Magazin Berglandwirtschaft

Arbeiten am Hang :

Das Limit erkennen, nicht erfahren

Die Frage nach den Hangarbeitsgrenzen von zweiachsigen Fahrzeugen ist so alt wie die Fahrzeuge selber. Früher waren es Unfälle mit mehr oder weniger schweren Personen- und Maschinenschäden, die das Überschreiten von Hangarbeitsgrenzen manifestierten. Heute versuchen Forschung und Industrie mittels Simulation annähernd die Einsatzgrenzen zu berechnen. Ruedi Hunger von der Fachzeitschrift „Schweizer Landtechnik“ nennt die Praxistipps.

Arbeiten am Hang: Das Limit erkennen, nicht erfahren

Wenn aufgrund von Schwerpunktverlagerung die Kippgrenze erreicht wird, geht alles ganz schnell.

Die Herbstarbeiten auf den Wiesen werden dominiert vom Ausbringen von Gülle und Mist. Höhere Bodenfeuchtigkeit, tiefere Temperaturen, kürzere Tage und eine Grasnarbe mit nachgeschossenen Kräutern, charakterisieren die herbstlichen Bedingungen beim Befahren von Steillagen. Dadurch werden Wiesen, die unter sommerlichen Bedingungen mehrheitlich gut befahrbar waren, plötzlich glitschig und unberechenbar. 

Der Zustand der Grasnarbe ist kritisch zu prüfen! Besonders im Herbst können rutschige Fahrbahnen entstehen.

Der Zustand der Grasnarbe ist kritisch zu prüfen! Besonders im Herbst können rutschige Fahrbahnen entstehen.

Gleichzeitig ist Gülle, die mit dem Fass ausgebracht wird, eine äußerst dynamische Ladung, die augenblicklich auf jede zusätzliche Bodenunebenheit reagiert. Auch beim Ausstreuen von Mist verändert sich der Fahrzeugschwerpunkt kontinuierlich. Unter den erwähnten Bedingungen stellt sich daher täglich von neuem die Frage nach den Hangarbeitsgrenzen.

Die Rutschgrenze wird oft vor der Kippgrenze erreicht

Hangtauglichkeit wird gefördert durch geringes Gewicht, tiefen Schwerpunkt, breite Spur und geeignete Bereifung.

Die Einsatzgrenzen für Transporter werden beim Fahren in Schichtenlinie im Bereich von 45 bis 50 Prozent und in der Falllinie mit 60 bis 65 Prozent erreicht. Diese Werte sollen, vor allem im Grenzbereich, nur von geübten Fahrern mit genauen Geländekenntnissen angestrebt werden. Genaue Geländekenntnis bedeutet, dass Böschungen, Kanten, Kuppen, Unebenheiten und Wege in den eigenen Wiesen bekannt sind. Das richtige Einschätzen von Schatten- und Sonnenseite, ist ebenso essenziell für die Sicherheit, wie das Kennen von vernässten Stellen. Zwei weitere Einflussgrößen sind der aktuelle Zustand der Grasnarbe und extrem trockene Böden. Eine vermehrte überbetriebliche Zusammenarbeit bedingt eine genaue Absprache, damit schwierige Geländepassagen allen Beteiligten bekannt sind.

Üblicherweise wird die Rutschgrenze vor der Kippgrenze erreicht. Dies trifft besonders im Herbst zu! Allerdings sind beide Grenzen eng miteinander verknüpft. Ist ein Fahrzeug einmal in einer solchen, weitgehend unkontrollierbaren Situation, braucht es aufgrund der Beschleunigung nur noch ein Loch, einen Stein oder einen markanten Wechsel des Bodenzustandes, der das Rutschen abrupt stoppt und schließlich zum Kippen führt.

Die Einsatzgrenze am Hang liegt dort, wo noch ein befriedigendes Arbeitsergebnis möglich und eine ausreichende Sicherheit gewährleistet ist.

Anzeichen von Grasnarbenschäden beachten

Die botanische Zusammensetzung des Grasbestandes hat entscheidenden Einfluss auf die Befahrbarkeit. Eine dichte Grasnarbe mit entsprechend gut entwickeltem Wurzelwerk bietet mehr Sicherheit als eine schwache, lockere oder bereits wiederholt geschädigte Grasnarbe. Unter herbstlichen Bedingungen verschlechtert nachgeschossenes Gras die Fahrbedingungen zusätzlich. Die schwächere Sonneneinstrahlung hat zur Folge, dass Böden und Grasnarbe tagsüber oft feucht oder nass bleiben. Hanglagen, die im Sommer problemlos befahrbar sind, verwandeln sich so in rutschgefährdete „Fahrbahnen“.

