Aus für den Werkstattplausch?

Die Sicherheit am Arbeitsplatz wird allerorten großgeschrieben. Wie gehen Kunden und Mitarbeiter landtechnischer Werkstätten damit um? Und wie beeinflusst der Aspekt „Sicherheit“ das Verhältnis zwischen den Werkstattmitarbeitern und den Kunden? Eine europäische Bestandsaufnahme.

Werkstatt: Aus für den Werkstattplausch?

Ab hier ist für Kunden Stop! Bei Bartling-Landtechnik haben Kunden keinen Zugang zur Werkstatt. Das Rolltor wurde nur für das Foto geöffnet.

Werkstatt: Aus für den Werkstattplausch?

Kundschaft! Daniel Ridder (36) ist am Standort Detmold der Firma Bartling-Landtechnik unter anderem für den Verkauf und die Auftragsannahme zuständig. Gerade bearbeitet er einen Reparaturauftrag. Die Kunden- und Gerätedaten werden erfasst, der Kunde beschreibt den Fehler des Aufsitzmähers. Daniel Ridder stellt nach eingehender Prüfung eine Diagnose und erläutert den Kostenvoranschlag. Der Kunde erteilt den Reparaturauftrag, bekommt einen Abholtermin und verlässt wieder die Filiale. Das war es soweit.

Sind die Zeiten vorbei, als der Landwirt sein defektes Gerät gemeinsam mit dem Landmaschinentechniker unter die Lupe nahm und sich daraus bisweilen ein ausführliches „Benzingespräch“ entwickelte? Die Sicherheit für Kunden und Mitarbeiter landtechnischer Werkstätten steht an höchster Stelle und ist in vielen europäischen Ländern durch eine entsprechende Gesetzeslage unterfüttert (siehe Infokasten).

Wie setzen die Werkstätten diese Richtlinien um? Dirk Schmidt ist Geschäftsführer der Christian Janson-Landtechnik GmbH aus dem nordhessischen Diemelsee-Adorf. Der mittelständische, familiengeführte Landmaschinenbetrieb mit 40 Mitarbeitern an den Standorten Diemelsee-Adorf und Gudensberg ist im Bereich Agrartechnik, Forstgeräte und Pferdewirtschaft für den Großraum Kassel und Ostwestfalen aktiv. Die Hauptvertretungen des Unternehmens liegen bei Deutz-Fahr, Case IH, Steyr, Krone, Weidemann und Lemken.

Die Werkstätten in Diemelsee-Adorf und Gudensberg verfügen über aktuelle Diagnose- und Reparaturtechnik. Dort werden neben den genannten Markenunternehmen auch Arbeiten an allen anderen bekannten Landtechnik-Marken durchgeführt. Selbst Mähdrescher, Häcksler, Teleskoplader und Großtraktoren werden dort gewartet.

„Zutritt nur für Personal!“

„Zutritt nur für Personal!“ – Der Zugang zu den Werkstätten ist bei Janson-Landtechnik mit einer entsprechenden Beschilderung versehen. Die Kunden werden gleich an mehreren Stellen des Firmengeländes deutlich darauf hingewiesen, den Werkstattbereich nicht zu betreten. Bei akutem Bedarf weist man den Kunden direkt mündlich darauf hin, so Dirk Schmidt. Gerade während der Corona-Pandemie, die zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen verlangte, sei es für das Unternehmen sehr aufwändig gewesen, die Kunden auf das Thema „Zugangsbeschränkungen“ hinzuweisen, erklärt der Leiter des Unternehmens.

Werkstatt: Aus für den Werkstattplausch?

Daniel Ridder (rechts) von Bartling-Landtechnik bespricht mit einem Kunden einen Reparaturauftrag und weist dabei auch auf geltende Sicherheitsbestimmungen hin. Der klassische Verkaufstresen als „Punkt des Verkaufes“ ist immer noch ein wichtiger Ort der Kommunikation zwischen Kunde und Händler.

