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Ausbildung :

Smarte Azubis gewinnen und binden

Der Markt an geeigneten Bewerbern schrumpft – Referenten geben Tipps auf Fachtagung des Fachverbandes für Land- und Baumaschinentechnik NRW – Grenze zwischen Arbeit und Privatleben gewinnt an Bedeutung

Ausbildung: Smarte Azubis gewinnen und binden

Die Generation Z der Jahrgänge 1995 bis 2010 rüstet sich für das Berufsleben.

Jörg Flachowsky: „Jugendliche wollen optimalen Mix aus Arbeit und Freizeit.“

Jörg Flachowsky: „Jugendliche wollen optimalen Mix aus Arbeit und Freizeit.“

Nachwuchsgewinnung und Fachkräftesicherung. Eine Herausforderung für viele Betriebe in Zeiten demografischen Wandels bei anhaltendem Trend zur Akademisierung. Zudem „ticken“ die Jugendlichen von heute anders als die Generationen vor ihnen. Azubi-Recruiting und zukunftsfähige Personalarbeit standen im Mittelpunkt einer Fachtagung, zu der der Fachverband für Land- und Baumaschinentechnik NRW zusammen mit anderen fahrzeugtechnischen Gewerken aus Nordrhein-Westfalen eingeladen hatte. Im Verbandshaus in Hilden schilderten Experten Möglichkeiten des Ausbildungsmarketings und gaben Tipps, wie die Ansprache von Jugendlichen funktioniert.

Junge ticken anders

Denn nun rüstet sich die Generation Z – also die Geburtsjahrgänge zwischen 1995 und 2010 – für das Berufsleben und bringt gänzlich andere Erwartungen und Einstellungen mit in die Arbeitswelt als ihre Vorgängergenerationen. „Als Digital Natives sind sie schon von Kindesbeinen an gewohnt, eine Flut von digitalen Informationen zu verarbeiten und für sich zu nutzen“, erklärte Jörg Flachowsky den rund 80 Teilnehmern. Der Geschäftsführer des Jungvornweg-Verlags, der auf zeitgemäße Kinder- und Jugendkommunikation spezialisiert ist, kennt die Zielgruppe genau und weiß, wie sie tickt.

Anders als die heute 23- bis 39-jährigen Vertreter der Generation Y möchte die nachfolgende Generation Z eine Work-Life-Separation und damit eine klare Grenze zwischen Arbeit und Privatleben ziehen. „Sie kennt ihre Möglichkeiten und ihren Wert und fordert daher für sie passende Rahmenbedingungen.“ Dabei spiele den Jugendlichen der demografische Druck in die Karten. Nicht die Höhe des Gehaltes und der mit der Arbeitsstelle verbundene Status seien erstrangig für die Generation Z. Stattdessen stünden Selbstverwirklichung, Spaß am Beruf, gutes Arbeitsklima und passendes Arbeitsumfeld im Vordergrund. Laut Flachowsky nutzt die erste echte digitale Generation, die mit Smartphones aufgewachsen ist, ihr Handy im Durchschnitt täglich mehr als 200 Minuten. Nachwuchsansprache komme daher heute ohne Kommunikation über digitale soziale Netzwerke nicht mehr aus. Dabei stehen für den Referenten digitale Endgeräte im Mittelpunkt. Aus der Devise „Mobile First“ werde zunehmend „Mobile Only“. Dennoch dürfe die Live-Kommunikation nicht vergessen werden. „Jugendliche suchen und schätzen die persönliche Begegnung vor Ort in den Betrieben oder in Schulen.“

Referenten gaben Tipps für den Umgang mit Azubis.

Referenten gaben Tipps für den Umgang mit Azubis.

Prof. Dr. Armin Trost, Prof. Dr. Harald Schoelen und  Gero Hesse (v.l.).

Prof. Dr. Armin Trost, Prof. Dr. Harald Schoelen und Gero Hesse (v.l.).

Mobil kommt an

Dementsprechend sind für Gero Hesse Praktika das effektivste Instrument, um Jugendlichen gründliche Einblicke in Ausbildungsberufe zu vermitteln, diese zugleich auf Eignung zu prüfen und als Azubis zu gewinnen. „Gleich direkt dahinter kommen digitale Kanäle“, ist der Geschäftsführer der Agentur Territory Embrace überzeugt. Dabei komme es auf die Reichweite an. Sein Tipp: „Diverse Online-Ausbildungsportale wie ausbildung.de, azubiyo.de oder azubi.de ermöglichen kleineren Unternehmen, sich für schmales Geld digital zu präsentieren.“ Hesse glaubt, dass sich der Trend weiter Richtung Bewegtbild verschieben wird. „Die Sehgewohnheiten der jugendlichen User haben sich in den letzten Jahren total verändert – weg vom Text hin zum Video. Beliebteste Social-Media-Plattform für Jugendliche sei derzeit mit großem Abstand YouTube. Daher seine Prognose: „In zwei bis drei Jahren sind Videos erforderlich, um auf sein Unternehmen und offene Arbeitsstellen aufmerksam zu machen.“

Heinz-Georg Mors und Claudia Schmitz.