Je steiler die Hanglage, desto stärker wirken die seitlichen Kräfte und desto kleiner wird das Gewicht, das senkrecht zum Hang wirkt.

Je steiler die Hanglage, desto stärker wirken die seitlichen Kräfte und desto kleiner wird das Gewicht, das senkrecht zum Hang wirkt.

Unter sommerlichen Bedingungen wird die Grasnarbe geschädigt, bevor die Sicherheit gefährdet ist. Damit dienen Grasnarbenschäden bei richtiger Einschätzung als Gradmesser der Gefährdung. Im Herbst ist das oft anders, weil die Rutschgrenze früher und oft überraschend erreicht wird.

Das Fahren mit Transportern im Steilhang führt zu großen maximalen Radkräften.

Beim Transporter treten die größten Radbelastungen und -entlastungen nicht bei Fahrten in Schichtenlinien, sondern in der Aufwärtsfahrt schräg zum Hang auf. Auffallend groß ist die Belastung des hangunteren Hinterrades bei schräger Aufwärtsfahrt. Insbesondere in den Wendebereichen sind Bodenbeschädigungen unvermeidlich. Güllefässer und Miststreuer mit Heckstreuwerk bzw. rückwärtslaufendem Kratzboden verschärfen das Problem durch Schwerpunktverlagerungen. Gleichzeitig wird das obere Vorderrad stark entlastet. Das kann soweit gehen, bis sich der Vorderteil des Transporters dreht.

Doppelbereifung ist auf der Hinterachse wirksam.

Sicherheitstechnisch ist es sinnvoll, mit Doppelbereifung die Fahrzeugspur zu vergrößern. Allerdings finden Radlastverschiebungen genau gleich statt. Im Mittelpunkt des Interesses steht in diesem Zusammenhang die Lage des Fahrzeugschwerpunktes. Bei Hanggeräteträgern liegt dieser im Bereich von 550 bis 700 Millimeter über dem Boden. Bei Traktoren liegt der Schwerpunkt Bauart bedingt höher, bei einem relativ hangtauglichen Traktoren zum Beispiel je nach Größe und Bereifung zwischen 900 und 1100 Millimeter. Ein höherer Schwerpunkt verschlechtert nicht nur die Standfestigkeit eines Fahrzeuges, sondern belastet das untere, am Hang laufende Rad, mit wesentlich mehr Gewicht. Am Aufstützpunkt eines Rades in Hanglage, wird die senkrechte Gesamtkraft aufgeteilt in eine Kraft, welche rechtwinklig zur Aufstandsfläche steht und einer Kraft, die parallel zur Aufstands- ebene verläuft*.

Diese Seitenkraft ist das eigentliche Problem, weil es nicht mehr «nur» um Bodenverdichtung geht, sondern zusätzlich um Schlupf welcher in Form von Grasnarbenschäden sichtbar wird und der zu großer Futterverschmutzung führt. Die sichtbaren Schäden der Seitenkraft werden beeinflusst durch das Absorbiervermögen des Bodens, das heißt, durch Bodenart, Bodenfeuchtigkeit und Wurzelwerk der Pflanzen. Zudem kommt den verwendeten Reifen eine Schlüsselposition zu. Beispielsweise können Terrareifen an spezifischen Hanggeräteträgern die einwirkenden Seitenkräfte besser ohne Grasnarbenschäden übertragen, als die mit relativ hohen Stollen ausgerüsteten „AS-Reifen“ eines Transporters bzw. Traktors.

Ein Traktor, der sein Gewicht auf drei Punkten abstützt – nämlich den Hinterrädern und dem Pendelpunkt auf der Vorderachse – ist grundsätzlich ein instabiles Fahrzeug.

Fazit: Nach den guten Fahrbedingungen in den Monaten Juli und August, verschlechtern sich diese in den Herbstmonaten oft. Steile Wiesen die im Sommer mit hangtauglichen Fahrzeugen (fast) problemlos befahrbar waren, werden kritisch. Erfahrungen zählen zwar zum Leben, Rutsch- und Kippgrenzen «erfahren», musste aber schon oft mit dem Leben bezahlt werden.


Diesen Artikel bewerten

Diskutieren Sie mit

blog comments powered by Disqus