sonderthema

Die Ackerlaster kommen aus der Nische

Agrartrucks: Die Ackerlaster kommen aus der Nische

Mit dem Cargos 800 hat Fliegl auch einen Agrar-Transportwagen mit möglicher Autobahn-Zulassung im Programm.

Von Tobias Meyer

Aktualisiert am

Von Ballenpressen bis Winterdienst: Wenn der Untergrund tragfähig ist und Geschwindigkeit eine große Rolle spielt, braucht es nicht unbedingt einen klassischen Standardtraktor. Die Auslastung im beinahe reinen Transport braucht es dafür aber.

Agrartrucks: Die Ackerlaster kommen aus der Nische

Den auch auf Alu-Schubböden spezialisierten Hersteller Knapen übernahm Krone 2019.

Hochspezialisierte Geräte haben oft ein Problem: Sie können nicht stark genug ausgelastet werden, um sich schnell zu amortisieren. Als Landwirt einen Sattelschlepper zu kaufen, statt den Transport mit einem sowieso vorhandenen Traktoren zu erledigen, schien daher bis vor wenigen Jahren noch ein absurder Gedanke. Inzwischen aber ändern sich die Eckdaten in der Landwirtschaft zunehmend: Die Betriebe werden immer größer, Lohneinsätze gefragter. Auf solchen Betrieben sind inzwischen Maschinen typisch geworden, die zum großen Teil logistisch arbeiten: Abfahren von diversen Erntegütern vom ersten Grünschnitt per Ladewagen im Frühjahr bis zu den letzten Rüben oder Körnermais im Herbst. Dabei müssen statt dem nahe gelegenen eigenen Hof heute auch weiter entfernte Biogasanlagen, industrielle Kunden für Holzhackschnitzel und Strohballen beliefert werden, gleichzeitig kommt der Wirtschaftsdünger ebenfalls von weiter entfernten Tierhaltern. Mit jährlich rund 520 Millionen transportierten Tonnen gilt der Agrarsektor in Deutschland als das zweitintensivste Transportgewerbe.

Die Schlepperhersteller haben bereits vor einiger Zeit auf diesen Trend reagiert. Statt den Traktor auf die Straße hinzuoptimieren, könnte man das Ganze aber auch von der anderen Seite denken und stattdessen einem Lkw die fehlenden Agrareigenschaften wie Zapfwelle und K80-Kugel implementieren. Gänzlich neu sind solche Extras nicht, da beispielsweise im kommunalen Einsatz für den Winterdienst eine Load-Sensing- Hydraulik schon länger auch für Lkw zu haben ist, hydraulische Kipper sind zudem auch auf dem Bau schon seit jeher üblich. Für die Agrarbranche werden die Laster aber noch einmal besonders zugeschnitten. Krone und Fliegl haben kürzlich ähnliche Konzepte präsentiert, was bei einem genaueren Blick auf deren Firmenstrukturen eigentlich nicht verwundert.

Bessere Logistik durch hauseigene Truckcenter

Die Krone-Gruppe hat ihre Wurzeln in einer Schmiede, die nach dem zweiten Weltkrieg gutes Geld mit dem Bau von Agraranhängern machen konnte – ein damals weit verbreitetes Geschäftsmodell für viele Metallhandwerker auf den Dörfern. Die langjährige Erfahrung ermöglichte es dann, 1971 auch mit der Herstellung von klassischen Lkw-Anhängern zu beginnen. Die zwei Standbeine der Krone-Group sind noch heute die Sparten Landtechnik in Form der Maschinenfabrik Bernard Krone in Spelle und die Nutzfahrzeuge mit dem Fahrzeugwerk Bernard Krone in Werlte. Seit 2019 ist zudem der niederländische Hersteller Knapen Trailers ein Teil der Krone-Gruppe, wobei diese weiterhin völlig selbstständig agiert. Außerdem ist man im Juni 2024 beim Lkw-Anhängerhersteller Schwarzmüller eingestiegen. Um alle notwendigen Komponenten für den Kunden bei einem Ansprechpartner zu bündeln, hat Krone beim hauseigenen Vertriebspartner Lankhorst Nord das Truckcenter etabliert: „In Zukunft wird es für Landwirte und Lohnunternehmen entscheidend sein, landwirtschaftliche Güter schnell, effizient und kostengünstig zu transportieren. Wir sehen hier einen klaren Trend zu einer sich professionalisierenden Agrarlogistik“, sagt Lankhorst Nord-Geschäftsführer Rainer Werda. Unter dem Namen Lankhorst Truckcenter möchte man nationaler Ansprechpartner für Agrar-Lkw werden. Dafür steht seit Ende 2024 auch eine passende Zugmaschine parat, die man zusammen mit dem Sonderfahrzeugbauer „Paul Nutzfahrzeuge“ konzipiert hat. Laut Bernhard Wasner, Geschäftsführer der Paul Group, bringe die Zusammenarbeit Synergieeffekte auf beiden Seiten: Krone rundet seine Angebotskompetenz ab, und Paul bekommt leichter Zugang zum Agrarmarkt.