Heinz-Georg Mors und Claudia Schmitz.

Lernhäppchen servieren

In fünf Jahren die drei Abschlüsse Geselle, Meister und Bachelor erwerben. Wie das geht, erklärte Professor Dr. Harald Schoelen von der Hochschule Niederrhein in Krefeld, die ein triales Studium anbietet. Es verbindet eine Ausbildung im Handwerk mit einer Meisterfortbildung und einem betriebswirtschaftlichen Bachelorstudium. Vorteil laut Schoelen: Die Studierenden entwickeln sich zu Spezialisten im Handwerk mit einem umfangreichen betriebswirtschaftlichen Wissen und werden damit auf die Übernahme von Führungsaufgaben oder die Selbstständigkeit im Handwerk vorbereitet.

Auszubildende der Generation Z fordern eine andere Ansprache als Vertreter älterer Generationen, machte Claudia Schmitz deutlich. „Sie wollen als Teil des Teams wertgeschätzt werden und sich nicht als billige Arbeitskräfte ausgenutzt fühlen“, unterstrich die Inhaberin der Beratungs- und Weiterbildungsagentur Intercommotion. Demnach sehen heute Azubis ihren Ausbilder weniger als Führungskraft oder Coach, sondern eher als Versorger an, der sie zu einem erfolgreichen Ausbildungsabschluss führt. Der Ausbilder muss also neben der fachlichen Anleitung zunehmend im sozialpädagogischen und zwischenmenschlichen Bereich unterstützen.

„Die Aufmerksamkeitsspanne 15-jähriger Jugendlicher liegt bei etwa 60 bis 90 Sekunden“, berichtete die Trainern. Daher empfiehlt sie, Lehrinhalte in sehr kurzen Einheiten, so genannten „Learning Nuggets“, aufzubereiten. Denkbar sind aus ihrer Sicht interne Projekte, in denen dem Azubi in einem gesicherten Rahmen Verantwortung übertragen werden kann und die ihm mehr Selbstständigkeit ermöglichen. Beispielhaft nannte Frau Schmitz einen Videodreh, in dem der Azubi zum Beispiel einen Räderwechsel erklärt, oder auch die Organisation von firmeninternen Festivitäten. Zum Thema Unternehmensbindung gab die Ausbildungstrainerin den Teilnehmern mit auf den Weg: „Um die jugendlichen Azubis zu begeistern und zu halten, muss man ihnen auch rechtzeitig berufliche Perspektiven eröffnen.“

Persönliche Ansprache

„Das größte Problem bei der Gewinnung von Azubis ist, dass wir die Zielgruppe chronisch langweilen“, stellte Dr. Armin Trost von der Business School der Hochschule Furtwangen fest. Beispielhaft zeigte der Professor für Personalmanagement übliche Stellenanzeigen, die potenzielle Azubis heute sicher nicht ansprechen. Vielmehr gelte es, als Arbeitgeber zu überzeugen, Azubis mehr einzubinden und ihnen auch zu vertrauen. Zudem müssten sich die Betriebe mehr für Charaktere öffnen. „Individualität statt Konformität“, forderte der Recruiting-Experte. Im Weiteren riet er den Unternehmern, im mobilen Internet aktiv zu werden und es als Präsentationsplattform zu nutzen. Ebenso könne es über Kontaktpflege und Netzwerke gelingen, erfolgreich Mitarbeiter zu finden. Nicht wegzudenken sei der persönliche Bezug, sagte er und schlug verschiedenste Möglichkeiten vor, wie Fußballturnier, Grillabend, „Schlag den Geschäftsführer“ oder Speeddating. „Eine ‚Nacht der offenen Tür’ ist sicherlich cooler als ein Bewerber-Tag“, gab er die Richtung vor.

Unabdingbar für gute Qualität im Handwerk sind jedoch qualifizierte Mitarbeiter. Diese selber auszubilden, ist für Heinz-Georg Mors die beste Möglichkeit, um gute Fachkräfte zu gewinnen. Der NRW-Landespräsident des Fachverbandes Land- und Baumaschinentechnik plädierte dafür, auf potenzielle Interessenten zuzugehen. Es gelte, persönliche Kontakte zu pflegen, zu den Jugendlichen und deren Umfeld wie Eltern und Lehrer. Dass Technik und moderne Maschinen faszinieren, ist für Mors ein wichtiger Pluspunkt der Landtechnikbranche. Darüber hinaus biete das Handwerk aber auch vielfältige Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Damit jedoch die Ausbildung attraktiv bleibe, müssten die Inhalte immer wieder angepasst werden. Wichtiger Baustein sind aus Mors´ Erfahrung auch praxisnahe Lehrerschulungen, die die Qualität in der Ausbildung ebenfalls steigern. Abschließend brach Heinz-Georg Mors eine Lanze für das duale Ausbildungssystem, das weltweit als Erfolgsmodell gilt.


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