate setzen wie Mist oder Zwischenfrüchte.

Welche Auswirkungen hat die Entwicklung auf die Landmaschinenbranche?

  • Neben den üblichen Ernteverfahren für Mais und Gras wird die Erntetechnik für Zwischenfrüchte oder für Spezialkulturen wie die Durchwachsene Silphie oder das Riesenweizengras zunehmen.

  • Dazu kommen Ernteverfahren, um Maisstroh nach der Körnermaisernte verlustarm und ohne viel Erde bergen zu können.

  • Schlagkräftige Technik für den Transport von Gülle und Gärresten wird stärker gefragt sein – nicht zuletzt auch wegen der Düngeverordnung und dem damit verbundenen Zwang, Nährstoffe aus Veredelungsregionen in die Ackerbaugebiete zu transportieren.

  • Ebenso werden mehr Betriebe verstärkt in die Gärrestaufbereitung investieren, also Techniken suchen, um den Gärrest zu separieren, Nährstoffe abzutrennen und zu handelsfähigen Pellets aufzubereiten.

  • Der örtliche Landmaschinenhändler könnte künftig deutlich mehr in die Wartung und Reparatur von Anlagenkomponenten eingebunden werden. So gibt es erste Hersteller von Blockheizkraftwerken, die Mechaniker von Landmaschinenbetrieben für den Service ausbilden. Aber auch Rührwerke, Pumpen und andere verschleißanfällige Komponenten könnten künftig mit entsprechenden Reparaturen deutlich länger laufen als es bisher der Fall war. Denn der Neukauf wird aus Kostengründen eher eingeschränkt werden.

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