Die Basis kommt dabei von Daimler: Der eigentlich für Baustellen konzipierte, 510 PS leistende Arocs hat bereits viele passende Komponenten wie einen Allradantrieb ab Werk dabei. Oben drauf packen die Krone-Partner dann vier Hydraulik-Steuergeräte, gespeist von einer Load-Sensing-Pumpe mit 240 l/min bei 210 bar. Die Bedienung der angehängten Geräte kann natürlich per Isobus erfolgen. Außerdem dürfen natürlich die AS-Stollen nicht fehlen: vorne sind regulär 445/65 R22,5 montiert, hinten 600/50 R22,5.

Agrartrucks: Die Ackerlaster kommen aus der Nische

Auch Krone hat eine Serie von Sattelaufliegern für den Agrareinsatz parat, jüngst auch eine passende Lkw-Zugmaschine.

Die Argumente: Agrar-Lkw sind kostengünstiger in der Anschaffung, punkten mit geringeren Wartungskosten und haben auch beim Verbrauch, durch ein geringeres Leergewicht, die Nase vorn. Die Vorteile bewerten die Hersteller mit bis zu 30 Prozent weniger Investition und 20 Prozent geringeren laufenden Kosten. Dass der Lkw in der Logistik dem Schlepper hinsichtlich Dieselverbrauch überlegen ist, bestätigte auch die Landwirtschaftskammer Niedersachsen in eigenen Tests. Die dortigen Experten schickten dafür neben einem regulären Lkw auch ein durch die Firma Stapel speziell auf Agraransprüche umgerüstetes Modell ins Rennen, der gegenüber einem regulären Sattelzug aber nur den zweiten Platz belegte: Die breiten, dafür aber bodenschonenden Agrarreifen und der Aufpreis für den Umbau machen ihn zwar etwas weniger wirtschaftlich. Ohne die Extras würde er aber weniger vielfältig auf den Feldern eingesetzt werden können, weshalb sich wiederum der Laster in Werksausstattung nicht so schnell amortisieren würde. Dieser Faktor ist bei einem reinen Moment-Aufnahme-Test nicht berücksichtigt.

Zwei Sparten: Agrar und Truck

Der Umbau-Spezialist Stapel kooperiert inzwischen mit dem vormaligen Konkurrenten Fliegl, beide haben einen Fokus auf Gülletechnik. Ihren gemeinsamen Nenner haben sie aber bei den Lastwagen gefunden: Denn auch Fliegl stieg bereits 1993 – als damals noch recht junge Agrartechnik-Firma – in das Segment der Lkw-Anhänger ein. Auch hier haben sich daraus zwei unabhängige Sparten für Agrar und Truck entwickelt. Heute finden diese durch die Überschneidungen in der Agrar- logistik wieder zusammen. Eine eigene Zugmaschine im Vertrieb bekam der bayrische Hersteller durch den Einstieg bei Stapel, wo Christian Fliegl seit Herbst 2024 auch als zweiter Geschäftsführer fungiert.

Agrartrucks: Die Ackerlaster kommen aus der Nische

Der Fliegl Farmtruck wurde ursprünglich vom neuen Kooperationspartner Stapel konzipiert.

Agrartrucks: Die Ackerlaster kommen aus der Nische

Hydraulik und K80-Kugel gehören beim Agrotruck zum guten Ton.

Für den Fliegl Farmtruck ist der MAN TGS das Grundfahrzeug, dessen Leistung von 480 PS vergleichbar ist mit dem Krone-Modell. Die Ausstattung kommt aber etwas spartanischer daher, die auffälligsten Änderungen sind die geländegeeigneten Räder in den Dimensionen 445/65 R22,5 (vorne) bzw. 600/50 R22,5 (hinten). Dafür geht Fliegl hier mit einem Sonderangebot ins Rennen: 230.000 Euro für die Zugmaschine samt einer 50 m3-Sattelmulde. Für diese Summe gibt es im Traktorenmarkt nirgends ein ähnlich mit Pferden und Volumen gesegnetes Gespann. Insgesamt bietet der Hersteller 22 Sattelauflieger-Varianten an, neben den bekannten Kippern, Abschiebern oder einfachen Ballenwagen auch das 28.000- Liter-Gülle-Überladefass mit optionaler Vogelsang Drehkolbenpumpe und Überladearm.