Kunden müssen die Werkstatt verlassen

Im 850 Kilometer südlich von Diemelsee gelegenen Neumarkt in Südtirol führt Christian Sanoll die Geschäfte der Firma Sanoll-Landmaschinen. Das Unternehmen verfügt über drei Standorte und führt den größten Gebrauchtmarkt Südtirols für landwirtschaftliche Maschinen. Für die Arbeitsbereiche Obst- und Weinbau, Bergwirtschaft und Kommunaltechnik führt Sanoll unter anderem Produkte von Antonio Carraro über Lindner, Deutz-Fahr, Lamborghini bis Same. Strikte Zugangsregeln gehören auch bei dem Sanoll-Team zum Alltag: Der Kunde fährt mit dem zu reparierenden Gerät zur Annahme. Dort werden die Kundendaten und der Auftrag erfasst. Danach durchfährt der Kunde mit seinem Gerät eine Eingangsschranke, wird im Werkstattbereich vom Werkstattmeister empfangen, der ihn berät. Danach muss der Kunde die Werkstatt aus sicherheitstechnischen Gründen sofort wieder verlassen! Diese strikte Regelung sei, so Christian Sanoll, anfangs bei einigen Kunden auf großen Widerstand gestoßen. Es gab Kunden, die genau aus diesem Grund anfangs die Zusammenarbeit mit Sanoll beendeten. Denn sie waren es gewohnt, den Reparaturen zum Teil beizuwohnen und Gespräche mit den Monteuren zu führen. Jetzt aber sei der Ablauf für alle Kunden strikt geregelt. Dies habe zunächst viel Überzeugungsarbeit seitens der Werkstatt bedeutet. Doch mit der eindeutigen Regelung für mehr Sicherheit könnten jetzt die Monteure ohne Störungen effizienter arbeiten, erklärt Christian Sanoll.

Ähnlich wird das Thema Sicherheit bei der Agravis Raiffeisen AG behandelt, die unter dem Dach der Agravis Technik Holding GmbH in 22 regionalen Gesellschaften (inklusive Beteiligungen) an 113 Standorten neue und gebrauchte landwirtschaftliche Maschinen vertreibt. Rund 2.400 Mitarbeiter bedienen die Kundschaft mit einem Produkt- und Dienstleistungsportfolio rund um die Landtechnik, vor allem mit einem umfangreichen Ersatzteil- und Werkstattservice. In den Werkstätten spiele die Sicherheit von Mitarbeitenden und Kunden eine große Rolle, so Christoph Serini, Leiter After Sales der Agravis Technik Holding GmbH. Daher achten die Technik-Gesellschaften darauf, dass die Kunden in diesem Bereich nicht unbegleitet unterwegs sind! „Kunden gehen in der Regel zu ihrem vertrauten Meister oder Werkstattleiter, mit dem sie über die Maschine sprechen“, erklärt Christoph Serini. In vielen Niederlassungen führe der Weg in die Werkstatt nur über das Meisterbüro. Die Kunden werden hier über die Arbeiten informiert, begleitet und erhielten so eine optimale Betreuung. Christoph Serini ergänzt, dass die Agravis-Werkstätten innerhalb der nächsten zwei Jahre Tablets und Smartphones zur mobilen Annahme erhalten, um die Werkstätten noch sicherer zu machen.

Zurück zu Bartling-Landtechnik. Das 1871 gegründete Unternehmen verfügt über vier Standorte in Ostwestfalen mit Versmold als Stammsitz. Rund siebzig Mitarbeiter arbeiten im Verkauf sowie in der Reparatur und Wartung von land- und kommunaltechnischen Geräten aller Art. Auch Gartengeräte für Privatkunden gehören zum breiten Portfolio, das von Marken wie Ako Weidezaun, Bobcat, John Deere, Kuhn, Merlo, Sabo und Stihl reicht. „Zugangsverbote für Kunden im Werkstattbereich sind für uns selbstverständlich“, sagt Geschäftsführer Christian Bartling. Und zwar solange sein Vater und er selbst denken könnten. Dies geschehe schon allein aus versicherungsrechtlichen Gründen. Sicher gäbe es Kunden, die gerne das Fachgespräch mit dem Werkstattmitarbeiter suchten. Aber das sei, erklärt Christian Bartling, ein verschwindend geringer Prozentsatz, was seiner Erfahrung nach auch für andere Fachwerkstätten zuträfe. Von den vier ostwestfälischen Standorten der Firma Bartling-Landtechnik seien drei Niederlassungen sehr stark auf den Bereich der Kommunaltechnik fokussiert. Hier sei das „Benzin-Gespräch“ von Kunde zu Mitarbeiter überhaupt kein Thema. Die Kunden geben die Geräte in der Werkstatt ab, der Auftrag wird erfasst und der Auftraggeber kommt erst zum Abholen wieder zur Werkstatt. Daniel Ridder vom Bartling-Standort Detmold kann dies bestätigen. Schon bei der Auftragsannahme würden die Kunden auf das Zutrittsverbot zur Werkstatt hingewiesen.