Modifikation für den Agrareinsatz

Der Hersteller Heizomat ist bereits seit 2017 ebenfalls mit einem Agrotruck unterwegs, ebenfalls auf Daimler-Arocs-Basis mit 510 PS. Seine mechanische Heckzapfwelle bringt 480 PS durch und ist mit einer Sattelplatte kombinierbar. Durch das Powershift-Getriebe lassen sich 1000 U/min der Zapfwelle bei 1550 Motor-U/min realisieren. Eine Load-Sensing Pumpe mit 220 l/min samt Durchflussmengenregulierung sowie ein Isobus-Terminal sind serienmäßig an Bord, K80 inklusive Zwangslenkung im Heck ebenfalls. Zur besseren Bedienung baut Heizomat eine eigens entwickelte Armlehne ein, welche die Bedienung von Hydraulik und Zapfwelle enthält.

Agrartrucks: Die Ackerlaster kommen aus der Nische

Wenn der Untergrund tragfähig genug ist, spricht im Transport nur die eingeschränkte Sicht zum Häcksler gegen den Lkw.

Die Modifikationen reichen hier vom gekürzten Rahmen bis in die Getriebesteuerung für den Fokus auf Feldarbeiten wie Ballenpressen oder Ladewagen. Reifendruckregelanlage, Fronthubwerk (oder nur kommunale Winterdienstplatte) sowie drei Sperren sind ebenfalls möglich. Die Agrar- und Forstvariante unterscheiden sich zudem durch die angepasste Kabine: Auf dem Acker reicht eine vergrößerte Heckscheibe, für den Wald und speziell den Holzhacker wird die Ecke hinter dem erhöhten drehbaren Beifahrersitz komplett verglast, wodurch sehr gute Sicht auf das Arbeitsgerät gewährleistet wird. Denn ein Manko des regulären Agar-Lkw gegenüber dem Traktor ist die schlechtere Rundumsicht: Trotz Modifikation mit mehr Glas gibt es immer noch viel Blech im Blickfeld. Das fällt Praktikern beispielsweise beim Silageabfahren neben einem Feldhäcksler auf, wo die Sicht auf Auswurfturm und Häckslerfahrer besser sein könnte. Auch das Arbeiten vor Presse und Ladewagen braucht eigentlich bessere Sicht auf Schwad und Pick-up, wobei eine Rückfahrkamera aber etwas helfen kann. Traktoren mit modernen, beinahe nur aus Glas montierten Vierpfosten-Kabinen sind in diesem Punkt vorteilhafter. Ob das reicht, auf die bessere Wirtschaftlichkeit des Lkw zu verzichten, hängt vom Einsatzfokus ab und muss schlussendlich der Kunde wissen.

Wer einen Hauch stärker in Richtung Arbeitsmaschine denkt, aber noch nicht ganz bei den schnellen Traktoren wie dem JCB Fastrac ist, kann auch noch den Unimog in Erwägung ziehen. Den gibt es ebenfalls auf Agrar getrimmt – immerhin sind das seine urältesten Wurzeln – mit etwa 350 PS und etwas besserer Sicht auf das Umfeld.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Mit der begrenzten Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h kann ein Agrotruck mit der Führerschein-Klasse T gefahren werden. Das Sonntagsfahrverbot für Lkw entfällt damit ebenfalls, was in der Erntesaisson ein absolutes Ausschlusskriterium für solche Fahrzeuge wäre. Zudem dürfen so auch bis zu 3 m breite Züge auf die Straße, beim regulären Lkw ist die Grenze bei 2,55 m. Der Fahrtenschreiber kann deaktiviert bleiben, wenn landwirtschaftliche Güter geladen sind und innerhalb von 100 km Umkreis bleiben (Gülle 250 km). Die sogenannte Berufskraftfahrer-Qualifikation braucht es ebenfalls nicht. Kfz-Steuerbefreiung durch grünes Kennzeichen ist möglich. Von der Maut befreit ist der Transport von landwirtschaftlichen Gütern durch den eigenen Betrieb und auch die damit verbundenen Leerfahrten. Dazu gehört auch die unentgeltliche Nachbarschaftshilfe. Dienstleister oder gewerbliche Biogasanlagen können sich dagegen nicht ohne weiteres von der Maut befreien lassen. Daher unbedingt genau mit den Zulassungsbehörden und dem Zoll klären, ob die Gegebenheiten dafür passen. Der Zoll behält sich durchaus vor, bereits von der Zulassungsstelle ausgehändigte grüne Kennzeichen wieder einzuziehen, falls im Nachhinein festgestellt wird, dass die Voraussetzungen nicht erfüllt werden.


Weitere Artikel zum Thema

weitere aktuelle Meldungen lesen