Die Frage, ob sich Werkstätten nicht in einem Spannungsfeld befinden würden, wenn sie zunächst aufwendig Kunden gewinnen und mit diesen dann später über Zugangsbeschränkungen sprechen müssten, beantwortet Daniel Ridder mit nur einem Wort: Transparenz! Wenn Bartling-Kunden Fragen zur Reparatur hätten, stünde der entsprechende Monteur am Tresen der Auftragsannahme sofort Rede und Antwort. Die bei der Reparatur ausgebauten Teile würden den Kunden sowieso immer gezeigt und das Bartling-Team informiere den Kunden vorab, wenn die Reparatur teurer würde als eine Neuanschaffung. Genau diese Offenheit sorge auf Kundenseite für tiefes Vertrauen, meint Daniel Ridder.

Firmenchef Christian Bartling sieht in dem Zugangsverbot neben dem Sicherheitsaspekt auch einen anderen Vorteil: Das Werkstattpersonal könne sich ungestört den Reparaturen und Instandhaltungen widmen. So würden Arbeitsabläufe optimiert, was letztlich auch dem zahlenden Kunden zugute käme, sagt Christian Bartling abschließend.

SCHNELL GELESEN

Die Sicherheit für Kunden und Mitarbeiter hat in Werkstätten für Land- und Kommunaltechnik oberste Priorität. Gleichzeitig wird bisweilen von Kundenseite der Wunsch nach dem direkten, persönlichen Austausch mit den Mechanikern geäußert. Ein Blick über Ländergrenzen hinweg zeigt, wie Werkstätten diesen Spagat im Arbeitsalltag meistern.

Sicherheit – Das sagt die Berufsgenossenschaft zum Zutritts und Aufenthaltsverbot

Die Zutritts- und Aufenthaltsverbote für Produktions- und Werkstattgebäude sind bereits in §9 der Vorschrift Nr. 1 der Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. (DGUV), Spitzenverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften, beschrieben: „Der Unternehmer hat dafür zu sorgen, dass Unbefugte Betriebsteile nicht betreten, wenn dadurch eine Gefahr für Sicherheit und Gesundheit entsteht.“ Wichtig der Verweis, dass sich der Aufenthalt Unbefugter als Gefahr für die Beschäftigten der Werkstatt erweist: „So kann zum Beispiel ein Versicherter, der sich an einer Werkzeugmaschine auf seine Arbeit konzentrieren muss, durch unbefugte Personen derart abgelenkt oder gestört werden, dass dadurch eine Gefahr entsteht.“

Wie der Werkstattinhaber seine Mitarbeiter und die Kunden auf die Zutritts- und Aufenthaltsverbote aufmerksam macht – ob durch Beschilderungen, permanente Bewachung oder andere Maßnahmen – bleibt dem Inhaber gemäß §9 im Rahmen seiner „unternehmerischen Freiheit“ selbst überlassen. Das zuvor formulierte Schutzziel ist jedoch zu erreichen! Zudem ist die nähere Ausgestaltung von Zutritts- und Aufenthaltsverboten ein Teil der Gefährdungsbeurteilungen, die in allen Unternehmen ab einem Beschäftigten Pflicht sind (§5-6, Arbeitsschutzgesetz). Sie dienen dazu, mögliche Gefährdungen am Arbeitsplatz zu ermitteln, zu bewerten und erforderliche Maßnahmen in die Wege zu leiten.

Die Pflicht zur Gefährdungsbeurteilung gehört auch für italienische Werkstätten der Land- und Kommunaltechnik gemäß dem Legislativ- dekret Nr. 81/2008 zur Pflicht.

Auf Nachfrage der Redaktion sind dem DGUV-Sachgebiet „Straße, Gewässer, Forsten, Tierhaltung“ Schrankensysteme als konkrete Zugangssperre in der Praxis bisher nicht bekannt. Stattdessen würden „Werkstattbereiche häufig verschlossen – mit konkreter Regelung der Schlüsselgewalt“. Oder es würden Schlüsselschalter oder Schlosssicherungen direkt an den Maschinen angebracht, um ein unbefugtes Benutzen wirksam zu verhindern.

In der DGUV-Information Nr. 209-007 „Fahrzeuginstandhaltung“ ist die Ausführung von Werkstattarbeiten nach sicherheitsrelevanten Gesichtspunkten festgelegt. Alles kein böser Wille. Im Gegenteil: Gemäß „kommmitmensch“ einer bundesweiten Kampagne der gesetzlichen Unfallversicherungen, soll damit eine Präventionskultur entwickelt werden, die dem Wohle aller – in unserem Fall Beschäftigten und Kunden – dienen soll.


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